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18.3.2008 | Von:
Bernd Gehrke

Die 68er-Proteste in der DDR

Ausmaß und Art der Proteste

Die wenigen durch Ost- wie Westmedien bekannt gewordenen Fälle eines Protestes gegen die militärische Intervention am 21. August 1968 ließen das Bild eines winzigen, nicht nennenswerten Protestes entstehen, der zudem vom Nachwuchs der Parteiintelligenz bestimmt wurde. Bekannt wurde vor allem die Verhaftung und die Verurteilung einer Gruppe um Frank und Florian Havemann. Sie hatten gegen die Unterdrückung des "roten Prags" Flugblätter verfasst und vor allem deshalb Aufmerksamkeit hervorgerufen, weil sie Kinder hoher SED-Funktionäre, von Künstlern oder eben des bekanntesten DDR-Oppositionellen waren. Doch das Jahrzehnte lang bestehende Bild der Proteste war falsch.

Angesichts der voll mobilisierten politischen und militärischen Macht des Sowjetblockes ist es nicht verwunderlich, dass die Intervention keine Revolte hervorbrachte, sondern dass angesichts der absehbaren unmittelbar-praktischen Aussichtslosigkeit von Widerstand es überhaupt zu Protesten kam. Der Schwerpunkt der noch am 21. August 1968 beginnenden Protestwelle lag im Zeitraum unmittelbar danach. In einer Analyse nach ihrem Abflauen wurden Anfang Oktober 1968 seitens des MfS 2 129 "Protestbekundungen" aufgeführt, 1 360 wurden zu den "wesentlichen Vorkommnissen" gezählt. Die wichtigsten Deliktgruppen "feindlicher Handlungen" waren das "Anschmieren" von 1 690 "Hetzlosungen" und die "Verbreitung selbstgefertigter Hetzschriften" in einer Anzahl von 7 587 Stück. Zusammen mit den "bei der Festnahme sichergestellten Hetzschriften" waren das insgesamt 10 487 Stück. Neben 294 Fällen von "anonymer Hetze", also Telefonanrufen oder Briefen wurden aber auch 74 "organisierte Sympathiekundgebungen" gezählt.[9]

Das Gros lag außerhalb der Betriebe. Häufig wurden sie konspirativ, sei es einzeln oder in kleinen Gruppen vorgenommen, insbesondere, wenn es sich um schriftliche Äußerungen handelte. Flugblätter, die oft in Briefkästen, aber auch in öffentliche Verkehrsmittel geworfen wurden, waren hauptsächlich eine Angelegenheit der Intelligenz. Losungen wie "Dubcek" und "Svoboda" oder die Fahne der CSSR wurden auf Strassen und Wände gemalt. In den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Neubrandenburg sind von verschiedenen Menschen und ohne Wissen von einander sogar die Nachrichtenkabel zwischen der NVA und den in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräften durchgetrennt worden. Andererseits beschimpften Cliquen der Arbeiterjugend wie in Leipzig-Taucha oder Torgau vorbeifahrende sowjetische Truppen, oder auch Polizisten und Staatsbedienstete offen und provozierend.[10] Ebenso demonstrativ offen waren auch symbolische Handlungen wie das Anstecken der CSSR-Fahne ans Revers.

Der Protest innerhalb von Betrieben war vorwiegend mit jenen betrieblichen Versammlungen verzahnt, die von Vertretern des Regimes einberufen wurden, um den Belegschaften sogenannte Zustimmungserklärungen abzupressen. Daher wurde der innerbetriebliche Protest überwiegend mündlich geäußert. So hatten sich beispielsweise 17 von 23 Kollegen der technischen Gebäudeausrüstung in Wanzleben geweigert, eine vorgelegte Zustimmungserklärung zum Einmarsch zu unterschreiben und erklärt, dass sie dies nur tun würden, wenn die Erklärung "für die CSSR und gegen die Russen" gerichtet wäre.[11] Ähnlich die Beispiele aus Ostberliner Betrieben, in denen auch die Verhaftung von renitenten Arbeitern als "Provokateure" belegt ist.[12] An Waggons, die morgens aus dem Karl-Marx-Werk in Magdeburg gezogen wurden, standen"Hetzlosungen" wie "Kommunistenschweine, Faschistenpack", die zusätzlich mit Hakenkreuzen und SS-Runen verziert worden waren.[13] Aus dem VEB Rewatex in Ostberlin ist bisher der einzige Streikversuch überliefert. Dort hatte ein Kesselwärter noch am Abend des 21. August 1968 die Dampfzufuhr für einen Betriebsteil abgestellt und versucht, "weitere Beschäftigte des Betriebes zu einer Arbeitsniederlegung zu veranlassen".[14]

Der Öffentlichkeitsgrad war bei den Demonstrationsversuchen am größten. So versammelten sich am Tage nach dem Einmarsch auf dem Erfurter Angereck 150 bis 250 Jugendliche, die versuchten, mit Passanten über den Einmarsch zu diskutieren. 36 Jugendliche wurden verhaftet. In Gotha, Erfurt, Weimar, Potsdam, Berlin und anderen Städten kam es ebenfalls zu Demonstrationenversuchen. Außerhalb dieser Städte war jedoch nur gerüchteweise davon etwas bekannt. Für Ostberlin, wo ein großer Teil der Flugblätter verteilt worden war, konnte die SED zur Wirksamkeit der Proteste erfolgreich feststellen: "In keinem Fall wurde Massenwirksamkeit erreicht, da gestreute Flugblätter sofort eingesammelt und geschmierte Losungen rasch entfernt wurden."[15] Diese Einschätzung kann für die gesamte DDR verallgemeinert werden. Die Protestaktionen erreichten keine Breitenwirkung und waren unter großem Risiko isoliert voneinander von einzelnen und kleinen Gruppen vorgenommen worden, deren Aktivität angesichts der Stärke und Mobilität des diktatorischen Überwachungsstaates zum Teil von der übrigen Bevölkerung nicht einmal bemerkt wurde.

Fußnoten

9.
ZAIG, Hinweise für Kollegiumssitzungen - Dienstbesprechungen, Anfang Oktober 1968; BStU, ZA, ZAIG 4725, in: Monika Tantzscher, Maßnahme "Donau« und Einsatz "Genesung.« Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968/69 im Spiegel der MfS-Akten, Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Reihe B: Analysen und Berichte Nr. 1/1994, S. 36.
10.
Vgl. Dorothee Wierling, Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002, S. 310, 312.
11.
Parteiinformation der Bezirksleitung der SED Magdeburg vom 3.9.68, Auszüge aus: 13908 Parteiinf., LV DOS S-A, LPA Magdeburg, in: SklavenAufstand, Nr. 51/1998, S. 21.
12.
Vgl. Stefan Wolle, Die DDR-Bevölkerung und der Prager Frühling, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1992) 36, S. 42.
13.
Parteiinformation (Anm. 11), S. 21.
14.
Einschätzung der HA IX, in: M. Tantzscher (Anm. 9), S. 123.
15.
Stadtarchiv Berlin, Rep. BV Berlin, A 1140/2, Bl. 47 - 49, zit. in: S. Wolle (Anm. 12), S. 43.