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18.3.2008 | Von:
Bernd Gehrke

Die 68er-Proteste in der DDR

Der politische Inhalt der Proteste

Die Breite der politischen Losungen reichte von "Russen raus" bis zu "Solidarität mit dem roten Prag". Die Hauptrichtungen der Forderungen fasste das MfS aus seiner gegnerischen Sicht wie folgt zusammen: "Aufwiegelung" gegen die Intervention und Versuche zu einer Kampagne für deren Rückgängigmachung; "Propagierung und Verherrlichung der konterrevolutionären Umtriebe in der CSSR und der sie fördernden und begünstigenden Politik rechter Kräfte in der KPC als Beispiel zu erstrebender Veränderungen in der DDR." "Hetze" gegen die SED-Führung und besonders gegen Ulbricht; "Aufwiegelung" gegen die Politik der Sowjetunion sowie Forderungen nach Abzug der sowjetischen Truppen aus der CSSR und der DDR. Aber auch die "Anspornung weiterer Kreise der Bevölkerung zu feindlichen Aktionen" und die Solidarisierung "mit den konterrevolutionären Kräften in der CSSR" führte das MfS auf. Hervorgehoben wurde, dass neben "schlagwortartigen Feindparolen" wie "Russen raus" auch "in relativ breitem Umfang" Losungen und Forderungen verbreitet waren, die "die konterrevolutionären Umtriebe als Verteidigung' des Sozialismus dargestellt" hätten, weshalb "die Maßnahmen der fünf verbündeten sozialistischen Staaten als gegen die Sache des Sozialismus gerichtet oder als völkerrechtswidrige Aktionen wie Okkupation, Intervention oder Aggression bezeichnet" wurden. Hinzu kamen wiederholt "Vergleiche mit dem Vorgehen der Faschisten nach dem Münchner Diktat bzw. der amerikanischen Aggression in Vietnam".[16]

An dem Protest waren verschiedene soziale Schichten der DDR-Gesellschaft beteiligt: Arbeiter, Angestellte und die Intelligenz, bis hinein in die Reihen der SED. Doch das Gros der Proteste ging auf die Arbeiterjugend zurück, auf Lehrlinge und Jungarbeiter, trotz der starken Sympathien der Intelligenz für den Prager Frühling. Die soziale Zusammensetzung der aufgrund von Protesten Verhafteten ist ein wichtiges Indiz und sie zeigt, dass rund drei Viertel von ihnen der Arbeiterschaft zuzurechnen sind. Bei den zwischen dem 21. August und dem 27. November 1968 eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen 506 Personen betrug der Anteil von Facharbeitern, sonstigen Arbeitern und Lehrlingen zusammen 71,7 Prozent. Innerhalb der Gruppe der Arbeiterschaft waren die Facharbeiter mit 189 Personen die größte Gruppe, gefolgt von 101 sonstigen Arbeitern und 73 Lehrlingen. 4,6 Prozent der Täter entstammten dem Kreis der Kulturschaffenden und der Intelligenz. Entscheidend für alle sozialen Gruppen war aber, dass 66 Prozent derjenigen, gegen die ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, junge Leute im Alter bis zu 25 Jahren waren. Von ihnen hatten rund 20 Prozent nicht einmal das 18. Lebensjahr erreicht. Der Frauenanteil ist statistisch nicht erfasst worden, dass Frauen beteiligt waren, ist bisher nur unter den Gruppen der jungen Intelligenz belegt.

Eine genauere Analyse der Protestarten und des Protestverlaufes liefert einige wichtige Hinweise auf den politisch-kulturellen Zustand der damaligen DDR-Gesellschaft. So ist von großem Interesse, dass Flugblätter innerhalb von Betrieben bisher nirgendwo nachgewiesen wurden und selbst schriftliche Losungen im Betrieb eine Ausnahme blieben. Auch in solchen Betrieben kamen sie nicht vor, in denen in der Vergangenheit auf diese Weise um die Betriebsöffentlichkeit gekämpft wurde.[17] Bei einer gleichzeitig eindeutigen Ablehnung der Intervention durch die Arbeiterschaft schließt dieser Umstand nahtlos an die Tatsache an, dass bei den Protesten innerhalb wie außerhalb der Betriebe nirgendwo innerbetrieblich agierende "Personenzusammenschlüsse" bekannt wurden, die eine organisierte oppositionell-politische oder gewerkschaftliche Gruppentätigkeit von Arbeitern erkennen lassen. Es gab offensichtlich nicht nur keine organisierten Gruppen, sondern auch keine oppositionellen Organisationsmilieus[18] von Arbeitern mehr, in denen die Option verankert war, speziell an Belegschaften politische Botschaften zu adressieren und die zugleich über die politisch-kulturelle Fähigkeit zu verfügten, kurzfristig oppositionelle Flugblätter oder selbst Losungen zu verfassen. Zugleich wird sichtbar, wie sehr die Betriebe 1968 von den Arbeitern als von oben durchherrschter sozialer Raum erfahren wurden. Das wird daran deutlich, dass zu den außerhalb der Betriebe "gefassten" Tätergruppen, die wegen "mündlicher Hetze" belangt wurden, häufig auch Arbeitskollegen gehörten oder dass Arbeitskollegen gemeinsam geplante Proteste außerhalb des Betriebes durchführten.[19]

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch die MfS-Einschätzung, dass in den ersten Tagen nach dem Einmarsch vorwiegend "Formen der schriftlichen Hetze" geäußert wurden. Die "mündliche Hetze" nahm erst danach wesentlich zu.[20] Das ist ein wichtiges Indiz dafür, dass die betrieblichen Proteste aus der Arbeiterschaft vor allem in dem Masse anstiegen, wie der Druck von oben zur Ableistung von Zustimmungserklärungen größer wurde. Daraus spricht ein deutlich defensives Protestverhalten zur Abwehr der Loyalitätszumutungen in den Betrieben. Die Gruppen der jungen Intelligenz hingegen, die in den ersten Tagen Flugblätter verbreitet hatten, waren entweder schon verhaftet oder hatten ihre Aktionen als sinnlos eingestellt, nachdem sich rasch abgezeichnet hatte, dass sie weitgehend wirkungslos bleiben würden.

Die kleinen Gruppen der jungen Intelligenz, die innerhalb kurzer Zeit Flugblätter verfassten, hatten keine für diesen Zweck geeigneten politischen Kontakte in Betriebe hinein. Jedenfalls sind dort keine Flugblätter von außerhalb bisher belegt. Diese Gruppen stammten häufig aus dem schon zuvor politisierten Teil der jugendlichen Subkultur, hatten zumindest Teile der oppositionellen westlinken Literatur oder die Prager Volkszeitung[21] gelesen oder verfolgten systematisch die verschiedenen internationalen Radiokanäle, die in deutscher Sprache sendeten bzw. politische TV-Sendungen. Auch wenn sie sich lediglich für Anfertigung und Verteilung der Flugblätter als kleine illegale Gruppe zusammenschlossen, so gaben sich einige von ihnen doch einen politischen Gruppennamen wie "Aktionskomitee der Schüler und Studenten" oder "SDS-DDR".

An Hand der Polizeiunterlagen aus Leipzig gab es noch eine dritte Gruppe von Protestakteuren: städtische Cliquen der männlichen Arbeiterjugend, die, ebenfalls in den ersten Tagen protestierten. Sie artikulierten spontan und zum Teil alkoholisiert "mündliche Hetze", indem sie Polizisten und andere Partei- und Staatsdiener offen und ohne Vorsicht beschimpften und unterschiedliche politische Losungen wie "Dubcek, Dubcek" oder auch "Russen raus" riefen.[22] Einige randalierten dabei und führten Sachbeschädigungen durch. Sie waren zumeist im Stadtteil verankert. Nach Dorothee Wierling handelte es sich bei dieser Gruppe um die in den 1960er Jahren häufig von SED, FDJ, Polizei und Stasi beklagten "Rowdys", die als Teil der parteistaatlich schwer integrierbaren jugendlichen Subkultur den Behörden immer wieder als so genannte Eckensteher oder als Beteiligte an Jugendkrawallen aufgefallen waren.[23] Interne Studien der Jugendforschung hatten freilich gezeigt, dass die typischen Anhänger der Beat-Kultur keine "Rowdys" waren.[24] Zudem befanden sich unter den in Polizeiberichten zusammengetragenen Gruppendelikten bei "mündlicher Hetze" keine derjenigen Jungarbeitergruppen, die im Zusammenhang mit Konflikten der Subkultur bekannt waren, wie die "Capitol-Meute". Beides spricht dafür, das es sich bei diesem Personenkreis eben nur um einen Teil jener "Rowdys" handelte, auf die sich die SED-Kampagnen bezogen.

Fasst man die drei Hauptgruppen des Protestes zusammen, so ergibt sich ein widersprüchliches Bild, bei dem sich aber die einzelnen Komponenten durchaus kompatibel auf einander beziehen lassen. Zumindest die schriftlichen Proteste von Oberschülern und Jungintellektuellen sowie die spontanen Straßenproteste von Gruppen der Arbeiterjugend waren eng mit der seinerzeit in die Subkultur verdrängten Beat-Kultur verbunden. Insofern kreuzten sich bei den Protesten zwei Entwicklungsstränge. Zum einen artikulieren die "Dubcek, Dubcek"-Forderungen mit ihrer unmittelbaren Stoßrichtung des demokratischen Sozialismus den seit den 1950er Jahren andauernde Konflikt um die Entstalinisierung und Demokratisierung im Ostblock. Die "Russen raus"-Rufe sind durchaus ein Teil dieses Entwicklungsstranges, der auch immer die Wendung gegen die diktatorische Besatzungs- oder Vormacht mit einschließt. Zum anderen schwingt wegen der Verankerung der Protestakteure in der Subkultur, aber auch wegen der Rezeption der herrschaftskritischen Literatur aus Westdeutschland eine neue politisch-kulturelle Dimension der Auseinandersetzung mit. Sie ist eng mit der Umwertung der in der DDR gültigen, sozialistisch drapierten preußisch-soldatischen Tugenden und der protestantischen Arbeitsethik verbunden. Nahtlos schließt sie sich an die sich gleichzeitig artikulierenden Konflikte in Westeuropa an, später wird sie sich mehr und mehr entfalten.

Fußnoten

16.
Einschätzung der HA IX, in: M. Tantzscher (Anm. 9), S. 123f.
17.
Vgl. Michael Hofmann, "Solidarität mit Prag". Arbeiterproteste 1968 in der DDR, in: G.-R. Horn/B. Gehrke (Anm. 1), S. 96.
18.
Vgl. Siegfried Weichlein, Sozialmilieus und politische Kultur in der Weimarer Republik (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Band 115), Göttingen 1996, S. 11 - 77, hier S. 15 - 17.
19.
Vgl. D. Wierling (Anm. 10), S. 311.
20.
Einschätzung der HA IX, in: M. Tantzscher (Anm. 9), S. 125.
21.
Diese Zeitung war eine Zeitung der deutschen Minderheit in der CSSR, die im Ostberliner Kulturzentrum der CSSR gekauft werden konnte. Sie publizierte wichtige Dokumente des Prager Frühlings.
22.
Vgl. Marc-Dietrich Ohse, Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961 - 1974), Berlin 2003, S. 206 - 209.
23.
Vgl. D. Wierling (Anm. 10), S. 311.
24.
Vgl. M. Rauhut (Anm. 3), S. 212 - 216.