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18.3.2008 | Von:
Bernd Gehrke

Die 68er-Proteste in der DDR

Bedeutung von 1968 für die DDR

Die unterschiedlichen Komponenten der Proteste waren nicht nur Facetten von längerfristigen Entwicklungsprozessen, sondern auch deren Generatoren. Die beiden wichtigsten Resultate des Jahres 1968 für die Konfliktgeschichte der DDR waren das Ende kollektiver Strategien der Interessenvertretung im Betrieb und damit der Untergang auch des letzten Rudimentes von eigenständiger Arbeiterbewegung. Parallel hierzu entstand eine - nach dem Mauerbau - neue Opposition, die aber nicht wie die Opposition in Polen an kollektive Kämpfe und damit größere Konflikte der gesellschaftlichen Mehrheiten anknüpfen konnte. In den Protesten hatten sich beide Wege gekreuzt.

Letztmalig hatten Arbeiter 1968 den Versuch unternommen, ihre Interessen im Betrieb kollektiv zu vertreten und dafür um die Betriebsöffentlichkeit zu kämpfen. Die Verhaftung von "Provokateuren" und der massive Einsatz von Parteiagitatoren im Verbund mit den Betriebsleitungen und Sicherheitsbehörden hatte zum endgültigen, bereits mit dem Mauerbau begonnenen Rückzug aus der Betriebsöffentlichkeit geführt. Die Folge war das große Schweigen der Mehrheitsgesellschaft nach 1968. Auf dieser Voraussetzung konnte der aufgeklärte Stalinismus in der Herrschaftszeit Erich Honeckers aufbauen und das Schweigen verstetigen, in dem er einen versorgungsdiktatorischen Herrschaftskompromiss[25] durchsetzte und einen vormundschaftlichen Sozialstaat schuf, bis dieser wegen Innovations- und Produktivitätsschwäche verfiel und der Herrschaftskompromiss zerbrach.

Parallel hierzu entstanden 1967/68 neue oppositionelle Milieus, deren Kontinuität trotz mancherlei Veränderungen bis 1989 reichte. An Personen, an der Kontinuität von Diskursen oder an Orten der Vergemeinschaftung lässt sich diese Kontinuität nachzeichnen. Diese Milieus wurden zum Träger immer wieder neuer und sich verändernder politischer Aktivitäten oder Gruppenbildungen. Die neue Opposition ging aus der Vernetzung und partiellen Überlappung von Milieus der kritisch-marxistischen und christlichen Intelligenz sowie der subkulturellen Jugendbewegung hervor.

Ihre doppelte Prägung aus westlicher wie östlicher Richtung in den Jahren 1967/68 ging gleichsam in ihre kulturellen "Gene" ein, auch wenn im Laufe von 20 Jahren sich die gesellschaftlichen Bedingungen, Diskussionen, Personen und die oppositionelle Praxis erheblich veränderten. Nach dem Ausfall der traditionellen Arbeiterschaft als oppositionelle Ressource gesellschaftlicher Konflikte, folgte nach einem Aufschwung Anfang der 1970er Jahre der Ausfall der traditionellen Intellektuellen und der Intelligenz am Ende der 1970er Jahre. Nur die Quelle der jugendlichen Aufsässigkeit und ihrer Subkulturen blieb unerschöpflich.

Fußnoten

25.
Der Terminus "Versorgungsdiktatur" lehnt sich an Konrad Jarauschs Begriff der "Fürsorgediktatur" an.