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6.3.2008 | Von:
Baldo Blinkert
Thomas Klie

Soziale Ungleichheit und Pflege

Versorgungspräferenzen in sozialen Milieus

Das wird jedoch nicht der Fall sein und ist es auch heute schon nicht. Die Chancen für das von den meisten Menschen gewünschte Pflegearrangement einer häuslichen Versorgung sind in hohem Maße sozial verteilt. Wer also sind die Privilegierten und wer die Benachteiligten?

Diese Frage können wir auf der Grundlage verschiedener Untersuchungen ziemlich klar beantworten. Wir haben diese Untersuchungen in der Altersgruppe der 40- bis 65-Jährigen durchgeführt - einbezogen wurden mittlerweile mehr als 2 000 Personen aus verschiedenen Regionen, Städten und ländlichen Gebieten, aus den west- und den ostdeutschen Bundesländern.[4] Die 40- bis 65-Jährigen sind für diese Forschungen eine besonders wichtige Altersgruppe, denn Menschen in diesem Alter müssen damit rechnen, dass das Thema "Pflegebedürftigkeit" für sie sehr bald relevant wird. Das gilt nicht unbedingt für die eigene Pflegebedürftigkeit, aber für die Notwendigkeit, für eine nahe stehende Person, die pflegebedürftig wird, die Verantwortung übernehmen zu müssen.

Wir haben in dieser Altersgruppe unter anderem gefragt, was man tun würde, wenn eine solche Situation entstünde: wenn eine nahe stehende Person pflegebedürftig werden würde.

Das Ergebnis aller Untersuchungen war immer das gleiche: Die Bereitschaft, einen pflegebedürftigen Angehörigen selbst zu versorgen, ist in hohem Maße sozial verteilt. Diese soziale Verteilung konnten wir recht gut mit dem Konzept des sozialen Milieus beschreiben.

Soziale Milieus sind gesellschaftliche Großgruppen, die sich durch gemeinsame Lebenslagen unterscheiden.[5] Diese lassen sich einerseits durch den sozialen Status beschreiben und andererseits durch den Lebensstil bzw. den Lebensentwurf. Der soziale Status zeigt an, in welchem Maße jemand über die strukturellen Ressourcen Einkommen, kulturelles Kapital und berufliche Möglichkeiten verfügt. Der Lebensentwurf kann unter anderem danach unterschieden werden, ob eher "vormoderne" oder eher "moderne" Orientierungen eine Rolle spielen. Ein Gradmesser dafür ist unter anderem die Art und Weise, wie die Frauenrolle interpretiert wird - diese kann eher auf die Familie und auf die Hausarbeit bezogen sein oder stärker auf Unabhängigkeit und berufliche Selbständigkeit. Soziale Milieus lassen sich dann durch diese beiden "Achsen" beschreiben.

Ob nun 7 Milieus unterschieden werden, wie in unserer Untersuchung, oder 5 oder 9, ist nicht so wichtig und spielt auch für die Ergebnisse keine so große Rolle. Diese waren immer außerordentlich eindeutig (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version):

Die größte Bereitschaft zur häuslichen Versorgung: zum Selberpflegen auch ohne professionelle Hilfen, konnte immer bei Personen mit niedrigem Sozialstatus und vormodernem Lebensentwurf beobachtet werden. Umgekehrt zeigte sich die geringste Bereitschaft zum Selberpflegen immer bei einem hohen Sozialstatus in Verbindung mit einem modernen Lebensentwurf. Und eine spiegelverkehrte Regelmäßigkeit konnte immer beobachtet werden, wenn es um die Präferenz für eine stationäre Versorgung ging: Diese wurde am wenigsten von Personen mit niedrigem Sozialstatus und vormodernem Lebensentwurf bevorzugt und am stärksten bei der Kombination eines hohen Status mit einem modernen Lebensentwurf.

Die Bereitschaft zur Pflege von Angehörigen lässt sich also am ehesten in Gruppen beobachten, die man zu den "Verlierern von Modernisierungsprozessen" rechnen kann: in Gruppen mit wenig strukturellen Ressourcen und bei allen jenen, deren Lebensentwurf weniger gut an den Modernisierungsprozess angepasst ist. Der Gegenpol dazu sind die gut Angepassten, also Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen und einem auf moderne Bedingungen zugeschnittenen Lebensstil. In diesen Milieus vertraut man eher der beruflich geleisteten Hilfe in Heimen oder einer häuslichen Versorgung mit professioneller Unterstützung.

Für die milieuspezifische Verteilung von Pflegepräferenzen gibt es natürlich Gründe. Unsere Untersuchungen zeigen deutlich, dass moralische Erwägungen bei der Wahl eines Arrangements durchweg eine sehr viel geringere Bedeutung haben als Kostenerwägungen. Die Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger in der Generation der 40- bis 65-Jährigen wird weniger unter moralischen Gesichtspunkten gesehen; sie wird eher als eine Verpflichtung mit Konsequenzen für die individuelle Kosten-Nutzen-Bilanz aufgefasst. In den statushöheren Milieus haben "Opportunitätskosten" eine große Bedeutung: Kosten, die entstehen, wenn man durch die Übernahme von Pflegeverpflichtungen auf attraktive berufliche und soziale Möglichkeiten verzichten muss. Diese Kosten fallen in den Milieus sehr unterschiedlich aus, und es sind vermutlich genau diese Abweichungen, die zu den Unterschieden in der Pflegebereitschaft führen: Mit steigenden strukturellen Ressourcen verringert sich einerseits die Bedeutung der mit einer Heimunterbringung verbunden ökonomischen Kosten, und es steigen andererseits die mit dem Selberpflegen verbundenen Opportunitätskosten. Mit sinkenden strukturellen Ressourcen steigt dagegen die relative Bedeutung der mit einer Heimpflege verbundenen wirtschaftlichen Kosten, und es sinken die mit dem Selberpflegen verbundenen Opportunitätskosten.

In den unteren Milieus ist die Heimpflege im Vergleich zum Selberpflegen kostenintensiv. Selberpflegen ist relativ preisgünstig, vor allem, wenn die pflegende Tätigkeit über Geldleistungen (in bescheidenem Umfang) honoriert wird und sich so das Haushaltsbudget aufbessern lässt. Die mit Selberpflegen verbundenen Opportunitätskosten sind dagegen relativ niedrig. Aufgrund des niedrigen Schulabschlusses und der weniger aussichtsreichen beruflichen Situation - besonders bei Frauen, die ja ganz überwiegend die Versorgung von Pflegebedürftigen übernehmen - spielt die Frage nach entgangenen Chancen eine relativ geringe Rolle. Das heißt natürlich nicht, dass Selberpflegen nicht auch hier mit Entbehrungen und Einschränkungen verbunden ist. Diese werden aber nicht zusätzlich noch durch den Verzicht auf aussichtsreiche berufliche Möglichkeiten oder die Aufgabe von sozialen und kulturellen Ambitionen überlagert.

In den mittleren und höheren Milieus stellt sich die Situation anders dar. Die Kosten einer Heimunterbringung sind natürlich auch spürbar, aber sie haben doch aufgrund der sehr viel besseren Einkommenssituation eine deutlich geringere Bedeutung. Hier ist sicher der Effekt der Pflegeversicherung nicht zu unterschätzen. In der Vergangenheit konnten Bezieher höherer Einkommen nicht damit rechnen, dass Heimkosten für einen Angehörigen durch die Sozialhilfe getragen werden. Die Pflegeversicherung übernimmt nun zumindest einen Teil davon, wodurch der abschreckende Effekt der Heimkosten deutlich geringer wird. In den höheren Milieus sind außerdem die Opportunitätskosten des Selberpflegens relativ hoch. Höhere Schulbildung und Berufsausbildung sind mit sozialen und kulturellen Ambitionen und mit der Orientierung an beruflichen und ökonomischen Chancen verbunden, auf die man beim Selberpflegen verzichten müsste. Die sich aus dieser strukturellen Konstellation ergebende Präferenz für die Heimpflege beruht also einmal auf der geringeren Bedeutung von Zwängen (höheres Einkommen) und zum anderen auf der durch den Bildungs- und Berufsabschluss erzeugten Vorstellung von Chancen, die man bei der selbst geleisteten Versorgung eines pflegebedürftigen Angehörigen nicht wahrnehmen könnte.

Betrachtet man die bis jetzt beobachtbare Richtung des sozialen Wandels, so lässt sich Folgendes feststellen: Die Präferenz für eine häusliche Versorgung ohne Inanspruchnahme professioneller Hilfen ist in den Milieus am stärksten ausgeprägt, die in der Vergangenheit am stärksten an Bedeutung verloren haben und die vermutlich auch weiterhin zahlenmäßig an Bedeutung verlieren werden.

Fußnoten

4.
Vgl. dazu u.a. Baldo Blinkert/Thomas Klie: Solidarität in Gefahr?, Hannover 2004.
5.
Vgl. dazu Stefan Hradil, Soziale Milieus - eine praxisorientierte Forschungsperspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2006) 44 - 45, S. 3 - 10.