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6.3.2008 | Von:
Baldo Blinkert
Thomas Klie

Soziale Ungleichheit und Pflege

Soziale Verteilung von Versorgungspraktiken

Was die Versorgungspräferenzen angeht, können wir also von einer eindeutigen sozialen Verteilung ausgehen, und es gibt auch soziologische Erklärungen dafür. Wie aber sieht es mit den Versorgungspraktiken aus? Ist die Versorgung pflegebedürftiger Menschen auch in der Praxis sozial verteilt? Diese Frage lässt sich mit einem eindeutigen "Ja" beantworten. Dazu können wir Belege vorlegen, die sich nicht auf Präferenzen beziehen, sondern auf tatsächlich praktizierte Pflegearrangements im Kontext einer häuslichen Versorgung. Wir sind auf diese Belege im Rahmen der von uns durchgeführten Begleitforschung zur Einführung eines persönlichen Pflegebudgets mit integriertem Case-Management gestoßen.[6] Im Kontext der Begleitforschung werden umfangreiche Informationen erhoben, mit denen sich auch Pflegearrangements in einer sehr präzisen Weise beschreiben lassen: unter anderem unter den Gesichtspunkten von Zeit und Geld.[7] Wieviel Zeit wird von verschiedenen Akteuren und Sektoren in den Pflegeprozess investiert? Wieviel Geld fließt im Gegenzug an diese Sektoren. Wir berichten hier nur über die Zeitaufwendungen. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich ein "durchschnittliches Pflegearrangement" in der folgenden Weise beschreiben: Von den rund 60 Stunden pro Woche leisten Angehörige ungefähr 40 Stunden, Freunde, Bekannte, Nachbarn 4 Stunden, professionelle Dienste 6 und sonstige berufliche und kommerzielle Anbieter 10 Stunden.

Von diesem "durchschnittlichen" Arrangement gibt es natürlich erhebliche Abweichungen, und diese zeigen eine deutliche soziale Verteilung.[8] Pflegearrangements - das heißt die Zeitbeiträge der verschiedenen Sektoren - lassen sich im wesentlichen durch zwei Faktoren erklären: einerseits durch den Bedarf, den wir durch den Grad der Pflegebedürftigkeit gemessen haben und andererseits durch die im sozialen Umfeld vorhandenen oder fehlenden Chancen für die Erbringung von Versorgungsleistungen. Die im sozialen Umfeld vorhandenen Chancen können vor allem durch die folgenden Bedingungen beschrieben werden: Verfügbarkeit und Stabilität des informellen Unterstützungsnetzwerks; Milieuzugehörigkeit der Hauptpflegeperson; Regions- bzw. Raumstrukturtyp. Diese Bedingungen korrelieren sehr hoch miteinander und auch mit den von verschiedenen Sektoren in die Versorgung eingebrachten Zeiten. Aufgrund dieser Zusammenhänge ist es möglich und sinnvoll, sie zu einer einzigen Kennziffer zusammenzufassen. Diese beschreibt, wie gut ein soziales Umfeld für eine häusliche Versorgung geeignet ist. Günstig für eine häusliche Versorgung durch Angehörige sind die folgenden Bedingungen: ein niedriger Sozialstatus und ein vormoderner Lebensentwurf der Hauptpflegeperson; eine eher ländliche Region; ein stabiles Unterstützungsnetzwerk. Ungünstig sind dagegen ein hoher Sozialstatus und moderner Lebensentwurf der Hauptpflegeperson; eine urban geprägte Region; ein wenig stabiles Unterstützungsnetzwerk. Fasst man diese Bedingungen zusammen, wird deutlich, wie stark die von Angehörigen in die Versorgung investierte Zeit sozial verteilt ist. (vgl. Abbildung 4 der PDF-Version)

Die pro Woche von der Familie investierte Zeit erhöht sich einerseits mit steigendem Bedarf - das heißt mit steigender Pflegebedürftigkeit. Andererseits aber wird unter "günstigen Umfeld-Bedingungen" bei jedem Grad der Pflegebedürftigkeit sehr viel mehr Zeit investiert als unter "ungünstigen Bedingungen". Diese Ergebnisse machen deutlich, wie relativ die Bedeutung von Begriffen wie "günstig" und "ungünstig" ist. "Günstig" unter dem Gesichtspunkt der häuslichen Versorgung einer pflegebedürftigen Person sind eher solche Bedingungen, die unter dem Gesichtspunkt von sozialer Anerkennung und Angepasstheit an moderne Lebensbedingungen "ungünstig" sind.

Eine interessante Frage ist natürlich, ob die durch das soziale Umfeld hervorgerufenen Benachteiligungen im Zeitaufwand für die Versorgung in irgendeiner Weise durch den professionellen Sektor kompensiert werden. Das ist in geringem Umfang der Fall: Je ungünstiger ein soziales Umfeld für die häusliche Versorgung ist, desto mehr Zeit wird für die Versorgung von professionellen Diensten in Anspruch genommen. Der beobachtbare Kompensationseffekt bewegt sich jedoch in einer eher geringen Größenordnung.

Fußnoten

6.
Das auf fünf Jahre angesetzte Modellprojekt zur Einführung eines persönlichen Pflegebudgets mit integriertem Case-Management in sieben Regionen von Deutschland und die dazu durchgeführte Begleitforschung werden von den Spitzenverbänden der Pflegekassen gefördert. Vgl. dazu Thomas Klie/Alexander Spermann (Hrsg.), Persönliche Budgets - Aufbruch oder Irrweg?, Hannover 2004. Merkmale des "persönlichen Pflegebudgets": 1.Es handelt sich um eine Geldleistung in Höhe der Sachleistungen. 2.Die Finanzmittel sind jedoch zweckgebunden an frei wählbare Pflegedienstleistungen von legalen Anbietern. 3.Es erfolgt eine Beratung durch Case-Manager, die auch die Qualität der Pflegedienstleistungen überprüfen.
7.
Vgl. dazu Baldo Blinkert/Thomas Klie, Die Zeiten der Pflege, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 39 (2006), S. 202 - 210.
8.
Die Analysen beruhen auf einer aus Programm- und Vergleichsgruppe zusammengefassten und gewichteten Stichprobe von 542 Pflegebedürftigen und deren Hauptpflegepersonen. Die Daten wurden durch persönlich-mündliche Interviews erhoben. Wo Vergleiche möglich sind - im Hinblick auf Pflegebedürftigkeit und Alter - ergeben sich kaum Unterschiede zur Grundgesamtheit der häuslich versorgten Pflegebedürftigen in Deutschland.