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6.3.2008 | Von:
Hermann Strasser
Michael Stricker

Bürgerinnen und Bürger als Helfer der Nation?

Freiwillig Engagierte in der Altenhilfe

Das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern befindet sich in Deutschland noch in einer Findungsphase, wenn es um die Betreuung hilfsbedürftiger alter Menschen geht. Vor allem seit den 1970er Jahren haben Tendenzen der Professionalisierung, Bürokratisierung und Hierarchisierung in den großen Wohlfahrtsverbänden dazu beigetragen, dass sich das Verhältnis zwischen haupt- und ehrenamtlicher Aufgabenwahrnehmung zugunsten bezahlter Arbeit verlagert hat.[7] Gerade durch die Professionalisierung von Tätigkeitsprofilen im Pflegewesen und die Einführung der Pflegeversicherung sind Organisationsstrukturen entstanden, die für bürgerschaftliches Engagement nur einen geringen Freiraum lassen.

Es ist bisher nicht gelungen, Strukturen zu schaffen, die über die tradierten Kontexte von Pflege zwischen Markt, Staat und Familie hinausgehen. Trotz zahlreicher Initiativen freiwilliger Unterstützungsleistungen gibt es im Rahmen der Pflegeversicherung kaum Anreizstrukturen zur Vernetzung bürgerschaftlicher Angebote. Markt und Staat spielen immer noch die zentrale Rolle im Wohlfahrtsmix des Pflegesektors.[8] Vielmehr orientieren sich die Organisationseinheiten an den Bedürfnissen bezahlter Kräfte. Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten richten sich daher eher nach den Bestimmungen des kollektiven Arbeitsrechts und kaum nach zivilgesellschaftlichen Meinungsbildungsprozessen. Von der Politik wurde die gesellschaftspolitische Relevanz der vielfältigen Kultur von Förder- und Pflegevereinen sowie anderer bürgerschaftlicher Organisationen auf lokaler Ebene lange nicht erkannt.[9]

In den letzten Jahren haben sich in Deutschland allerdings eine große Zahl von Seniorengenossenschaften, Freiwilligenagenturen oder -börsen sowie Selbsthilfegruppen mit starkem Dienstleistungscharakter herausgebildet. Durch sie ist es dem Individuum möglich, flexibel und in eigener Verantwortung das zu ihm passende und ihm mögliche Engagement zu wählen. Dem Szenario von Deutschland als "Alzheimer-Gesellschaft", in dem das gemeinschaftliche Zusammenleben zukünftig durch die steigende Pflegebedürftigkeit alter Menschen gelähmt werde, wird das Prinzip der kollektiven Verantwortung und einer größeren Betonung der bürgerlichen Pflichten des Einzelnen gegenübergestellt. Von diesem Engagement wird der Aufbau sozialen Kapitals im Sinne eines Brückenschlags zwischen Individuum und Gesellschaft erwartet.[10]

Bei der Suche nach Problemlösungen im demografischen Wandel wird gerade das Engagement der Senioren selbst hervorgehoben. In dieser aktiven Bürgergesellschaft sollen die Generationen, die nach dem Eintritt in den Ruhestand in der Regel einen relativ hohen Bildungsstand und eine gesicherte finanzielle Basis haben sowie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch eine längere Lebensphase in guter Gesundheit verbringen werden, mit ihrer Zeit und ihren Fähigkeiten für das Wohl der Gesellschaft wieder verpflichtet werden.[11] Allerdings ist zur Entfaltung und Stützung des Potenzials älterer Bürger der Einsatz anderer Personengruppen von entscheidender Bedeutung. So werden neben familiären Netzwerken aus Partnern, Kindern und anderen Verwandten auch im fünften Altenbericht der Bundesregierung die nicht-familiären Netzwerke aus Freunden, Bekannten und Nachbarn als wesentliche Stütze hervorgehoben. Überdies wird die stärkere Einbindung engagierter Freiwilliger in professionelle Hilfearrangements neben diesen privaten Netzwerken propagiert.[12]

Dass dies gelingen kann, zeigen die bisherigen Modellprojekte, in denen in ausreichendem Maße Freiwillige für die zu übernehmenden Aufgaben gefunden werden konnten. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts "Bürgerschaftliches Engagement und Altersdemenz: Auf dem Weg zu einer neuen Pflegekultur'?" zeigen nicht nur, welche Möglichkeiten sich dabei eröffnen, sondern auch, welche Hindernisse zu überwinden sind.[13]

Fußnoten

7.
Vgl. M. Stricker (Anm. 3), S. 96 - 101.
8.
Vgl. Adalbert Evers, Auf dem Weg zu einem neuen Wohlfahrtsmix? Pflege im Alter und der mögliche Beitrag der Bürgergesellschaft, in: Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V. (BaS)/Institut für Soziale Infrastruktur e.V. (ISIS), Grundsatzthemen der Freiwilligenarbeit. Theorie und Praxis des freiwilligen Engagements und seine Bedeutung für ältere Menschen, Praxisbeiträge zum bürgerschaftlichen Engagement im dritten Lebensalter, Stuttgart-Marburg-Erfurt 2002, S. 91ff.
9.
Vgl. Adalbert Evers/Thomas Olk, Bürgerengagement im Sozialstaat. Randphänomen oder Kernproblem, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 9 (2002), S. 12.
10.
Vgl. Reimer Gronemeyer, Kampf der Generationen, München 2004, S. 18; Franz Kolland/Martin Oberbauer, Vermarktlichung bürgerschaftlichen Engagements im Alter, in: Klaus R. Schroeter/Peter Zängl (Hrsg.), Altern und bürgerschaftliches Engagement. Aspekte der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung in der Lebensphase Alter, Wiesbaden 2006, S. 161.
11.
Vgl. Kirsten Ahner, "Ich will, dass etwas geschieht". Wie zivilgesellschaftliches Engagement entsteht - oder auch nicht, Berlin 2005, S. 29.
12.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Fünfter Bericht zur Lage der älteren Generationen in der Bundesrepublik Deutschland. Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Betrag der älteren Menschen zum Zusammenhalt der Generationen, Berlin 2005, S 355.
13.
Hermann Strasser/Michael Stricker, Bürgerschaftliches Engagement und Altersdemenz: Auf dem Weg zu einer neuen Pflegekultur'? Eine vergleichende Analyse, in: Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung, (2007) 2. Neben dem Wunsch nach der Einbindung freiwillig Engagierter in die Erbringung von Dienstleistungen für Menschen mit Demenz spielt in diesem Projekt die Prämisse eine große Rolle, dass freiwillig Engagierte die hauptamtliche Beschäftigung nicht ersetzen sollen und können.