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6.3.2008 | Von:
Hermann Strasser
Michael Stricker

Bürgerinnen und Bürger als Helfer der Nation?

Mit der Krise des Wohlfahrtsstaates wird der Ruf nach gesellschaftlicher Selbsthilfe immer lauter. Die Bürgerinnen und Bürger sind bereit, soziale Dienstleistungen zu erbringen, wenn professionelle Anbieter Unterstützung leisten und Spielräume für die Selbstorganisation bestehen.

Einleitung

Mit dem Leitbild der Bürgergesellschaft verbindet man die aktive Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger, die sich an demokratischen Prinzipien orientiert sowie unabhängig vom Staat und außerhalb des Marktes erfolgt. Die Schlüsselbegriffe in diesem Konzept lauten Bürgersinn und freiwilliges Engagement, Zivilcourage und Solidarität. Diese Vorstellungen von einer Gesellschaft schlagen sich in sozialem Kapital nieder, das bei den Individuen als persönliche Ressourcen in Erscheinung tritt, in der "Stärke schwacher Beziehungen"[1] zum Ausdruck kommt und sich in der Gesellschaft als Vertrauensgerüst entpuppt. Nicht zuletzt wirkt sich diese gesellschaftliche Einbettung positiv auf das Wohlbefinden der Menschen aus, wie beispielsweise eine Befragung in fünf österreichischen Städten im Zuge der OECD-Sozialkapital-Initiative unlängst ergeben hat.[2]








Einer so verstandenen Bürger- oder Zivilgesellschaft steht das Modell des Wohlfahrtsstaates gegenüber. Hier greift der Staat durch die Gesetzgebung in wesentliche Lebensbereiche der Bürger ein, um sie gegen Risiken wie Krankheit, Invalidität und Arbeitslosigkeit abzusichern. Zwischen dem Staat und dem Einzelnen stehen Organisationen, die einerseits eine Plattform darstellen, auf der Interessen und Wertvorstellungen des Einzelnen artikuliert und gebündelt werden. Andererseits überträgt der Staat gleichzeitig ausgewählten Organisationen - dem Subsidiaritätsprinzip folgend - die aus Rechtsansprüchen abgeleiteten sozialen Dienstleistungen und entlohnt sie dafür. Durch die in den vergangenen Jahrzehnten ausgebauten Ansprüche auf Sozialleistungen haben Anbieter sozialer Dienstleistungen (von den Wohlfahrtsverbänden und internationalen Hilfsorganisationen bis hin zu privaten Anbietern von ambulanten und stationären Altenhilfeeinrichtungen) an wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen. Aus dieser Nähe und teilweisen Abhängigkeit der intermediären Organisationen zu den staatlichen Institutionen ist, gemessen am Modell der Bürgergesellschaft, ein zwiespältiges Verhältnis entstanden.[3]

In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Diskussion über die Frage in den deutschsprachigen Ländern, wie eine fruchtbare Balance zwischen staatlich organisierter Solidarität und privat gestalteter Eigenverantwortung geschaffen werden könne. Kritiker wie Befürworter des Neoliberalismus in Europa stimmen darin überein, dass unsere Wirtschaft in den letzten Jahren eine Richtung eingeschlagen hat, in der mehr Eigenverantwortung weniger soziale Sicherheit und mehr unternehmerische Freiheit weniger Arbeitnehmerrechten gegenüber stünden. Als Folge dieser Entwicklung wird auf den Niedergang der Parteien und die zunehmende Politikverdrossenheit verwiesen. Gleichzeitig wird der Abschied von den sozialen Klassen bei gleichzeitiger Zunahme sozialer Ungleichheit dafür herangezogen, dass es kaum mehr soziale Gruppen gebe, auf denen Organisationen dauerhaft aufbauen könnten. Viele Menschen seien gesellschaftlich heimatlos geworden und reagierten zunehmend auf Situationen und Stimmungen: Sie orientierten sich an kurzfristigen Optionen und nicht so sehr an langfristigen Sinngehalten.[4] Es reicht daher nicht, den Bürgersinn nur als Pflaster für die Wunden des Marktes zu verstehen, und es reicht auch nicht, die Folgen der Individualisierung und der Bevölkerungsentwicklung beschwichtigend mit Wandel zu beschreiben.

Denn die Regulierungsmechanismen des Wohlfahrtsstaatsmodells greifen in einer vitalen Bürgergesellschaft nicht, da sich Menschen in ihrem Engagement nicht an den Rechtsansprüchen einer sich wandelnden Sozialgesetzgebung ausrichten. Durch die Kraft der Selbststeuerung müssen sich soziale Systeme anpassen und weniger Menschen mehr Leistung erbringen, wie Karl Otto Hondrich sogar im Geburtenrückgang die Glücksspuren für unsere Gesellschaft gelesen hat.[5] Da öffentliche Dienstleistungen aber im Wesentlichen durch bezahlte Kräfte erbracht werden, dürften in einer individualisierten und alternden Gesellschaft dazu auf lange Sicht nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stehen. Angesicht der Zahl der pflegebedürftigen Menschen von rund 2,1 Millionen Personen in Deutschland hat sich auch in der Politik in den letzten Jahren der Gedanke breit gemacht, freiwillig Engagierte in die Betreuung von Demenzkranken zur Entlastung von staatlicher und familiärer Pflege zu integrieren. Besonders mit dem seit 2002 geltenden Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetz hat die Bundesregierung niedrigschwellige Betreuungsangebote wie Helferkreise und Tagesbetreuungsgruppen gefördert. Freiwillige sind in diesen Angeboten eine wesentliche Unterstützung.[6]

In jedem Falle fordert uns diese Situation heraus, über neue alte, aber auch neue andere Wege der Organisation von Solidarität nachzudenken - mit dem Ziel, Gemeinschaft auch unter diesen Umständen als gelebte Verbundenheit zu ermöglichen, die sich in guter Nachbarschaft und bürgerschaftlichem Engagement äußert.

Freiwillig Engagierte in der Altenhilfe

Das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern befindet sich in Deutschland noch in einer Findungsphase, wenn es um die Betreuung hilfsbedürftiger alter Menschen geht. Vor allem seit den 1970er Jahren haben Tendenzen der Professionalisierung, Bürokratisierung und Hierarchisierung in den großen Wohlfahrtsverbänden dazu beigetragen, dass sich das Verhältnis zwischen haupt- und ehrenamtlicher Aufgabenwahrnehmung zugunsten bezahlter Arbeit verlagert hat.[7] Gerade durch die Professionalisierung von Tätigkeitsprofilen im Pflegewesen und die Einführung der Pflegeversicherung sind Organisationsstrukturen entstanden, die für bürgerschaftliches Engagement nur einen geringen Freiraum lassen.

Es ist bisher nicht gelungen, Strukturen zu schaffen, die über die tradierten Kontexte von Pflege zwischen Markt, Staat und Familie hinausgehen. Trotz zahlreicher Initiativen freiwilliger Unterstützungsleistungen gibt es im Rahmen der Pflegeversicherung kaum Anreizstrukturen zur Vernetzung bürgerschaftlicher Angebote. Markt und Staat spielen immer noch die zentrale Rolle im Wohlfahrtsmix des Pflegesektors.[8] Vielmehr orientieren sich die Organisationseinheiten an den Bedürfnissen bezahlter Kräfte. Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten richten sich daher eher nach den Bestimmungen des kollektiven Arbeitsrechts und kaum nach zivilgesellschaftlichen Meinungsbildungsprozessen. Von der Politik wurde die gesellschaftspolitische Relevanz der vielfältigen Kultur von Förder- und Pflegevereinen sowie anderer bürgerschaftlicher Organisationen auf lokaler Ebene lange nicht erkannt.[9]

In den letzten Jahren haben sich in Deutschland allerdings eine große Zahl von Seniorengenossenschaften, Freiwilligenagenturen oder -börsen sowie Selbsthilfegruppen mit starkem Dienstleistungscharakter herausgebildet. Durch sie ist es dem Individuum möglich, flexibel und in eigener Verantwortung das zu ihm passende und ihm mögliche Engagement zu wählen. Dem Szenario von Deutschland als "Alzheimer-Gesellschaft", in dem das gemeinschaftliche Zusammenleben zukünftig durch die steigende Pflegebedürftigkeit alter Menschen gelähmt werde, wird das Prinzip der kollektiven Verantwortung und einer größeren Betonung der bürgerlichen Pflichten des Einzelnen gegenübergestellt. Von diesem Engagement wird der Aufbau sozialen Kapitals im Sinne eines Brückenschlags zwischen Individuum und Gesellschaft erwartet.[10]

Bei der Suche nach Problemlösungen im demografischen Wandel wird gerade das Engagement der Senioren selbst hervorgehoben. In dieser aktiven Bürgergesellschaft sollen die Generationen, die nach dem Eintritt in den Ruhestand in der Regel einen relativ hohen Bildungsstand und eine gesicherte finanzielle Basis haben sowie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch eine längere Lebensphase in guter Gesundheit verbringen werden, mit ihrer Zeit und ihren Fähigkeiten für das Wohl der Gesellschaft wieder verpflichtet werden.[11] Allerdings ist zur Entfaltung und Stützung des Potenzials älterer Bürger der Einsatz anderer Personengruppen von entscheidender Bedeutung. So werden neben familiären Netzwerken aus Partnern, Kindern und anderen Verwandten auch im fünften Altenbericht der Bundesregierung die nicht-familiären Netzwerke aus Freunden, Bekannten und Nachbarn als wesentliche Stütze hervorgehoben. Überdies wird die stärkere Einbindung engagierter Freiwilliger in professionelle Hilfearrangements neben diesen privaten Netzwerken propagiert.[12]

Dass dies gelingen kann, zeigen die bisherigen Modellprojekte, in denen in ausreichendem Maße Freiwillige für die zu übernehmenden Aufgaben gefunden werden konnten. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts "Bürgerschaftliches Engagement und Altersdemenz: Auf dem Weg zu einer neuen Pflegekultur'?" zeigen nicht nur, welche Möglichkeiten sich dabei eröffnen, sondern auch, welche Hindernisse zu überwinden sind.[13]

Erfolgsträchtige Rahmenbedingungen

Einrichtungen der Altenhilfe schweben nicht im luftleeren Raum, vielmehr sind ihre Strukturen und Handlungsabläufe von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitgeprägt. Der Einfluss auf den Umfang, in dem Freiwillige in die Aufgabenerfüllung eingebunden werden, hängt u.a. davon ab, ob sich die Einrichtung auf dem Land bzw. in Kleinstädten oder in großen Ballungsgebieten befindet. Insgesamt sind die Möglichkeiten, viele Freiwillige zu gewinnen, die unterschiedliche Angebote machen, und zugleich die vielfältigen Kontakte aller Beteiligten untereinander und nach außen zu nutzen, dann besonders gut, wenn die Einrichtung im ländlichen oder kleinstädtischen Raum gelegen ist, es dort überschaubare und funktionierende lokale Strukturen gibt, der Anteil der bürgerlichen Mittelschicht hoch und ein ausgeprägtes kirchliches Milieu vorhanden ist.

Diese Parameter können von den Einrichtungen der Altenhilfe allerdings nur begrenzt beeinflusst werden. Insoweit stellt sich die Frage, welche Handlungsoptionen diese haben. Unsere Untersuchungen verschiedener Einrichtungen der stationären und ambulanten Pflege in verschiedenen Bundesländern legen die These nahe, dass der wesentlichste Erfolgsfaktor für die Gewinnung von Freiwilligen darin besteht, wie gut das Engagement in betriebliche Strukturen der jeweiligen Einrichtungen eingebunden ist. Gerade systematisch und langfristig angelegte Maßnahmen des Freiwilligenmanagements sind eine Garantie dafür, dass dauerhaft ausreichend Menschen für freiwillig zu übernehmende Aufgaben gefunden werden. Helferinnen und Helfer, die sich "nur" aus der Verbundenheit zu einer sozialen Gruppe heraus engagieren, befinden sich bereits heute auf dem Rückzug. In Deutschland hat die Etablierung einer professionellen Freiwilligenkoordination bisher allerdings kaum stattgefunden. Da die Entwicklung und der Unterhalt der Freiwilligenarbeit Kosten verursachen, ist es wichtig, eine Legitimationsbasis zur Weiterentwicklung vorhandener Strukturen zu schaffen.

Deshalb gilt es, ein ausgewogenes Verhältnis von Kosten und Nutzen der freiwilligen Arbeit aufzuzeigen, und sich die vielfach kritisierte Ökonomisierung der sozialen Arbeit nutzbar zu machen, indem Kosten und Nutzen von Freiwilligenarbeit gemessen werden. Die ökonomische Messung sollte in einen weiten Zusammenhang gestellt werden, der sowohl die Ziele der Organisation als auch den persönlichen und gesellschaftlichen Wert von Freiwilligenarbeit mit einbezieht.

Eine Win-Win-Situation kann dann erreicht werden, wenn sich die Einrichtungen erlauben, die legitime Frage nach dem individuellen Nutzen der freiwillig Engagierten als Gegenleistung für die unentgeltlich zur Verfügung gestellte Arbeitskraft zu stellen. Gerade vor dem Hintergrund objektiver Veränderungen des Arbeitsfeldes von Freiwilligen (etwa durch den zunehmenden Kostendruck oder gesetzlich normierte Qualitätsstandards) muss den gestiegenen Anforderungen (etwa höhere Qualifikation, Mobilität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf), die an Freiwillige gestellt werden, Rechnung getragen werden.[14] In diesem Sinne sollte die subjektive Seite des Strukturwandels des Ehrenamtes be- und aufgegriffen werden. Werkzeuge der Personalentwicklung wie Fördergespräche, Qualifizierungsangebote und Supervision sind nur einige Möglichkeiten, um dem Anspruch der neuen Ehrenamtlichen gerecht zu werden. Weil neben finanziellen vor allem personelle Ressourcen bereitgestellt werden müssen, um dem Anspruch einer qualifizierten Freiwilligenarbeit gerecht zu werden, fallen nicht unerhebliche Kosten für derartige Aufgaben der Personalentwicklung an.

Entscheidend für den Erfolg des Freiwilligen-Managements ist eine präzise Planung und Koordination der Organisationsabläufe. Das bestätigen auch die von uns untersuchten Einrichtungen, die für die Umsetzung eine Koordinationsstelle mit klarem Aufgaben- und Verantwortungsbereich bereits eingerichtet hatten. Die Koordinationskraft ist in der Einrichtung der Spezialist oder die Spezialistin für freiwilliges Engagement: Mittler zwischen den Freiwilligen, der Organisation und den hauptamtlich Tätigen, aber auch zugleich Lobbyist für freiwilliges Engagement. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, ein konstruktives Zusammenspiel zwischen hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herzustellen und zu fördern. Vor allem gilt es, Unsicherheiten im Umgang mit Freiwilligen abzubauen und Richtwerte für ein konstruktives Miteinander zu entwickeln. Gleichzeitig müssen den Hauptamtlichen im Freiwilligen-Management-Prozess Mitgestaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden.[15]

In unserer Studie konnten wir zeigen, dass die Wertschöpfung durch Freiwilligenarbeit deutlich höher ausfällt als die Kosten, die durch das systematische und strukturierte Vorgehen anfallen. Die Ergebnisse lassen sogar die Schlussfolgerung zu, dass die höchste Nutzen-/Kostenrelation die Einrichtung aufweist, deren strategische Ausrichtung und operative Freiwilligenstrukturen am ehesten dem in der Literatur vorgefundenen Idealmodell entsprechen.[16]

Darüber hinaus gibt es weitere Nutzenelemente, die durch Freiwilligenarbeit generiert werden. Auf der Ebene der Einrichtung lässt sich die Qualität der angebotenen Dienstleistungen durch gezieltes Freiwilligenmanagement merklich verbessern. Alle Beteiligten profitieren von besseren Betreuungsleistungen, die zu einer höheren Lebensqualität und größerem Wohlbefinden bei den betreuten Personen führen, vor allem aber Angehörige pflegebedürftiger Menschen entlasten.

Ferner werden die Leistungen und Organisationsabläufe transparenter, da freiwillig Tätige in der Regel ohne Umschweife Beschwerden vorbringen. Einrichtungen, die berechtigte Einwände nicht berücksichtigen oder Arbeitsabläufe nicht verbessern, werden diese dauerhaft nicht halten können. Entweder werden die Abläufe in der Organisation verbessert oder die Freiwilligen werden nach und nach die Einrichtung verlassen. Durch diesen Effekt entsteht eine deutliche Steigerung der Effizienz innerhalb der Einrichtung. Nicht zuletzt tragen freiwillig Tätige zu Innovationen in der Einrichtung bei, indem sie neue Ideen einbringen und dabei helfen, neue Betreuungsleistungen zu konzipieren. Ökonomischen Nutzen erzeugen die Einrichtungen dadurch, dass sie den Wert der Organisationsarbeit steigern, indem sie Leistungen anbieten, die sonst nicht hätten angeboten werden können, sei es aus Zeitmangel oder aus Kostengründen. Vor allem führen verbesserte Betreuungsleistungen zur Abgrenzung von Mitbewerbern. So haben ambulante Dienste Vorteile bei der Kundenbindung und einer möglichen Verzögerung des stationären Aufenthalts. Zum anderen begünstigt die Arbeit mit Freiwilligen die Einnahmen der Organisation in Form von Spenden und Fördergeldern.

Die Einrichtungen profitieren schließlich von Humankapitaleffekten. Alle von uns untersuchten Einrichtungen gaben an, Zugang zu besonderen Fähigkeiten zu erhalten, die Freiwillige mitbringen. Sie tragen zur Entwicklung des Personals bei, sei es durch Entlastungseffekte, sei es durch veränderte Einstellungen wie die Bereitschaft, Neues auszuprobieren. Eine Diversifizierung erfolgt durch die zum Teil sehr heterogenen Gruppen, in denen gearbeitet wird. Der andere, nicht nur fachlich geprägte Blick auf ihr Dienstleistungsspektrum, den Freiwillige mitbringen, kann als Korrektiv wirken. So beeinflussen freiwillig Tätige die Entwicklung der Organisation, indem sie neue Ideen einbringen und die Organisation in Kontakt mit der Umwelt halten. Indem sich Hauptamtliche und Freiwillige in ihrer Arbeit ergänzen, entstehen Bindekräfte sowohl beim bezahlten Personal als auch bei den Freiwilligen. Auf diese Weise wird nicht nur die Arbeitsmoral aller Beteiligten gesteigert, sondern auch die Rekrutierung neuer Ehrenamtlicher bzw. Hauptamtlicher erleichtert.

Auf der Ebene der Freiwilligen ist zu beobachten, dass Engagierte ihre freiwillige Tätigkeit durch die ihnen zuteil werdende Unterstützung im Engagement nutzen. Diese erhalten sie in Form von personeller Begleitung oder Auszeichnungen, die die Bewertung ihrer Arbeit widerspiegeln. Allerdings gibt es auch ein nicht genutztes Potenzial, das in der Regel durch fehlende Ansprache oder durch nicht geregelte Zuständigkeiten entsteht. Weiterhin wird Nutzen durch den Zugang zu gemeinschaftlichen Anlässen wie Treffen, Feste, Feiern oder Ausflügen generiert, an denen Hauptamtliche und andere wichtige Kontaktpersonen teilnehmen. Ein Mehr an Qualifikation und Kontakten durch Engagement entpuppt sich auf Seiten der Freiwilligen als "gesteigerte Ertragskraft" durch bessere Arbeitsmarktchancen. So sind freiwillig Engagierte seltener von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen als Personen, die keiner ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen.[17] Sie reichern auf diese Weise ihre persönlichen Ressourcen in Form von Sozialkapital an, indem sie Netzwerkbeziehungen aufbauen und dadurch sozialen Zusammenhalt stärken und Inklusion erleben.[18]

Auf der Ebene der Gesellschaft ergeben sich dadurch Nutzeneffekte, dass Freiwillige Leistungen erbringen, welche die Lebensqualität vieler Bürger steigern und dazu führen, sich durch die eigene Gesellschaft von anderen Gesellschaften positiv abzuheben. Insbesondere konnte im Rahmen des Projekts nachgewiesen werden, dass freiwillig Tätige zu einem gesteigerten Wohlbefinden bei Demenzkranken beitragen und darüber hinaus die Angehörigen merklich entlasten. Der Einrichtung mit dem höchsten Nutzen-/Kostenverhältnis gelang es, die Integration der betreuten Personen dadurch zu fördern und aufrecht zu erhalten, indem jedem Einzelnen dauerhaft eine freiwillige Bezugsperson aus dem Ort zur Seite gestellt wurde.

Fazit

Professionelle Arbeit mit Freiwilligen verursacht Vorlaufkosten, auch laufende Kosten, und bindet Zeit des Personals für die Einarbeitung und Begleitung der Engagierten. Dennoch steht dem Einsatz von freiwillig Tätigen ein Nutzen gegenüber, der die Kosten übersteigt. Auf Grund der mannigfachen Nutzeneffekte sollte die Arbeit mit Freiwilligen daher von den Einrichtungen als strategischer Vorteil begriffen werden, der zu einer Abgrenzung von Mitbewerbern führt. Es ist dabei unerlässlich, dass alle Personengruppen in die Arbeit einbezogen werden, die Freiwilligenstrukturen transparent gestaltet sind und den freiwillig Tätigen ein reichhaltiges Spektrum an Weiterbildungsmöglichkeiten geboten wird. Freiwilliges Engagement kann jenseits aller strukturellen Unterstützungsmöglichkeiten für Angebotsträger jedoch nur langfristig in größerem Ausmaß gesteigert werden, wenn die Einrichtung bereit ist, systematisch und strukturiert Freiwilligenmanagement zu betreiben. Unsere Forschungsergebnisse haben jedenfalls gezeigt, dass ein nachhaltiger Mix von Freiwilligen-, Erwerbs- und Familienarbeit in Einrichtungen der Altenhilfe unter den aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen möglich - und im Sinne von Klaus Dörner als "neue Bürgerhilfebewegung" auch notwendig ist.[19]
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Fußnoten

1.
Die "Stärke schwacher Beziehungen" bezieht sich auf eine Formulierung des amerikanischen Sozialforschers Mark Granovetter, the Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology, 78 (1973) 6, S.1360-1380. Im Gegensatz zu den starken Beziehungen familiärer, verwandtschaftlicher und freundschaftlicher Art soll mit der "Stärke der schwachen Beziehungen" auf Beziehungen verwiesen werden, die freiwillig aus beruflichem Interesse, Mildtätigkeit oder einfach Gemeinwohlorientierung zustande kommen. Die "schwachen Beziehungen" haben nicht den starken, universalistisch ausgerichteten Verpflichtungsrahmen auf emotionaler Grundlage, sondern sind partikularistisch auf den jeweiligen Zweck ausgerichtet. Die darauf aufbauenden "Beziehungen" schlagen sich als soziales Kapital bei Individuen nieder, das wiederum in Organisationen als Allianzen und Geschäftsverbindungen und auf der Ebene der Gesellschaft als moralischer Kitt zum Tragen kommt. Es ermöglicht erst das Zusammenleben und die Kooperation zum gegenseitigen Nutzen von Individuen und Institutionen.
2.
Vgl. Ernst Gehmacher et al. (Hrsg.), Sozialkapital: Neue Zugänge zu gesellschaftlichen Kräften, Wien 2006.
3.
Vgl. Michael Stricker, Ehrenamt als soziales Kapital: Partizipation und Professionalität in der Bürgergesellschaft, Berlin 2007.
4.
Vgl. z.B. Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, New York 2000; Peter Gross, Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt/M. 1999.
5.
Vgl. Karl Otto Hondrich, Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, Frankfurt/M. 2007, S. 28ff.
6.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Vierter Bericht zur Lage der älteren Generation: Risiken, Lebensqualität und Versorgung Hochaltriger - unter besonderer Berücksichtigung demenzieller Erkrankungen, Berlin 2002.
7.
Vgl. M. Stricker (Anm. 3), S. 96 - 101.
8.
Vgl. Adalbert Evers, Auf dem Weg zu einem neuen Wohlfahrtsmix? Pflege im Alter und der mögliche Beitrag der Bürgergesellschaft, in: Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V. (BaS)/Institut für Soziale Infrastruktur e.V. (ISIS), Grundsatzthemen der Freiwilligenarbeit. Theorie und Praxis des freiwilligen Engagements und seine Bedeutung für ältere Menschen, Praxisbeiträge zum bürgerschaftlichen Engagement im dritten Lebensalter, Stuttgart-Marburg-Erfurt 2002, S. 91ff.
9.
Vgl. Adalbert Evers/Thomas Olk, Bürgerengagement im Sozialstaat. Randphänomen oder Kernproblem, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 9 (2002), S. 12.
10.
Vgl. Reimer Gronemeyer, Kampf der Generationen, München 2004, S. 18; Franz Kolland/Martin Oberbauer, Vermarktlichung bürgerschaftlichen Engagements im Alter, in: Klaus R. Schroeter/Peter Zängl (Hrsg.), Altern und bürgerschaftliches Engagement. Aspekte der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung in der Lebensphase Alter, Wiesbaden 2006, S. 161.
11.
Vgl. Kirsten Ahner, "Ich will, dass etwas geschieht". Wie zivilgesellschaftliches Engagement entsteht - oder auch nicht, Berlin 2005, S. 29.
12.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Fünfter Bericht zur Lage der älteren Generationen in der Bundesrepublik Deutschland. Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Betrag der älteren Menschen zum Zusammenhalt der Generationen, Berlin 2005, S 355.
13.
Hermann Strasser/Michael Stricker, Bürgerschaftliches Engagement und Altersdemenz: Auf dem Weg zu einer neuen Pflegekultur'? Eine vergleichende Analyse, in: Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung, (2007) 2. Neben dem Wunsch nach der Einbindung freiwillig Engagierter in die Erbringung von Dienstleistungen für Menschen mit Demenz spielt in diesem Projekt die Prämisse eine große Rolle, dass freiwillig Engagierte die hauptamtliche Beschäftigung nicht ersetzen sollen und können.
14.
Vgl. Norbert Brömme/Hermann Strasser, Gespaltene Bürgergesellschaft? Die ungleichen Folgen des Strukturwandels von Engagement und Partizipation, in: APuZ, (2001) 25 - 26, S. 6 - 14.
15.
Vgl. Christiane Biedermann, Was heißt Freiwillige managen? Grundzüge des Freiwilligen-Engagements, in: Stefan Nährlich/Anette Zimmer (Hrsg.), Management in Nonprofit-Organisationen. Eine praxisorientierte Einführung, Opladen 2000, S. 107 - 128.
16.
Vgl. H. Strasser/M. Stricker (Anm. 13), S. 18 - 20.
17.
M. Stricker (Anm. 3), S. 69 f.
18.
Vgl. Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hrsg.), Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983, S. 183 - 198.
19.
Klaus Dörner, Leben und Sterben: Die neue Bürgerhilfebewegung, in: APuZ, (2008) 4, S. 21 - 25.