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28.2.2008 | Von:
Michael Meyen

Auslandsmedien im 21. Jahrhundert

Grenzen der grenzenlosen Kommunikation

Auslandsmedien hatten schon immer ein Legitimationsproblem.[9] Wer solche Angebote finanziert (ob Staaten, Religionsgemeinschaften oder politische Gruppen), muss mit einem Propagandaverdacht leben. Warum sollte Deutschland Geld in ein Hörfunkprogramm stecken, wenn dieses Programm nicht auch "deutsche Interessen" vertritt? Kann ein solches Programm objektiv sein? Darf es das überhaupt? Und wenn ja: Bleibt nicht immer der Vorwurf, entweder "nationale Nabelschau" zu betreiben oder aber sich nicht "von einer formalistischen Objektivitätslogik" befreien zu können und folglich keinen professionellen Journalismus zu liefern?[10] Generell gefragt: Warum und für wen wird gesendet? In den 1970er und 1980er Jahren wurde dem Westen vor allem aus Osteuropa, aber auch aus Asien oder Afrika vorgehalten, unter dem Deckmantel des free flow of information die nationale Souveränität untergraben und zu Umsturzversuchen anstiften zu wollen. Der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko forderte 1972 vor der UN-Vollversammlung sogar, grenzüberschreitende Sendungen künftig nur noch zuzulassen, wenn das "Empfängerland" solchen Sendungen vorher ausdrücklich zugestimmt hat.[11] Störsender und Empfangsverbote für nicht "genehmigte" Programme sehen durch diese Brille wie legitime Verteidigungsaktionen aus. Dass diese Debatte längst nicht ausgestanden ist, zeigt das Schlagwort media intervention, das die Spannungen und Krisen der Gegenwart begleitet.[12]

Mit solchen Zweifeln an der Lauterkeit, an der Qualität und an der Glaubwürdigkeit, die immer mitgesendet werden, sind Zweifel an der Wirkung verbunden. Zum Entstehungsumfeld des BBC-Weltprogramms oder von Radio Moskau in den 1920er und 1930er Jahren gehörte der Glaube an die Macht der Medien - ein Glaube, der durch das, was man bei Nationalsozialisten und Kommunisten beobachten konnte, noch gestärkt wurde. Inzwischen sind das Tausendjährige und das östlicheReich aller Propaganda zum Trotz Geschichte, und die kommunikationswissenschaftliche Forschung hat gezeigt, wie stark Medienwirkungen von den Persönlichkeitsmerkmalen des Empfängers, von seinem Umfeld und von der Situation abhängen - vor allem dann, wenn es um Überzeugungen und Handlungen geht und nicht einfach nur um Wissen. Auch wenn heute vielleicht die Deutungsmacht des Mediennutzers überschätzt wird: Die Zeiten einfacher Stimulus-Response-Annahmen (einer sendet, und die anderen denken und handeln, wie es dieser Sender will) sind vorbei. Der Politikwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber hat Angebote wie das Programm der Deutsche Welle folgerichtig "in der Tradition einer monologischen interkulturellen Kommunikation" verortet und einen Wandel in Richtung "Dialog der Kulturen" gefordert. "Der Monolog, das Selbstgespräch ohne Berücksichtigung des Gegenüber" sei in einer "komplizierter werdenden Welt" keine Lösung. Die "globalen Info-Eliten" würden jedenfalls kaum auf "deutsche Polit-PR im Fernsehformat" warten.[13] Praktiker wissen das schon lange. Mark Hopkins, der in Belgrad, Peking, Moskau und London die Büros des US-Auslandssenders Voice of America geleitet hat, kritisierte 1999 die "Radio Free This-and-That"-Politik seiner Regierung und meinte, es gebe höchstens anekdotische Beweise, dass ausländische Sendungen jemals die Einstellungen von Hörern oder Zuschauern verändert hätten.[14]

Publikumsforscher werden dies nicht gern lesen, aber schon die vergleichsweise einfache Frage nach den Nutzerzahlen ist oft kaum zu beantworten. Selbst dort, wo Repräsentativumfragen erlaubt und möglich sind (weil es zum Beispiel entsprechende Forschungsinstitute gibt), lohnen sich solche Erhebungen eigentlich nicht, weil die meisten Befragten keine Auslandsmedien nutzen dürften. Bei der aufwändigsten Untersuchung, die je von einem Auslandsdienst bezahlt wurde, kam Radio Free Europe/Radio Liberty in Osteuropa und Mittelasien 2001/02 auf eine durchschnittliche wöchentliche Reichweite von 9,2 Prozent.[15] In den 21 Ländern, in denen der Fragebogen ausgefüllt werden konnte, sagte folglich nicht einmal jeder zehnte der rund 42 000 Befragten, dass er wenigstens einmal in der vergangenen Woche eine der Sendungen aus Prag eingeschaltet hatte. Dass diese Daten dem Auftraggeber eher noch schmeicheln dürften, legt der Entstehungshintergrund der Studie nahe. Nur massive Proteste (unter anderem von Václav Havel) hatten Präsident Bill Clinton nach seinem Amtsantritt 1993 daran gehindert, Radio Free Europe/Radio Liberty zu schließen. Der Preis waren starke Budgetkürzungen, der Auszug aus dem Hauptquartier in München und die Suche nach einer neuen Aufgabe. Die Großuntersuchung von 2001/02 zeigte dann (wie gewünscht), dass der Sender zwar noch als pro-westlich gilt, aber sein Image aus dem Kalten Krieg abgelegt hat und als unabhängiger, professioneller Anbieter von Informationen gesehen wird.

Im Alltag helfen sich die Publikumsforscher mit Hörer- und Zuschauerbriefen, Expertendiskussionen und dem, was Hopkins "Anekdoten" genannt hat. Berichte von Diplomaten oder Reisenden sind allerdings kein Ersatz für eine öffentliche Debatte über die Qualität des Angebots. Da Auslandsmedien normalerweise in der Heimat nicht genutzt werden, kommunizieren die Journalisten sozusagen ins Blaue: Redakteure, Moderatoren und Sprecher werden auf der Straße nicht erkannt und von Nachbarn oder Freunden für ihre Arbeit weder gelobt noch getadelt. Um beim Beispiel DW zu bleiben: Im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen gibt es diese Rundfunkanstalt nicht, obwohl sie im Jahr über eine Viertelmilliarde Euro kostet. Kai Hafez hat zudem auf die "babylonischen Verhältnisse" hingewiesen, die innerhalb einer solchen Institution herrschen.[16] Wo Sendungen und Webseiten in 30 Sprachen produziert werden, dürften Kritik und Kontrolle schon deshalb schwierig werden, weil die Verständigungsmöglichkeiten von Bürotür zu Bürotür begrenzt sind. Während andere Journalisten auch (und manchmal vielleicht sogar vor allem) für die Kollegen bei der Konkurrenz oder im eigenen Haus produzieren und in der Regel sehr genau wissen, was ihr Publikum hören, sehen oder lesen will, haben Auslandsmedien nur zwei Referenzpunkte: Politiker und Experten.

Dies ist auch deshalb ein Problem, weil diese beiden Gruppen von Medienangeboten anderes erwarten als die Mehrheit der Bevölkerung. Die Forschung hat bestätigt, dass Mediennutzer überall auf der Welt vor allem nach Unterhaltung suchen - nach Entspannung und nach einem Zeitfüller, nach Gesprächsstoff und nach Verhaltensmodellen. Dazu kommt der Wunsch, die Umwelt überschauen und kontrollieren zu können - ein Bedürfnis, das vor allem auf die unmittelbare Umgebung zielt (auf die Region oder das Heimatland) und das Nachrichtensendungen bedienen, indem sie den Hörer oder Zuschauer mit der Gewissheit entlassen, nun Bescheid zu wissen. Welche Untersuchung man auch zur Hand nimmt: Ausgesprochen politische Angebote (etwa Hörfunkkommentare oder Leitartikel) erreichen, abgesehen von Krisenzeiten, stets nur Minderheiten.[17] Die Studie von Radio Free Europe/Radio Liberty zeichnet ein exemplarisches Porträt solcher Hörer: vor allem Männer, die etwas älter als der Durchschnitt sind, mehr verdienen, einen höheren Schulabschluss haben und eher in Städten leben.[18] Was dies für Auslandsmedien bedeutet, liegt auf der Hand. Ist die Nutzerzahl ohnehin begrenzt, weil der Unterhaltungseffekt wegfällt, wird die (potentielle) Reichweite durch die Empfangsbedingungen weiter verkleinert. Viele Hörfunkprogramme aus dem Ausland senden längst nicht rund um die Uhr und sind oft nur über Kurzwelle zu bekommen - ein mühseliges Unterfangen, bei dem von Hörgenuss keine Rede sein kann.

Gar nicht so unwahrscheinlich ist außerdem, dass der Empfänger etwas ganz anderes bekommt als er eigentlich wollte. Wer ins Ausland sendet, steht vor dem Problem, seine Zielgruppen bestimmen zu müssen. Für wen sollen die Programme der DW gemacht werden? Für Auswanderer und ihre Nachkommen? Für Deutsche, die vorübergehend im Ausland arbeiten? Für Lateinamerikaner oder Vietnamesen, die in Deutschland gearbeitet oder studiert haben und den Kontakt in das Gastland von einst nicht verlieren möchten? Für Araber oder Rumänen, die noch nie in Deutschland waren, aber die Sprache lernen und Nietzsche bewundern? Oder für Menschen, die in einem Land ohne Medienfreiheit leben und auf der Suche nach objektiven Informationen sind, und zwar nicht über deutsche Landschaften und Denker, sondern über die Lage in ihrer Heimat? Mit jeder Antwort verliert man einen Teil der möglichen Kundschaft. Anfang der 1990er Jahre wurde der deutschsprachige Dienst der DW vor allem genutzt, um sich über Deutschland zu informieren und die Verbindung in dieses Land zu halten.[19] Beides geht inzwischen über das Internet besser.

Fußnoten

9.
Vgl. Donald R. Browne, International Radio Broadcasting. The Limits of the Limitless Medium, New York 1982.
10.
Vgl. K. Hafez (Anm. 3), S. 165.
11.
Vgl. Barthold C. Witte, Der Kampf um die "Neue Welt-Informationsordnung" (1968 - 1990), in: Dietrich Schwarzkopf (Hrsg.), Rundfunkpolitik in Deutschland. Bd. 2, München 1999, S. 1091 - 1101.
12.
Vgl. Barbara Thomaß, Programme aus dem Ausland und Programme für Ausländer, in: ebd., S. 1076.
13.
Hans J. Kleinsteuber, Auslandsrundfunk in der Kommunikationspolitik, in: Andreas Hepp/Martin Löffelholz (Hrsg.), Grundlagentexte zur kulturellen Kommunikation, Konstanz 2002, S. 345 - 372.
14.
Vgl. Mark Hopkins, A Babel of Broadcasting, in: Columbia Journalism Review, (1999) July/August, S. 44 - 47.
15.
Vgl. R. Eugene Parta, How Our Listeners See Us, in: Oliver Zöllner (ed.), Reaching Audiences Worldwide, Bochum 2003, S. 65 - 77.
16.
Vgl. K. Hafez (Anm. 3), S. 166.
17.
Vgl. Michael Meyen, Mediennutzung, Konstanz 2004.
18.
Vgl. R. E. Parta (Anm. 15), S. 76.
19.
Vgl. Klaus Schönbach/Sylvia Knobloch, Die Deutsche Welle und ihr Publikum, in: Walter A. Mahle (Hrsg.), Deutschland in der internationalen Kommunikation, Konstanz 1995, S. 183 - 191.