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Europäische Öffentlichkeit und europäische Auslandssender

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Europäische Öffentlichkeit und europäische Auslandssender

Hans J. Kleinsteuber

/ 16 Minuten zu lesen

Vielfach wird bemängelt, dass es eine europäische Öffentlichkeit bislang nur in Ansätzen gibt. Der Beitrag prüft, welche Rolle die Deutsche Welle und andere europäische Sender spielen.

Einleitung

Dieser Beitrag geht von der unbestreitbaren Feststellung aus, dass es eine europäische Öffentlichkeit bisher bestenfallsin Ansätzen gibt. Wir haben hoch entwickelte nationale und lokale Systeme der medialen Berichterstattung, aber die gesamteuropäische Perspektive kommt dabei kaum vor. Nun betreiben viele Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) gut ausgebaute Auslandssender, und es liegt nahe, nach ihrem Beitrag zum europäischen Einigungswerk zu fragen.



Nachfolgend werden kurz die leitenden Begriffe "Öffentlichkeit", "Europa" und "Ausland" geklärt, dann wird auf Entstehung und Stand europäischer Medien einschließlich der Auslandssender eingegangen. Schließlich wird die Deutsche Welle (DW) als einer der derzeit bedeutenden Akteure in den Mittelpunkt gestellt, wo man seit einigen Jahren um das europäische Kommunikationsdefizit weiß und Strategien entwickelt hat, um einen Beitrag zur Minderung zu leisten. Abschließend wird gefragt, was künftig zu tun sein wird.

Öffentlichkeit, Europa, Ausland - schillernde Begriffe

Öffentlichkeit meint in seiner unmittelbaren Bedeutung, dass etwas weder geheim noch privat ist. Das Europäische Parlament tagt - wie jedes andere Parlament - öffentlich, mehr noch, Europäerinnen und Europäer können seinen Verhandlungen auch via Satellit und online folgen. In einer weiteren Bedeutung sind staatliche Organe gehalten, über ihre Tätigkeit zu berichten. So stellt beispielsweise die EU auf ihrer Webseite in allen 23 Sprachen der Mitgliedsländer ihre Arbeit dar; das nennt man Öffentlichkeitsarbeit. Aber die so entstehende Transparenz europäischer Organe schafft erst die Voraussetzungen, um das hervorzubringen, was der hier verwendete Begriff von Öffentlichkeit meint, der reale Beobachtung mit normativen Elementen verbindet.

Der Name des deutschen Philosophen Jürgen Habermas steht für dieses Konzept, wobei er von Entwicklungen ausgeht, wie sieseit dem 18. Jahrhundert in Nationalstaaten Europas (Großbritannien, Frankreich, Deutschland) zu beobachten waren: Ein zunehmend selbstbewusstes Bürgertum, wirtschaftlich deutlich erstarkt, begann zu fordern, über das politische Handeln der aristokratischen Obrigkeit informiert zu werden, um dieses daraufhin diskutieren, kommentieren und kritisieren zu können. Daraus entstand eine Idealvorstellung von Öffentlichkeit, in der sich informierte Bürgerinnen und Bürger eine Sphäre schaffen, in der sie sich darüber austauschen und verständigen, wie Politik in ihrem Sinne gestaltet werden soll. Die so entstehende deliberative Demokratie setzt voraus, dass Bürger Zugang zu unabhängig berichtenden Medien haben und diesen auch tatsächlich nutzen. Während dies in den Nationalstaaten vergleichsweise hoch entwickelt ist, stimmt der Blick auf Europa pessimistisch, weil europabezogene Medien bislang kaum entwickelt und differenziert-kritische Berichterstattungen eher die Ausnahme sind. Mit Vorbehalten könnte man fast sagen, Europa steht heute dort, wo seine Einzelstaaten im 18. Jahrhundert standen.

Wenn wir heute von Europa sprechen, kommen uns zumeist die inzwischen 27 Staaten der EU in den Sinn. Tatsächlich aber stellt sich Europa wie ein System konzentrischer Kreise dar, in dessen innerstem die Gründerstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stehen, darunter auch Deutschland, dann die Staaten der Euro-Währungszone, darauf folgend die der EU (denen sich in Teilfeldern längst auch Länder wie die Schweiz und Norwegen angeschlossen haben) und schließlich an der Peripherie das Europa des Europarates und der OSZE, die mit über 50 Staaten quer durch Asien bis an den Pazifischen Ozean reichen und beide auch medienpolitisch aktiv sind. Es wird jeweils zu fragen sein, welches Europa angesprochen ist.

Dies ist auch für den ganz selbstverständlich im Titel verwandten Begriff des Auslands sehr wichtig. Im traditionellen deutschen Staatsverständnis versteht man darunter Territorium, das außerhalb der Landesgrenzen liegt. Aber viele der althergebrachten Aufgaben des Nationalstaates sind längst an die EU abgegeben worden, in der mittlerweile die Mehrzahl der Gesetze gemacht wird. Es zählt zu den ganz großen Verdiensten der EU, dass sie Grenzen hat verschwinden lassen, dass folglich ein einfaches Teilen in ein "Drinnen" und ein "Draußen" Vergangenheit ist. Europa ist längst zu einer Zwischenzone geworden, in deren Offenheit sich Bürger nicht nur frei bewegen, sondern auch arbeiten, investieren, studieren und eben auch kommunizieren können. Der Begriff des "Auslands", ohnehin eine Besonderheit der deutschen Sprache, ergibt in Bezug auf Europa keinen Sinn mehr. Dieser Sachverhalt wirkt sich auch auf das aus, was wir "Auslandssender" nennen.

Die europäische Medienlandschaft

Eine europäisierte Medienlandschaft existiert bisher nur in Ansätzen. Die Berichterstattung über Europa findet fast ausschließlich in nationalen Medien mit nationalem Fokus statt. Zwar ist Brüssel zum zentralen Ort der Entscheidungen innerhalb Europas geworden. Entsprechend berichten von dort Korrespondenten in großer Zahl, die für Agenturen, Print- und elektronische Medien akkreditiert sind. Sie spielen eine zentrale Rolle, wenn es um Berichte aus der unübersichtlichen EU-Welt geht, aber letztlich sind sie auch gefangen von der Umgebung; meist berichten sie eher zustimmend und affirmativ. Bisher gab es eine wahrhaft europäische Berichterstattung bestenfalls bei Korruptionsskandalen rund um die EU-Kommission oder bei emotionalen Themen wie dem "Rinderwahnsinn". Der Konflikt gilt "als Motor europäischer Öffentlichkeit".

Paneuropäische Medien gibt es kaum. So kann man zwar die Wochenzeitung "European Voice" abonnieren (Untertitel: "an independent view of the EU"), sie ist aber außerhalb Brüssels kaum verbreitet. Seit 1993 sendet der Nachrichtenkanal Euronews. Er entstand aus Aktivitäten der European Broadcasting Union (EBU), die als Dachverband seit vielen Jahren dem Programmaustausch der europäischen öffentlichen Sender dient. Aus ihrer Mitte kam der Impuls zur Gründung von Euronews, ein Sender, der ganz neue Wege fand, um die europäische Sprachenvielfalt zu bewältigen. Er verzichtet auf Moderatorenköpfe (die bei anderen Newskanälen markenbildend wirken), zeigt allein Nachrichtenbilder und bietet dazu verschiedene Tonkanäle an. Euronews kam bisher über eine periphere Rolle nicht hinaus, zumal er von der EU mitfinanziert wird und mitunter PR-Berichte zu sehen sind. Nicht unterschätzen sollte man im europäischen Kontext die unterhaltende Seite inklusive Sport (etwa der Sender Eurosport) und Populärkultur. So organisiert die EBU seit vielen Jahren den europäischen Musikwettbewerb Eurovision Song Contest mit hohen Einschaltquoten. Er vermittelt die musikalische Vielfalt des Kontinents und vermag das Zusammengehörigkeitsgefühl in Europa zu stärken (ein Europa mit 42 Staaten, darunter Russland und Israel), für die Entstehung einer politischen Öffentlichkeit spielt er jedoch keine Rolle.

Erstaunlich ist die Abstinenz europäischer kommerzieller TV-Sender. Zwar ist die RTL-Group stolz darauf, mit 42 TV-Kanälen in zehn Ländern der größte Anbieter in Europa zu sein. Ähnliche Ziele hat sich der 2007 neu geschaffene Verbund von ProSiebenSat.1 und der SBS-Gruppe gesetzt. Aber beide Senderfamilien orientieren sich an nationalen Märkten, betonen auf der Suche nach ihrem Publikum eher die kulturelle Differenz und stellen Unterhaltung in den Mittelpunkt, so dass ihr Beitrag zu einem zusammenwachsenden Europa gering bleibt. Dies ist umso enttäuschender, als die EU seit der Richtlinie "Fernsehen ohne Grenzen" von 1989 eine Medienpolitik betreibt, bei der die Entstehung eines gesamteuropäischen audiovisuellen Raums durch Förderung kommerzieller Anbieter vorangetrieben werden soll, auch auf Kosten der national ausgerichteten öffentlichen Anstalten. Eine ermutigendere Entwicklung nahm die gleichfalls 1989 begonnene europäische Filmförderungspolitik, mit der in regelmäßig aufgelegten MEDIA-Programmen die europäischen Filmproduzenten auf vielen Ebenen gegen die übermächtige Konkurrenz aus Hollywood gestärkt werden.

Schließlich sollte erwähnt werden, dass sich neue, zivilgesellschaftliche Anbieter etabliert haben, die sich, basierend auf dem Internet, Europathemen widmen. Sie operieren unabhängig von der steifen Bürokratensprache der EU-Beamten und vermitteln oft Insiderwissen. Einen gut informierten Newsletter bietet etwa die Robert-Schuman-Stiftung an, einen lockeren, leicht verständlichen Überblick über das EU-Geschehen gibt europa-digital, und interessant ist auch das vielsprachige "europäische Nachrichtenmagazin" Cafebabel, das von Erasmus-Studierenden aufgebaut wurde. Es sind nicht zuletzt Anbieter fern von Politik und Wirtschaft, die offensichtliche Defizite in den "großen" Medien zu kompensieren suchen; freilich sind sie bisher über eine Randrolle nicht hinausgekommen.

Europäische Auslandssender - Anfänge und Strukturen

Es erstaunt, dass in einem zusammenwachsenden Europa viele Staaten in West und Ost weiterhin ihre nationalen Auslandssender betreiben. Dies gilt auch für Deutschland, dessen Bundesrundfunkanstalt Deutsche Welle (DW) vor wenigen Jahren ihren 50. Geburtstag feierte. Ihr Programmauftrag ergibt sich als Konsequenz des deutschen Föderalismus und erscheint bei erster Annäherung eindeutig: Sie soll den Rest der Welt versorgen, während ARD und ZDF für die Versorgung des Inlands zuständig sind. Letztere stehen in der Verantwortung der Bundesländer und werden fast ausschließlich über Gebühren finanziert, die Bundesanstalt DW erhält ihr Geld dagegen aus dem Bundeshaushalt. Die Praxis ist komplizierter: ARD und ZDF sind faktisch via Satellit in ganz Europa zu empfangen, und die DW (die übrigens auch Mitglied der ARD ist) mit ihren Angeboten teilweise auch im Inland. Diese Differenz löst sich im Internet, dem grenzenlos globalen Medium, gänzlich auf, so dass diese Trennung wie ein Rudiment aus vergangenen Zeiten erscheint. In dieser Medienordnung, die vor dem europäischen Einigungsprozess (und natürlich auch vor der Internet-Revolution) geschaffen wurde, kommt Europa als eigene Größe nicht vor.

Erste Auslandssender in Europa entstanden bereits in der Zwischenkriegsphase, was einfach war, denn die in der Frühzeit des Radios verwandten Sendefrequenzen auf Kurz-, Mittel- und Langwelle reichten viel weiter als die heute bei Radio und TV eingesetzten hoch frequenten Bänder. Auslandsrundfunk hatte in Europa also bereits eine Geschichte, als er sich nach dem Zweiten Weltkrieg ganz in den Kategorien des Eisernen Vorhangs neu sortierte. Die Westdeutschen bauten in den 1950er Jahren die DW auf, die DDR das Radio Berlin International (RBI). Anders als in Osteuropa, wo die Sender als Sprachrohr der führenden kommunistischen Partei dienten, setzte der Westen auf Distanz zum Staat und auf unabhängige Information. Darum ist die DW als öffentlich-rechtliche Anstalt verfasst, mit einem Rundfunkrat und praktizierter Staatsferne, und gerade deswegen erwarb sich die DW beachtliche Reputation - übrigens auch im Westen Europas, etwa, als sie der Opposition zum Obristenregime in Griechenland (1967 - 1974) eine gewichtige Stimme gab.

Die simple Zweiteilung der Auslandssender-Welt geriet ins Wanken, als 1989/90 die Fronten des Kalten Krieges aufgegeben wurden. Für Deutschland bedeutete dies massive Veränderungen, so nahm die DW Reste von Frequenzen und Mitarbeitern des RBI aus der untergegangen DDR auf, dazu wurde ihr ein RIAS-TV zugeschlagen, das zum Nukleus eines Welt-TV-Kanals wurde. Da wurde vielfach improvisiert, und erst später, in den 1990er Jahren, begann die Diskussion darüber, ob in der neuen, offeneren Welt dieser Typus Sender überhaupt noch eine Zukunft haben sollte. Es lag sogar ein Vorschlag auf dem Tisch, die TV-Aktivitäten der DW ganz einzustellen. Erkennbar gerieten viele Auslandssender in eine Sinnkrise, aber die meisten überlebten bis heute, oft allerdings deutlich gestutzt, um Sprachen reduziert oder stärker auf Online-Informationen spezialisiert.

So finden wir derzeit in Europa noch viele Auslandssender, von denen etliche auch Programme in deutscher Sprache anbieten. Die Briten bauten in den vergangenen Jahren den World Service der BBC massiv aus, wobei sie das klassische Radioangebot (etwa auf Deutsch bzw. in Deutschland) abbauten, einen kommerziell tätigen TV-Kanal betreiben (BBC World) und ein hervorragend gestaltetes Online-Portal anbieten, das internationale Standards setzt. Zusätzlich ist eine neue Konkurrenz um ein globalisiertes Publikum zu erkennen - so entstand eine Reihe neuer TV-Kanäle, darunter France 24, Russia Today und das auf westliche Zuschauer zielende englischsprachige Angebot von Al Dschasira aus dem arabischen Katar.

Deutsche Welle - aus der Mitte Europas?

In dieser multidimensionalen und globalisierten Medienwelt musste sich die DW neu positionieren. Im Jahr 2008 tritt sie mit Radio- und Onlineangeboten in 30 Sprachen an, wobei im Sinne eines Newsroom-Konzepts die entsprechenden Redaktionen zusammengelegt werden. Kurzwellenradio, einst das Rückgrat aller Auslandssender, wird zunehmend irrelevant, Bedeutung hat es nur noch in den ärmsten Regionen Afrikas und Asiens, in denen Hörfunk das einzige für große Mehrheiten erschwingliche Medium ist. Online startete die DW 1997, übrigens als erste aller ARD-Anstalten, und vermochte sich gut zu etablieren, vor allem in den besser gestellten Weltregionen, in denen interessierte Bürger Zugang zu diesem neuen Medium haben. In China etwa, in dem bald mehr Menschen online sind als in den USA, wird das unabhängig-kritische Angebot von DW-world gern genutzt und - eine bittere Konsequenz - immer wieder von den Machthabern zu zensieren versucht.

Im Online-Bereich verspürt die DW aber auch neue Konkurrenzen, denn warum sollte der Interessent die Deutschland- und Weltinformationen ausgerechnet bei DW-world abrufen, wenn er sie ebenso bei Spiegel-Online oder tagesschau.de finden kann? Die DW musste sich auf ihre Kernkompetenz besinnen und wurde zum verlässlichen Anbieter von Weltnachrichten, die von transkulturell und multilingual arbeitenden Redaktionen produziert werden. In der DW arbeiten Redakteure, die aus etwa 60 Staaten stammen, und auch die deutschen Mitarbeiter verfügen über ein deutlich überdurchschnittliches Weltwissen und entsprechende Sprachkompetenz. Man hat die DW mitunter eine "Mini-UNO" genannt. Ein so aufgestelltes Haus vermag ganz spezifische Leistungen im globalen Medienkonzert anzubieten. So hat sich die Redaktion von DW-world mit einem einzigartigen Projekt international profilieren können: Sie schreibt seit einigen Jahren den weltweit bedeutendsten Wettstreit in Sachen Weblogs aus, den Bob (Best of the Blogs), in dessen Verlauf eine Weltjury Angebote unter Teilnahme von Tausenden Vorschlagenden und Abstimmenden in vielen Sprachen und Spezialgebieten prämiiert.

In den 1990er Jahren kam das Fernsehprogramm DW-tv dazu, in dem Nachrichten und Hintergrundinformationen neben der deutschen Sprache auch in Englisch, Spanisch und Arabisch angeboten werden. Es bekommt seit neuestem Zulieferungen aus populären Programmen von ARD und ZDF, so dass sich die Angebotspalette verbreitert. Weiterhin wird das einst global einheitlich ausgesendete Programm in kontinentaler Dimension auseinander geschaltet, so dass verschiedene Weltregionen gezielt in den dort vertretenen Sprachen und kulturellen Besonderheiten angesprochen werden können.

Deutsche Welle und Europa

In den 1990er Jahren reagierte die DW nur mühsam auf die veränderte internationale Situation. Der Druck in Richtung auf eine völlige Neuorientierung nahm zu, als die rotgrüne Regierung 1998 einen Staatsminister für Kultur und Medien etablierte, zu dessen größten Etatposten die DW gehörte. Die DW, damals noch unter einem CDU-Intendanten, musste erhebliche Kürzungen hinnehmen, die das bisher ausreichend finanzierte Haus unter schweren Druck setzte. Zweierlei wurde unvermeidlich: Einerseits mussten ganze Sprachredaktionen aufgelöst, zum anderen neue Ziele für die Epoche nach dem Kalten Krieg entwickelt werden. Wie in anderen Ländern auch, begann eine Diskussion über die Zukunft des Auslandssenders. Der Autor dieser Zeilen, der 1999 in den Rundfunkrat der DW eintrat, schrieb zu seinem Einstand einen Entwurf, wie der Programmauftrag neujustiert werden solle. Die Vorschläge lauteten: Einsatz für den "Dialog der Kulturen", Ausbau des Onlineangebots und Konzentration auf das Projekt Europa.

Alle drei Punkte wurden in das 2005 zuletzt novellierte DW-Gesetz übernommen. Darin heißt es: Angebote der DW sollen "Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation (...) verständlich machen", und sie "sollen deutschen und anderen Sichtweisen (...) vor allem in Politik, Kultur und Wirtschaft sowohl in Europa wie in anderen Kontinenten ein Forum geben (...)". Damit wurde ein pragmatisch gesteuerter Veränderungsprozess eingeleitet, der klare Konturen erkennen lässt. Im Vordergrund steht nicht mehr ein globaler Auftrag, den das Haus angesichts begrenzter Ressourcen ohnehin nicht umzusetzen vermag, sondern die Konzentration auf Ziele, die an bestehende Stärken des Hauses anknüpfen sollten.

Europa-bezogene Aktivitäten begannen in der DW ohne den großen Anstoß "von oben", eher "bottom up", mit informellen Kooperationen engagierter Journalisten. Anfänglich hatten Radioredakteure aus verschiedenen europäischen Ländern ein gemeinsam gestaltetes, wöchentliches Magazin konzipiert, es hieß "Radio E". Parallel dazu wurde entschieden, aus den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer aufgelösten Redaktion für französischsprachige Programme eine Europa-Redaktion zu etablieren. Sie wurde zum Kern für die weiteren Entwicklungen. Seit einigen Jahren wird "Treffpunkt Europa" angeboten, ein "lebendiges 20-minütiges Radio-Meeting von Europäern über Europa für die Welt". Auch die TV-Redaktion, in Berlin ansässig und weitgehend autonom planend, begann, sich auf das Thema Europa zu konzentrieren. Derzeit bietet sie vor allem das tägliche Magazin "Euromaxx" an, in dem nicht die Politik, sondern "Leben und Kultur in Europa", dazu Events und Lifestyle im Mittelpunkt stehen.

Im Onlinebereich liegen die Stärken der DW in Berichten aus anderen Teilen der Welt, während solche aus Deutschland von tagesschau.de oder ARD-Anstalten übernommen werden (und umgekehrt). So entwickelte sich ein Schwerpunkt in der Berichterstattung aus Brüssel (wo die DW ein größeres Korrespondentenbüro unterhält), aber auch aus den Teilen Ost- und Südosteuropas, in denen sie gut vertreten ist und die andere Medien oft ignorieren. Auf dem Online-Portal sortieren die Redaktionen ihre Nachrichten nach unterschiedlichen Kriterien, und bereits seit einigen Jahren wird ein Einstiegspunkt "Europa" angeboten, der schnelle Orientierung ermöglicht. Dies ist nach wie vor die große Ausnahme, wenn man bedenkt, dass kaum eine Zeitung gebündelt ihre Informationen zu Europa anbietet. Diese Möglichkeit unterstreicht die enorme Flexibilität der Online-Publizität, zumal so auch per Link auf weiterführende Informationen, andere Medien, europäische Organisationen oder wissenschaftliche Analysen verwiesen werden kann.

Es sieht so aus, als würde sich die Phase des Experimentierens und Probierens dem Ende zuneigen. Im Dezember 2007 wurde das European Radio Project (ERP) unterzeichnet, in dem sich ein Konsortium von Radiostationen aus (ursprünglich) 13 EU-Mitgliedsländern in West und Ost zusammengeschlossen hat, das inzwischen schon anwächst. Erstes Ziel ist es, ab Frühjahr 2008 dreißig Minuten "harte News", Wochenmagazine und Berichte über wichtige Kulturereignisse anzubieten. Federführend ist neben der DW der französische Auslandssender Radio France International (RFI), die Programmkoordination läuft über die EBU. Kooperationspartner sind nicht allein Auslandssender; so macht in Spanien mangels anderer Partner ein kommerzieller Regionalsender mit. Anfangs sollen die Hauptsprachen der Union bedient werden - Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch -, geplant ist, dass ab 2012 alle 23 offiziellen Sprachen der EU einbezogen sind. Der Aufbau des Angebots wird von der EU mit 5,8 Millionen Euro jährlich subventioniert, was nicht unproblematisch ist. Sie hat sich aber vertraglich verpflichtet, die publizistische Unabhängigkeit des Projekts zu respektieren. Es wird Aufgabe der beteiligten Journalisten sein, dieses Versprechen durch professionelle Berichterstattung einzulösen.

Fazit

Was heißt es, wenn europäische Politik nur aus nationaler Perspektive betrachtet wird? Es bedeutet, dass wir Deutschen jahrelang zu Recht die hohen Agrarsubventionen kritisieren, für die sich Frankreich einsetzt, die bestandsbedrohende Fischereipolitik der Spanier oder die Subventionsmogeleien der Griechen. Noch ist es leider normal, dass alle nationale Regierungen und mit ihnen verbündete Wirtschaftslobbys mit populistischer Empörung gegen "die EU" vorgehen und ihr Versagen vorwerfen, wenn es ihrer Interessenlage entspricht - auch die deutsche. So geschehen Ende 2007, als ein respektabler Vorstoß der EU zur CO2-Reduktion durch eine Allianz von Bundesregierung und Autoindustrie heftig attackiert wurde. Angeblich wollten die französischen und italienischen Hersteller kleiner und (daher) umweltfreundlicher Fahrzeuge den deutschen Herstellern großer Luxusmobile den Markt verderben. Eine entstehende europäische Öffentlichkeit bedeutet auch gegenseitige Kritik. Dem selbsternannten Umweltmahner Deutschland könnte von den Nachbarn ein Spiegel vorgehalten werden, europäische Doppelzüngigkeit würde anprangert.

Ein realistischer Blick unterstreicht, dass die DW und andere europäische Auslandssender nicht das Defizit europäischer Öffentlichkeit zu beheben vermögen. Dazu sind die objektiven Probleme in Sachen Multilingualität und kulturelle Differenz viel zu groß. Es kann aber auch nicht so weitergehen, dass die Berichterstattung zu europäischen Themen von nationalen Medien und nationalen Regierungen dominiert wird und die europäische Perspektive verloren geht. Notwendig ist daher zweierlei: erstens eine von der EU unabhängige Berichterstattung über europäische Belange, die glaubwürdig daherkommt. Zum Zweiten benötigen wir eine Berichterstattung, in der auch andere als die nationalen Sichtweisen fair präsentiert werden, also Perspektiven auf das gemeinsame Projekt aus anderen Teilen Europas im Vordergrund stehen. Die sich so allmählich formierende europäische Öffentlichkeit, so sie einmal funktioniert, muss auch wehtun können, Politikern auf die Finger schauen und nationale Tabus aufdecken. Sie muss Politik auch in Deutschland verändern können.

Oben wurde begründet, warum Europas Auslandssender prädestiniert sind, einen wachsenden Beitrag zur Herausbildung einer europäischen Öffentlichkeit zu leisten. Sie sind in bestimmten Bereichen besonders dafür geeignet, etwa, was den Umgang mit Nachrichten im großen Raum, mit Multilingualität, mit dezentral vernetzter Europäisierung und mit Online-Publizistik anbetrifft. In all diesen Bereichen haben privatwirtschaftlich-kommerziell agierende Medienunternehmen, die sich auf dem europäisierten Markt tummeln, weitgehend versagt.

In dieses Szenario müssen sich Europas Auslandssender einfügen. Wie sie mit Projekten wie "Radio E" bereits demonstriert haben, können sie der entstehenden europäischen Öffentlichkeit den Aspekt der Bündelung nationaler Perspektiven beifügen. Das schafft in dieser Weise keine andere - öffentliche oder kommerzielle - Nachrichtenquelle. So wie Europa aus nationaler Kooperation entstand, so müssen auch die Auslandssender leistungsfähige Kooperationen entwickeln, um dieser für das europäische Projekt konstitutiven Aufgabe gerecht zu werden. Es ist ein Unding, dass in einem zusammenwachsenden Europa viele Staaten mit erheblichem Aufwand rein nationale Auslandssender betreiben - oder sogar neu aufbauen wie Frankreich mit France 24 - und Europa dabei kaum vorkommt. Besonders fällt auf, dass der leistungsfähigste und erfolgreichste Anbieter BBC World Service spezielle Europabezüge vermissen lässt und es offenbar als alleinige Aufgabe sieht, Großbritanniens Ruf in der Welt zu stärken.

Stattdessen ist es notwendig, Strukturen aufzubauen, in denen europäische Sichtweisen nach innen und nach außen präsentiert werden: nach innen, um der europäischen Multiperspektivität eine Plattform zu geben und die öffentliche Debatte anzuregen, nach außen, um Europa eine gemeinsame Stimme in der Welt zu verleihen, Europa zu einem brand, zu einem Markenzeichen zu machen. Hier wird deutlich, wie wenig der Begriff Auslandssender noch die Realitäten wiedergibt. Die DW ist hier vergleichsweise gut gerüstet, ihr Programmauftrag zielt in Richtung Europa, sie verfügt über klare Zukunftsplanungen, engagierte Journalistinnen und Journalisten und über erhebliche Ressourcen. Sie zählte bisher zu den europäischen Pionieren und sollte sich auch weiterhin als Nukleus einer zielgerichtet wachsenden medialen Kooperation in Europa verstehen, diesen Weg konsequent verfolgen und damit Zukunft sichern - für sich und für Europa.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. vor allem: Lutz M. Hagen (Hrsg.), Europäische Union und mediale Öffentlichkeit, Köln 2004; Wolfgang R. Langenbucher/Michael Latzer (Hrsg.), Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel, Wiesbaden 2006.

  2. www.europa.eu.

  3. Vgl. Tanja Loitz, Europäische Öffentlichkeit dank Internet? Politische Öffentlichkeitsarbeit am Beispiel der Europäischen Kommission, Münster 2001.

  4. Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt/M. 1990 (zuerst 1962).

  5. Vgl. Hans J. Kleinsteuber, Strukturwandel der europäischen Öffentlichkeit?, in: Lutz M. Hagen (Hrsg.), Europäische Union und mediale Öffentlichkeit, Köln 2004, S. 29 - 46.

  6. Vgl. Claudia Kristine Huber, Black Box Brüssel. Journalismus zwischen Affirmation und Kontrolle, Mainz 2007.

  7. Vgl. Barbara Berkel, Konflikt als Motor europäischer Öffentlichkeit, Wiesbaden 2006.

  8. www.europeanvoice.com. Ein reiner Online-Anbieter ist: www.euobserver.com.

  9. Vgl. Christina Holtz-Bacha, Medienpolitik für Europa, Wiesbaden 2006.

  10. www.robert-schuman.eu; www.europa-digital.de; www.cafebabel.com.

  11. Die Online-Plattform "eurotopics" der Bundeszentrale für politische Bildung bietet seit einiger Zeit Schwerpunktthemen und eine europäische Presseschau in drei Sprachen. www.eurotopics.net.

  12. Vgl. Berthold C. Witte, Auslandsrundfunk: Die Deutsche Welle, in: Dietrich Schwartzkopf (Hrsg.), Rundfunkpolitik in Deutschland. Bd. 2, München 1999, S. 1102 - 1139; Frauke Pieper, Der deutsche Auslandsrundfunk, München 2000.

  13. Vgl. Jörg Becker/Daniel Salamanca, Der unsichtbare Spätankömmling. Deutsche Welle-Fernsehen in Asien, Berlin 1998.

  14. Vgl. Hans J. Kleinsteuber, Amphibisch - DW: Vom Auslandssender zum Dialog der Kulturen, in: epd Medien, 78 (1999), S. 3 - 5.

  15. DW-Gesetz, §4, Ziele; www.dw-world.de. Ähnliches ist auch im Leitbild der Mitarbeiter zu finden.

  16. Vgl. Sandra Hofmann, "Radio E"-Modell für transnationalen Journalismus in Europa. Unveröff. MA-Arbeit, Hamburg 2007.

  17. www.de-world.de/treffpunkteuropa.

  18. Vgl. Hans J. Kleinsteuber, Deutsche Welle & Co und ihr Beitrag zu Stärkung europäischer Öffentlichkeit, in: W. R. Langenbucher/M. Latzer (Anm. 1), S. 305 - 317.

  19. Die folgenden Angaben verdankt der Autor Petra Kohnen, Leiterin Europa Magazine/EU-Projekte ZPR, DW, Bonn. Vgl. außerdem: EU to fund Pan-European radio station, in: www.euobserver.com, 12.12. 2007.

  20. Vgl. z.B. Michael Inacker/Gerhard Bläske/Silke Wettach, Klima-Krieg ums Auto. Wie Sarkozy und die EU gegen Mercedes und BMW ins Feld ziehen, in: Wirtschaftswoche, Nr. 51 vom 17. 12. 2007, S. 23 - 30.

Dr. rer. pol., geb. 1943; von 1999 bis 2006 Mitglied des Rundfunkrates der Deutschen Welle; Professor für Politische Wissenschaft und Journalistik an der Universität Hamburg, Allende-Platz 1, 20146 Hamburg.
E-Mail: E-Mail Link: hjk@sozialwiss.uni-hamburg.de