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28.2.2008 | Von:
Henning Hoff

Internationaler Rundfunk auf dem Weg in den Cyberspace

CNN International

Insbesondere der kommerzielle Marktführer muss sich vom digitalen Zeitalter und der neuen Konkurrenz herausgefordert sehen. Denn im Gegensatz zu den meisten Mitbewerbern ist CNN International darauf angewiesen, Gewinne zu erwirtschaften. CNN International ist der weltweite Ableger des 1980 von Medienunternehmer Ted Turner für den US-Markt gegründeten Cable News Network. Der in Atlanta im Bundesstaat Georgia beheimatete Sender setzte das Format eines rund um die Uhr sendenden Fernseh-Nachrichtenkanals durch und wirkt, seit er 1985 als CNN International die Grenzen der USA verließ, bis heute weltweit stilbildend.

Dem Sender gelang 1991 der internationale Durchbruch, als er während des ersten Irakkriegs nach dem Einmarsch der Truppen Saddam Husseins in Kuwait den Fernsehreporter Peter Arnett auch während des alliierten Bombardements live aus Bagdad berichten ließ. Derzeit sind rund 4000 Mitarbeiter von CNN weltweit mit Nachrichtenproduktion beschäftigt. Das englischsprachige Programm ist in über zweihundert Millionen Haushalten und Hotels in mehr als zweihundert Ländern zu empfangen. Nimmt man alle Angebote zusammen - CNN International unterhält acht Dienste in fünf Sprachen -, erreicht die "Marke CNN" nach Senderangaben weltweit rund zwei Milliarden Menschen.

Auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters hat CNN International mit Expansion geantwortet. Die Wachstumsraten lagen nach Senderangaben zuletzt stets im zweistelligen Bereich. Zu den wichtigsten Entwicklungen gehört, dass CNN International im Herbst 2007 eine langjährige Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur Reuters auslaufen ließ und stattdessen "den größten Ausbau in der internationalen Nachrichtenbeschaffung" in der 27-jährigen CNN-Geschichte in Gang setzte.[7] Mit "mehreren Millionen" US-Dollar schweren Investitionen baut CNN International derzeit unter anderem ein neues Regionalzentrum in den Vereinigten Arabischen Emiraten und eine neue digitale Produktionseinheit in London auf und wird wohl auch die Zahl seiner derzeit 29 internationalen Büros steigern. Auf- oder ausgebaut werden sollen insbesondere Vertretungen in Südostasien (Jakarta, Bangkok, Peking und Hongkong), Indien und Afrika, aber auch in europäischen Ländern wie der Türkei, Belgien und Polen. Dahinter steckt das Ziel, über die Verbreitung von Bildern und anderen Inhalten auf allen Plattformen selbst bestimmen zu können - was mit von Reuters bereitgestelltem Material zwar im Fernsehen, aber nicht im Internet möglich war. "Wir wollen keine Nachrichtenagentur werden", sagt Nick Wrenn, der den Sender vom brandneuen "Turner House" nahe Londons Oxford Street aus mitlenkt, "aber ich möchte den CNN-Stempel auf so viele Storys wie möglich drücken."

Gleichzeitig setzt der Sender auf den raschen Ausbau seiner Onlinepräsenzen. In Atlanta und London arbeitet eine "Video-Fabrik", die dafür sorgt, dass so viele Fernsehbeiträge und Sendungen wie möglich für den Onlinegebrauch zur Verfügung stehen. Im Juli 2007 wurde die internationale CNN-Website in Konsultation mit Bloggern und den eigenen Nutzern neu gestaltet, die Zahl der User wächst laut Senderangaben seitdem ansehnlich: 28 Millionen nutzen derzeit die Website durchschnittlich im Monat. Schon im April überholte CNN International seine Angebote für Mobiltelefone - "mit viel versprechenden Resultaten", so Wrenn,[8] der auf den Wachstumsmarkt Afrika hinweist, wo nur wenige Zugang zu Breitband-Internet haben, aber die Zahl der Handybenutzer stark steigt. Gleichzeitig sucht CNN International weitere Onlinedistribution durch Kooperationen, beispielsweise mit Internetanbietern oder Zeitungswebsites. "In der Vergangenheit haben wir unseren Journalismus nicht ausreichend genug online verbreitet", sagt Wrenn, "unsere Fernsehnachrichten kommen weiterhin zuerst: Wir berichten die Ereignisse, wenn sie passieren, und erklären ihre Bedeutung einem internationalen Publikum." Aber erst die Verbindung von Fernsehen oder Video mit der schnell wachsenden Onlinereichweite von CNN International ermögliche es dem Sender, dass "wir unsere Inhalte gebührend vorzeigen können". Internetangebote seien nicht länger ein Zusatz, sondern integraler Bestandteil.

Gleichzeitig verändere sich die Arbeitsweise: "Unsere Korrespondenten denken neben ihren TV-Reportagen darüber nach, was sie noch zusätzlich liefern können. Von guten Interviews laufen oft nur zwei Minuten auf dem Bildschirm - auf der Website kann man dann eine längere Fassung zeigen. Onlinezuschauer wollen ohnehin oft mehr Informationen darüber, wie wir an die Nachrichten gekommen sind, was sich hinter den Kulissen abspielt." Darüber hinaus bänden Unterhaltungs- oder Lifestyle-Shows über die Website ein Nischenpublikum an sich, das oft "sehr leidenschaftlich" sei, und das dann wiederum auch bei breaking news CNN International einschalte.

Zuschauerbeteiligung in allen Formen werde immer bedeutender, so Wrenn: "Ich hasse den Begriff vom Bürgerjournalisten, aber ich kann dem Konzept nur Gutes abgewinnen." Unter der Rubrik "I-Report" gibt CNN International die Möglichkeit zur Übermittlung von eigenen Berichten oder Bildern und unterhält Blogs mit Kommentarfunktionen. "Für mich ist I-Report` nicht nur ein Weg, an Material zu kommen, sondern die Möglichkeit zum Dialog. Ich möchte nicht, dass CNN als Organisation wahrgenommen wird, die einfach nur sendet, die nur Nachrichten pusht", sagt Wrenn. Mit der Expansion reagiere CNN International nicht auf die zunehmende Konkurrenz anderer internationaler Sender, sondern eher auf die rasanten Veränderungen der Medienlandschaft. "Hätte man vor ein paar Jahren bei einer Etatbesprechung gesagt, bald würden mehr Angestellte im Onlinebereich arbeiten als in allen anderen, wäre man vermutlich aus dem Raum geführt und in eine Zwangsjacke gesteckt worden", sagt Wrenn, "aber die Zeiten haben sich geändert, allen ist die Kraft der digitalen Medien klar, selbst wenn wir in manchen Bereichen noch experimentieren." Fernsehnachrichten werde es noch geraume Zeit geben: "Fernsehen baut eine spezielle Verbindung mit dem Zuschauer auf. Aber wir müssen über Alternativen nachdenken. Für viele junge Leute ist Fernsehen kein Medium mehr, und war es vielleicht nie."

Fußnoten

7.
Vgl. CNN announces Major Investment in International Newsgathering, Pressemitteilung von CNN International, London vom 14.11. 2007.
8.
Wegen der Geschäftsrelevanz solcher Daten macht CNN International keine genaueren Angaben.