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28.2.2008 | Von:
Henning Hoff

Internationaler Rundfunk auf dem Weg in den Cyberspace

BBC World/BBC World Service

Die Abrissbirne waltet derzeit in unmittelbarer Nachbarschaft des BBC World Service. Das prächtige Bush House im Art-deco-Stil nahe von The Strand, eingerahmt von den an Weltreichzeiten erinnernden India House und Australia House, dient seit 1940 dem World Service als Sitz. Es umweht bis heute eine spezielle Aura. Der Bau wird stehen bleiben, aber die BBC nimmt Schritt für Schritt Abschied. Der neu strukturierte arabischsprachige Dienst, der mit Verspätung im Frühjahr 2008 als BBC Arabic mit einem zunächst 12-, ab Herbst 24-stündigen TV-Nachrichtenprogramm auf Sendung gehen und gleichzeitig Radio- und Internetdienste vollständig integrieren soll, ist bereits in einen modernistischen Erweiterungsbau am alten BBC Broadcasting House im Stadtteil Marylebone umgezogen.

Die Veränderungen sind sinnbildlich. Der öffentlich-rechtliche Weltsender macht seit ein paar Jahren eine sprunghafte Transformation durch und setzte vor knapp drei Jahren mit der "2010-Strategie" harte Schnitte an. Für den Aufbau von BBC Arabic und einem weiteren, persischen Kanal - BBC Farsi soll ebenfalls im Laufe von 2008 auf Sendung gehen - schloss der BBC World Service Ende 2005 abrupt zehn Sprachdienste - neben ost- und südeuropäischen Sprachen auch Kasachisch und Thailändisch. Seitdem sendet der World Service nur noch in 32 Sprachen, neben dem weltweit und zudem in 151 Metropolen auf FM-Frequenz zu empfangenden englischsprachigen Radioprogramm.

Für die Neugründungen erhielt der BBC World Service im Oktober 2007 vom Schatzkanzler eine Zuwendung von 70 Millionen Pfund (rund 93 Millionen Euro) bis 2011 - zusätzlich zum vom Außenministerium finanzierten Etat von zuletzt 239 Millionen Pfund (rund 320 Millionen Euro), von denen 15 Millionen pro Jahr allein für BBC Farsi mit anfänglich mindestens acht Stunden Fernsehprogramm entfallen sollen. Daneben setzt die BBC international auf Kommerzialisierung. Das TV-Nachrichtenprogramm der BBC,[9] das nach dem Erfolg von CNN 1991 als BBC World Service Television auf Sendung ging und seit 1995 unter BBC World firmiert, war von Anfang an werbefinanziert. Seit Ende 2007 gilt dies nun auch für die globale BBC-Website (bbc.com).

Der bisherige Erfolg gibt der BBC, die im World Service 1740 Angestellte beschäftigt, Recht - das erreichte Publikum war zuletzt so groß wie nie. Die Zuschauerzahlen der in der BBC Global News Division zusammengefassten Dienste kletterten 2006/07 im Vergleich zum Vorjahr um 23 Millionen auf insgesamt 233 Millionen wöchentlich, mit 183 Millionen Radiohörern und 76 Millionen Fernsehzuschauern.[10] Die Zahl der Internetnutzer lag im März 2007 bei 38,5 Millionen unique users gegenüber 32,8 im März 2006, bei 763 Millionen Klicks (page impressions) gegenüber 546 Millionen im Vorjahresmonat.[11]

"Wir konzentrieren uns auf unsere traditionellen Stärken", sagt Richard Sambrook, Director of Global News, "wir stellen nicht britische Politik dar oder werfen einen britischen Blick auf das internationale Geschehen, sondern berichten die Welt für die Welt. Wir sind die globale, unparteiische Stimme und bieten hochklassigen Journalismus." Rückgrat ist eines der weltweit besten Korrespondentennetze: Die BBC hat Büros in über hundert Ländern und berichtet aus über zweihundert. Die Kommerzialisierung der internationalen TV- und neuerdings auch der Onlineangebote werde den Ruf der BBC als weltweit vertrauenswürdigste Nachrichtenquelle[12] nicht beeinträchtigen, ist sich Sambrook sicher: "Dass wir nun Werbeplätze verkaufen heißt nicht, dass wir unsere Werte oder Standards ändern: Es ist weiter öffentlich-rechtlicher Journalismus, nur auf einer kommerziellen Plattform."

Die lange Radiotradition der BBC untermauere zwar die weltweite Reputation, aber der World Service könne nicht allein von seiner großen Vergangenheit zehren, meint Sambrook: "Die Medienmärkte rund um die Welt bewegen sich sehr schnell, ebenso das Publikum, das immer mehr auf Nachrichten auf dem Computer oder dem Mobiltelefon zugreifen will. Also müssen wir unsere Dienste immer weiter integrieren, um unsere Inhalte zu den Zuschauern zu transportieren, auf den Wegen, auf denen sie sie empfangen wollen. Es ist ein sehr schnelllebiger, hart umkämpfter Markt, und man muss mit ihm gehen."

Die digitale Umwälzung der Medienlandschaft stellt für die Auslandsdienste der BBC eher Chancen dar, meint Sambrook, der die künftige Finanzierung für gesichert hält, die Schließung von weiteren Sprachdiensten aber auch nicht kategorisch ausschließen will. Beispielsweise profitiere die Sendung "World, Have Your Say", in der globale Themen diskutiert werden, stark von den Möglichkeiten des Internets. Auch die BBC experimentiert: Vergangenen Sommer schickte sie ein BBC-World-Service-Boot durch Bangladesch, das an verschiedenen Orten anlegte und Diskussionen veranstaltete, die im Internet begleitet wurden. Beispielsweise stellten die das Boot begleitenden Fotoreporter ihre Bilder in das populäre "Flickr"-Portal ein. "Durch das Internet verändert sich unsere Rolle", gibt Sambrook zu bedenken. Die Hörer und Zuschauer seien nicht länger passiv, sie wollten partizipieren und ihre Meinungen einfließen lassen. "Die Nachrichten gehören' uns nicht länger - fast jeder kann heute Teil der Medienlandschaft sein. Aber wir haben dort weiterhin eine starke Rolle zu spielen - unser Können, unsere Professionalität, Expertise und redaktionelle Fähigkeiten einzubringen, das wird auch künftig von uns erwartet."

Laut Sambrook bestehe weder die Gefahr einer uniformen Bilderwelt mit sich immer ähnlicher werdenden Informationskanälen ("Wir waren zuerst da, deshalb ist Teil meiner Antwort, dass es das Problem der anderen ist, sich zu differenzieren") noch die einer Bild- und Informationsüberflutung im Cyberspace. Letztere sollte internationalen Sendern ein Ansporn sein: "Das ist die Herausforderung für uns - Bilder und Berichte zu produzieren, die die Leute sehen wollen. Wir müssen hart arbeiten, um relevant zu bleiben. Die Technik ändert sich schneller als zu jeder anderen Phase, die ich miterlebt habe. Wir müssen so flexibel, offen und reaktionsbereit sein, wie wir können, und gleichzeitig unseren Werten und Auftrag treu bleiben." Und überdies sei die gute Nachricht, so Sambrook, dass "das internationale Publikum wächst, während das nationale schrumpft".

Fußnoten

9.
In Großbritannien sind alle Programme der gebührenfinanzierten BBC werbefrei.
10.
Die Zahlen erklären sich mit überlappender Mediennutzung.
11.
Vgl. BBC's global news audiences reach record 233m, BBC World Service Press Release vom 21.5. 2007.
12.
Unter Verweis auf die auf europabezogene Studie European Media & Marketing Survey (EMS) bezeichnet sich CNN International als "führende Nachrichtenmarke". Die Umfrage konzentrierte sich auf die europäischen "Top 3 Prozent" oder global citizens. Vgl. CNN International ist die führende Nachrichtenmarke im digitalen Zeitalter, Pressemitteilung von CNN International, London, vom 19.6. 2007. BBC World/BBC World Service verweist gern auf den früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan, der den World Service "Großbritanniens Geschenk an die Welt" nannte.