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28.2.2008 | Von:
Andreas Elter

Auswärtige Kulturpolitik und Propaganda in den USA

Propaganda und Public Diplomacy

In der Praxis verschwimmen die Grenzen zwischen Propaganda und Auswärtiger Kulturpolitik. Dies zeigte sich zum Beispiel bei einer Rede des US-Präsidenten Harry S. Truman 1950, in der er eine psychologische Offensive forderte, um der sowjetischen Propaganda entgegenzutreten. Einer seiner Berater gab zu bedenken, dass die Benennung Probleme berge und Negativschlagzeilen provozieren könne. Schließlich betrieben die USA keine Propaganda. Er schlug alternativ vor, von einer Wahrheitskampagne zu sprechen, und so entstand die Campaign of Truth, die ein neues Kapitel der amerikanischen Auslandswerbung einleitete.

Die Anfänge der amerikanischen Auslandskulturpolitik datieren auf die Zeit des Ersten Weltkriegs. Das Committee on Public Information (CPI) entwarf und koordinierte ab 1917 die Presse- und Informationspolitik der Regierung - somit ebenfalls die Auswärtige Kulturpolitik. Es war der erste staatliche Propagandaapparat in den USA. Seine Hauptaufgabe bestand darin, den politischen Konsens in Richtung Kriegsunterstützung zu lenken.[10] Am 14. April 1917 bewilligte Präsident Woodrow Wilson dem CPI einen Jahresetat von fünf Millionen US-Dollar. Das Selbstverständnis des Komitees und seines Leiters, des ehemaligen Journalisten George Creel, war durch einen idealistischen Wertekanon bestimmt. Der Anspruch, die freie Welt vor Unterdrückung und Sklaverei zu schützen und die Demokratie zu verteidigen, hatte nicht nur für die amerikanische Bevölkerung erhebliche Bedeutung. Für die Auslandswerbung war dies das ideologische Fundament.

Das CPI war nicht zuletzt aus der Überlegung heraus entstanden, ein Gegengewicht zu den Propagandamaschinerien der Kriegsgegner zu schaffen. Wichtig war dabei der spezifisch amerikanische Weg: "Wir haben es nicht Propaganda genannt, weil jeder dieses Wort mit Korruption und Hinterlist verbunden hätte. Unser Ansatz war ein bildungspolitischer, wir wollten informieren. Wir hatten ein so starkes Vertrauen in unsere Sache, dass wir der festen Überzeugung waren, wir bräuchten gar kein anderes Argument, als die Fakten einfach, klar und sauber zu präsentieren."[11] Die Arbeit des CPI bestand aber nicht nur darin, Fakten zu präsentieren und die Bevölkerung objektiv zu unterrichten. Vielmehr ging es darum, Meinungen zu steuern. Dies räumte Creel ein: "Was wir auf jeden Fall brauchten, war mehr als eine oberflächliche Einheit. Stattdessen wollten wir in den USA und außerhalb das Gefühl der Zuversicht, der einzigartigen Bestimmung unseres Volkes und der Unterordnung unter ein gemeinsames Ziel herbeiführen. Der Kriegswille, der Wille zu gewinnen, hängt in einer Demokratie davon ab, wie stark diese in der Lage ist, den Einzelnen für eine gemeinsame Sache zu gewinnen - ihm klar zu machen, dass er sich eingliedern muss und bereit sein muss, sich für ein einheitliches Ziel zu opfern."[12]

Die Zeitungen neutraler Länder wurden mit USA-freundlichen Informationen versorgt; Ausstellungen und Plakate genauso wie Bücher, die in diesen Ländern verbreitet wurden, sollten ein positives Licht auf die USA werfen. Das CPI finanzierte hunderttausende Redner, Schriftsteller, Journalisten, Karikaturisten, Werbeagenten und Regierungsbeamte. Insgesamt bestand es in seiner Hochphase aus 23 Abteilungen und dem Foreign Service. Allein die Heimatabteilung war in 19 Unterabteilungen gegliedert. Jede hatte einen eigenen Propagandaansatz oder Adressaten, durch den sie sich von den anderen Divisionen unterschied. Die Division of Syndicated Features (Abteilung für Textbeiträge) beispielsweise rekrutierte bekannte Journalisten und Schriftsteller, die Kurzgeschichten und Essays für die Wochenendbeilagen der Tageszeitungen schrieben. Die Division of Pictorial Publicity (Abteilung für Bilddarstellungen) wiederum nahm die bekanntesten und berühmtesten Zeichner, Illustratoren und Cartoonisten der Zeit in ihre Dienste. In zahlreichen Flugschriften, auf Plakaten oder in Büchern verbreiteten sie nationale Klischees und verstärkten Vorurteile gegen den Kriegsgegner Deutschland. Diese Produkte wurden nicht nur für den Einsatz in den USA hergestellt, sondern ins befreundete Ausland und an die Alliierten weitergegeben. Beim CPI sind die ersten Ansätze für eine Auswärtige Kulturpolitik auf staatlich institutionalisierter Ebene zu sehen. Der Krieg war gewissermaßen der Lehrmeister für die Public Diplomacy der Zukunft.

Die Experten der Divison of Films (Filmabteilung) des CPI stimulierten mit Auftragsproduktionen für Propagandafilme die noch junge Hollywood-Industrie. Eine der bekanntesten Produktionen war der Film "Pershings Crusaders". Die Werbebroschüre für die Erstaufführung in der Chicago Orchestra Hall trifft den Ton der meisten Propagandafilme des CPI und Hollywoods: "Der erste offizielle amerikanische Kriegsfilm zeigt die unerbittliche Bereitschaft der US-Regierung, mit ihren Kriegsanstrengungen fortzufahren und das Kaisertum auszuradieren. Unsere Jungs werden in vorderster Front begleitet. Sie sehen Amerikaner, die die feindlichen Linien durchbrechen. Sie sehen unseren Kriegsminister Baker und General Pershing, wie sie die Mobilmachung in Frankreich beobachten. Sie sehen die ersten deutschen Soldaten, die unsere mutigen Burschen gefangen genommen haben - zwei Dutzend geschlagene, herzlose Boches`. Die zweite Hälfte des Films ist ausschließlich den Aktivitäten unserer Jungs da drüben in Europa gewidmet."[13]

Dieser und andere Filme wurden später im Ausland gezeigt. Auf die enorme Bedeutung Hollywoods für die Auslandswerbung und Auswärtige Kulturpolitik der USA wurde mehrfach verwiesen.[14] Thomas Guback konstatiert, dass der Film über sein ökonomisches Potenzial hinaus ein wichtiger Vermittler von Werten und Mythen sei.[15] Der damalige Generalmanager der Paramount Studios Sidney Kent stellte 1927 fest: "Kinofilme sind stille Propaganda, völlig unabhängig davon ob hinter ihnen eine politische Intention steckt. Stellen Sie sich allein den Einfluss auf Menschen vor, die auf der Leinwand konstant amerikanische Rollenvorbilder sehen - und sei es nur in Bezug auf die Lebenswelt, die Mode oder die Art zu reisen."[16]

Das CPI veränderte den weiteren Verlauf der Geschichte der Auswärtigen Kulturpolitik und der Propaganda nachhaltig. Denn die Wilson-Administration hatte den Bedeutungsinhalt der "nationalen Sicherheit" und der "nationalen Interessen" der USA erheblich ausgedehnt. Eine breite Öffentlichkeit war nun der Überzeugung, dass sich amerikanische Interessen auf die ganze Welt beziehen können. Damit war der Grundstein für eine spätere Fortführung einer staatlichen Auswärtigen Kulturpolitik gelegt, deren Sinn und Zweck nicht mehr grundsätzlich bezweifelt wurde. In Ermangelung eines Bedarfs betrieben die USA allerdings bis zum Ende der 1930er Jahre zunächst keine aktive auswärtige Kultur- und Informationspolitik.

Doch bereits zu Beginn der 1930er Jahre setzte ein Sinneswandel ein. Auslandswerbung und Propaganda wurden in den USA nicht mehr ausschließlich als Mittel autokratischer Systeme verurteilt. In gefestigten Demokratien sei Propaganda unbedenklich. Lediglich in Diktaturen würde sie gefährlich. Als Beispiel wurde die Propaganda der Nationalsozialisten unter der Ägide von Joseph Goebbels genannt. In der Zwischenkriegszeit betonten die Befürworter zudem, Propaganda sei unvermeidlich im Zeitalter der Massenmedien, in dem politische Botschaften gar nicht mehr anders zu vermitteln seien. Dieses Argument wurde vor allem von Vertretern der damals noch jungen akademischen Disziplin der Kommunikationswissenschaft ins Feld geführt. Bereits in den 1920er Jahren hatten sich die Publizisten und Politologen Walter Lippmann und Harold Laswell mit der Arbeit des CPI wohlwollend auseinandergesetzt. Schließlich waren sie selbst für das CPI tätig gewesen. In den späten 1930er Jahren kamen sie zu dem Schluss: "Wenn die öffentliche Meinung so eine machtvolle Kraft in der Welt ist, in einer Welt, in der unser Überleben gefährdet ist, dann sollten wir daran interessiert sein, diese Meinung in unserem Sinne zu beeinflussen."[17]

Präsident Franklin D. Roosevelt teilte diese Auffassung. 1938 ermöglichte er die Gründung einer Behörde, welche die Auslandskulturpolitik und damit die Auslandswerbung der USA koordinierte. Das Interdepartmental Committee on Cooperation with the American Republics wurde als unmittelbare Reaktion auf deutsche Propaganda in Lateinamerika gegründet. Hinzu kam eine neue Unterabteilung des Außenministeriums, die auf Privatinitiative beruhende, transnationale Programme unterstützte. Im August 1940 wurde Nelson D. Rockefeller von Roosevelt zum Koordinator der kulturellen und kommerziellen Beziehungen zwischen den USA und den lateinamerikanischen Ländern ernannt. Rockefeller leitete seitdem das Kultur- und Handelsbüro, das Bibliotheken und Kulturzentren einrichtete sowie Kontakte zu Meinungsführern der jeweiligen Länder pflegte.

Fußnoten

10.
Zum CPI vgl. Andreas Elter, Die Kriegsverkäufer, Frankfurt/M. 2005, S. 25 - 56.
11.
Vgl. George Creel, Selling the War, zit. in: http://web.mala.bc.davies/H324War/Creel.
Selling.War.1920 htm (31.1. 2008); wie die folgenden Zitate Übersetzung des Verfassers.
12.
Ebd. Vgl. auch Creels Memoiren: How we advertised America, New York 1920. Der Titel verweist auf den werblichen Aspekt von Auswärtiger Kulturpolitik und Public Diplomacy, die bis heute eine Nähe zu Public Relations aufweist bzw. deckungsgleich mit dieser ist und sich Marketingstrategien bedient.
13.
National Archives, Maryland, RG63, CPI A-5, Box 34, Folder 6.
14.
Vgl. z.B. Georg Schmid, Die Figuren des Kaleidoskops. Über Geschichte(n) im Film, Salzburg 1983, sowie Elliott Shore, Übersetzung als Gewinn. Hollywood-Filme und deutsches Publikum, in: Frank Trommler (Hrsg.), Deutsch-amerikanische Begegnungen. Konflikt und Kooperation im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart-München 2001, S. 355 - 362.
15.
Vgl. Thomas Guback, Hollywood's International Market, in: Timo Balio (ed.), The American Film Industry, Madison 1985, S. 463 - 486, bes.S. 465.
16.
Zit. nach: ebd., S. 473.
17.
Zit. nach: Stephens Oren, Facts to a Candid World, Stanford, CA 1955, S. 36.