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14.2.2008 | Von:
Jürgen Kocka

Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel

Drei Bedeutungen

Wie kommt es zu dieser Vieldeutigkeit der Begriffe "Bürger" und "bürgerlich"? Wie kommt es zu diesen Schwankungen in der Bewertung? Was daran ist europäisch, und was ist deutsch? Es empfiehlt sich, historisch zwischen drei Bedeutungen des Begriffs "Bürger" und drei Entwicklungsphasen zu unterscheiden:

Erstens: dem Bürger des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit, also der Zeit bis ca. 1800. Er war ein Städter. Durch Rechtsstellung und Lebensweise unterschieden sich Bürger in diesem Sinn von den Angehörigen des adligen und des geistlichen Standes, von der ländlichen Bevölkerungsmehrheit und der breiten städtischen Unterschicht. Ihre Rechtsstellung, das Bürgerrecht, berechtigte sie zu selbständigem Gewerbe und Handel, zur Mitwirkung an der städtischen Selbstregierung und zum Empfang von Leistungen aus städtischer Fürsorge bei Armut und Hilflosigkeit. Das Bürgerrecht wurde durch Geburt erworben oder an Bewerber auf Antrag verliehen, falls diese bestimmte Bedingungen erfüllten, etwa Vermögen oder gesuchte Qualifikationen besaßen. Die Bürger stellten in den Städten des 17. und 18. Jahrhunderts oft nur eine große Minderheit dar. Zu ihnen gehörten die Handwerksmeister, einige ihrer Gesellen, Kaufleute, Ladenbesitzer und Wirte, auch Ärzte und Pfarrer, nicht aber Gesinde, Arbeiter und Arme.

"Stadtluft macht frei." Die Städter unterstanden in der Regel nicht den adligen und geistlichen Herrschaften, denen die Bevölkerung des platten Landes Gehorsam, Dienste und Abgaben schuldete. Die Städte besaßen in der Regel verbriefte Privilegien und Freiheiten gegenüber den adligen oder geistlichen Landesherren. Die Existenz von Städten mit solcher Autonomie ist ein grundlegendes Element der europäischen Geschichte seit dem Mittelalter. Die Bürger entwickelten eine nicht-adlige, nicht-geistliche, nicht-bäuerliche: eben städtische Kultur mit gemeinsamen Normen, Ehrvorstellungen und Symbolen. Stadtbürgerliches Leben war stark von Herkommen und Brauchtum geprägt, oft eng und behäbig, ohne viel Neigung zu Innovation und Modernisierung. Doch Gewerbe und Handel trugen die Keime des Wandels in sich. Arbeit und Leistung zählten in der Kultur des Stadtbürgertums mehr als in der des Adels. Gemeinsinn und Selbständigkeit wurden im Stadtbürgertum erlernt und geübt.[4] Das war wichtiges kulturelles Kapital für die Zukunft. Bürger in diesem Sinn heißt auf Englisch "burgher".

Zweitens: Besitz und Bildung, das neue Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Seit dem 18. Jahrhundert kamen neue Kräfte ins Spiel. Der Feudalismus ging unter und mit ihm der Stand der Stadtbürger im alten Sinn. Mit dem aufsteigenden Kapitalismus, dem anschwellenden Handel und mit der Industrialisierung stieg die Zahl und wuchs die Bedeutung der großen Kaufleute, Verleger und Manufakturunternehmer, der Reeder und Bankiers, der Unternehmer und Fabrikanten. Diese "Bourgeoisie", diese "Wirtschafts-" oder "Besitzbürger" wurden wohlhabender, sozial gewichtiger und einflussreicher. Ihre Tätigkeit reichte über die Grenzen der Städte hinaus. Ihre großgewerblich-kapitalistischen Unternehmungen konnten meist nur gegen die Regeln der Zünfte, gegen das alte Stadtbürgertum durchgesetzt werden, oft mit der Hilfe von Sonderrechten des Staates, die städtisches Recht aufhoben.

Entsprechende Wirkungen hatte die "innere Staatsbildung" (Otto Hintze). Sie wurde von den absolutistischen Staaten des europäischen Kontinents im 18. Jahrhundert kräftig vorangetrieben. Mit sich ausdehnender Staatstätigkeit, neuen Behörden und wachsenden Verwaltungen nahm die Zahl der "Staatsdiener" allmählich zu. Diese oft akademisch ausgebildeten Beamten, auch die Professoren, identifizierten sich mehr als Untertanen ihres Königs oder Bürger eines Staates denn als Bürger einer Stadt. Sie gehörten auch dem Stadtbürgerstand rechtlich nicht an.

So bildete sich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert eine neue Sozialformation heraus, eine aufsteigende schmale Schicht, die sich aus Besitzenden und Gebildeteten zusammensetzte und für die das Wort "bürgerlich" in einer neuen Weise in Gebrauch kam: im Sinne von Besitzbürgertum und Bildungsbürgertum. Die Basis war zwar, wie gesagt, überstädtisch, doch fehlte es diesem Bürgertum nicht an Gemeinsamkeiten mit den wohlhabenden und gebildeten Teilen des herkömmlichen Stadtbürgertums, mit denen es verknüpft blieb, über Heiratskreise und eine gemeinsame Kultur. Was hatten diese unterschiedlichen Bürger gemeinsam? Einerseits die kritische Distanz zum Geburtsadel und seiner Welt, die Hochschätzung von Leistung und Bildung, die Kritik am Gottesgnadentum und an absolutistischer Willkür, zugleich aber die Absetzung vom niederen Volk; andererseits die städtische Lebensweise und die damit zusammenhängende Kultur. Man saß auch politisch im selben Boot, auf derselben Bank, denn in den landständischen Vertretungen der Zeit gehörten die neuen wie die alten Bürger zum "Dritten Stand", nicht zum Adel und nicht zur Geistlichkeit.[5] - Bürgertum in diesem zweiten Sinn hieß auf Französisch oder Englisch "bourgeoisie", auf Englisch auch "middle class(es)".

Drittens: dem Programm der "bürgerlichen Gesellschaft" (oder auch "Bürgergesellschaft"). Vor allem im Milieu dieses neuen Bürgertums entwickelten sich moderne, durch die Aufklärung geprägte Ideen, Ideen von einer neuen Gesellschaft, Kultur und Politik: das Programm einer "bürgerlichen Gesellschaft". Es wurde in den bürgerlich geprägten Logen und Lesegesellschaften, den Vereinen und Zeitschriften des 18. und frühen 19. Jahrhunderts diskutiert, bald auch auf öffentlichen Versammlungen und Festen der sich ausbreitenden liberalen Bewegung. Es war ein zukunftsgerichteter Entwurf, zu dem sehr verschiedene Autoren beigetragen hatten - von John Locke und Adam Smith über Montesquieu und die Enzyklopädisten bis zu Immanuel Kant und den liberalen Denkern des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum dieses Entwurfs stand das Ziel einer modernen, säkularisierten Gesellschaft freier, mündiger Bürger (citoyens), die ihre Verhältnisse friedlich, vernünftig und selbständig regelten, ohne allzu viel soziale Ungleichheit, ohne obrigkeitsstaatliche Gängelung, individuell und gemeinsam zugleich. Dazu bedurfte es bestimmter Institutionen: des Marktes, einer kritischen Öffentlichkeit, des Rechtsstaates mit Verfassung und Parlament. In dieser gesellschaftlich-politischen Zielsetzung steckte ein neuer Daseinsentwurf, der auf Arbeit, Leistung und Bildung (nicht auf Geburt), auf Vernunft und ihrem öffentlichen Gebrauch (statt auf Tradition), auf individueller Konkurrenz wie auf genossenschaftlicher Gemeinsamkeit fußte und sich kritisch gegen zentrale Elemente des Alten Regimes wandte: gegen Absolutismus, gegen Geburtsprivilegien und gegen ständische Ungleichheit, auch gegen kirchlich-religiöse Orthodoxie. Dieses Programm hatte, wie gesagt, zwar seine Basis im sich neu formierenden Bürgertum (und in angrenzenden Schichten des niederen Adels und des Kleinbürgertums), aber der Tendenz nach war es ein Programm für alle, ein universales Modell, das auf Freiheit, Gleichheit und Teilnahme aller Bürger - im Sinne aller Staatsbürger - hindrängte und zugleich auf die Verallgemeinerung der bürgerlichen Kultur und Lebensweise über das Bürgertum hinaus abzielte. Durch Schulbildung, Literatur, Theater, Erziehung, Disziplin, Umgestaltung des öffentlichen Lebens sollte es alle prägen: der Bürger auf dem Weg vom bourgeois zum citoyen.

Dies war ein imponierender Entwurf, durchaus utopisch und besonders zu Beginn des 19. Jahrhunderts weit von der Wirklichkeit entfernt. Bürger im Sinn der "bürgerlichen Gesellschaft" oder "Bürgergesellschaft" heißt auf Englisch "citizen" und auf Französisch "citoyen/citoyenne".[6]

Fußnoten

4.
Vgl. hierzu Mack Walker, German Hometowns. Community, State, and General Estate 1648 - 1871, Ithaca, N.Y. 1971.
5.
Am Beispiel der Familie Bassermann: Lothar Gall, Bürgertum in Deutschland, Berlin 1989.
6.
Vgl. Manfred Riedel, "Gesellschaft, bürgerliche", in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 719 - 800; Utz Haltern, Bürgerliche Gesellschaft. Sozialtheoretische und sozialhistorische Aspekte, Darmstadt 1985.