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14.2.2008 | Von:
Jürgen Kocka

Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel

Wandlungen im 19. und 20. Jahrhundert

Wenngleich die drei Entwicklungsphasen, die sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hatten - vom Stadtbürgertum der Frühen Neuzeit über die Kultur des Wirtschafts- und Bildungsbürgertums bis zur Utopie der Bürgergesellschaft - zusammenhingen, so waren sie doch klar voneinander unterschieden. Im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts hat sich viel geändert.[7]

Der Umriss des Stadtbürgertums ist verblasst. Die rechtliche Unterscheidung zwischen Stadt und Land verlor im 19. Jahrhundert ebenso an Bedeutung wie die rechtliche Unterscheidung zwischen Bürgern und sonstigen Einwohnern in den Städten. Doch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, zum Teil bis heute, hielten sich vor allem in den kleineren und mittelgroßen Städten Restbestände des Stadtbürgertums. Sein Zusammenhalt wurde dort durch Vereine, Geselligkeit, Stiftungen, Heiratskreise und gemeinsame Kultur abgestützt: Kreise städtischen Bürgertums mit verschwimmenden Grenzen zur übrigen Stadtbevölkerung sind bis heute existent.

Das 19. Jahrhundert brachte den rasanten Aufstieg der Leute von Besitz und Bildung. Die Industrialisierung veränderte das Wirtschaftsbürgertum, die Bourgeoisie. Mit den Geschäften nahmen Reichtum, Ansehen und Selbstbewusstsein der Kaufleute, Unternehmer und Kapitalisten zu. Mit dem Aufstieg der Wissenschaften und dem Ausbau des Hochschulsystems kam es andererseits zur Aufwertung und Expansion der Berufe mit höherer Bildung und akademischer Qualifikation. Ärzte, Pfarrer und Anwälte, Professoren, Richter und höhere Verwaltungsbeamte, bald auch diplomierte Ingenieure, Manager und Wissenschaftler rechneten zum Bildungsbürgertum.

Die Grenze zwischen Wirtschafts- und Bildungsbürgertum verschwamm, aufgrund vielfältiger Verwandtschaften und Beziehungen, ähnlicher Schulbildung und gemeinsamer Kultur. Was heißt bürgerliche Kultur? Zu ihr gehörten die Hochschätzung von Arbeit und Leistung, von Selbständigkeit und Bildung, ein bestimmtes Familienideal und ein bestimmtes Modell der Arbeits- und Machtaufteilung zwischen den Geschlechtern, auch bestimmte moralische und ästhetische Grundsätze, Werte und Lebensweisen. Das Bürgertum stellte die wichtigste Basis des Liberalismus dar, der im 19. Jahrhundert seine große Zeit erlebte. Es repräsentierte auch den Kern der nationalen Bewegung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts politisch immer weiter nach "rechts" rückte und sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer häufiger zum Nationalismus radikalisierte. Bürgerliche Kultur prägte immer stärker die ganze Gesellschaft. Angehörige des Bürgertums erzielten imponierende Leistungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Insofern ist es richtig, vom 19. Jahrhundert als dem bürgerlichen Jahrhundert zu sprechen.

Doch allmählich wurde das Bürgertum defensiver. Es blieb eine Minderheit. Im späten 19. Jahrhundert rechneten etwa sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung dazu. Durch Wahlrecht und Lebensweise, Wohlstand und Bildung setzte es sich deutlich von den kleinen Leuten ab, von den Unterschichten, vom Kleinbürgertum und von der ländlichen Bevölkerung, während sich die soziale und kulturelle Distanz zum Adel hin abschwächte.

Der Erste Weltkrieg, die Demokratisierung des politischen Systems danach, die Krisen und Diktaturen des 20. Jahrhunderts, die rasante Modernisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Kultur des Bürgertums einerseits zersetzt und andererseits verbreitet: Die innere Differenzierung des Bürgertums nahm zu, und seine Außengrenzen verschwammen. In den fortgeschrittenen industriellen und postindustriellen Gesellschaften von heute ist es deshalb kaum noch möglich, von einem klar abgegrenzten Bürgertum zu sprechen.

Im 19. Jahrhundert wurden schrittweise Grundbestandteile des Modells der bürgerlichen Gesellschaft bzw. Bürgergesellschaft realisiert: die Durchsetzung der Marktwirtschaft, die Entstehung des Rechts- und Verfassungsstaats, die Ordnung der sozialen Beziehungen auf der Basis von Arbeit, Leistung und Wirtschaftserfolg, später auch Öffentlichkeit ohne Zensur und mit Parlamentarisierung, die aber in Deutschland bis 1918 nicht recht vorankam. Überhaupt blieb die Wirklichkeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts weit hinter dem Modell der bürgerlichen Gesellschaft zurück. Große, ja wachsende Teile der Bevölkerung - die unteren Schichten, das mit der Industrialisierung anschwellende Proletariat - verfügten weder über Besitz noch über hinreichende Bildung oder über Selbständigkeit. Ihnen fehlten die Ressourcen, die unabdingbar waren, um an der bürgerlichen Kultur und am bürgerlichen politischen Leben tatsächlich teilnehmen zu können. Die Zahl der abhängig Beschäftigten wuchs, die Wirklichkeit widersprach insofern dem Modell der bürgerlichen Gesellschaft. Die sozialistische Arbeiterbewegung wurde zur wichtigsten Instanz der Kritik an dieser Diskrepanz, die marxistische Kritik brachte den Widerspruch auf den Begriff.

Und zunehmend wurde bewusst, dass die volle Teilnahme an den staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten in der Regel dem männlichen Teil der Bevölkerung vorbehalten war. Der Bürger des Modells der bürgerlichen Gesellschaft war realiter ein Mann. Wenn sich schon der Weg zum citoyen als viel schwieriger herausstellte, als ursprünglich gedacht, dann war man von der Realisierung der citoyenne erst recht weit entfernt. Das lag letztlich an Eigenarten der bürgerlichen Gesellschaft selbst, nicht zuletzt an ihrem Familienmodell, das die ungleiche Rolle der Geschlechter voraussetzte und immer neu befestigte. Vor allem im 19. und dann im 20. Jahrhundert gelang es aber der Frauenbewegung allmählich, die geschlechtsspezifische Einseitigkeit der Bürgergesellschaft wirkungsreich zu kritisieren und diese Kritik mit den Idealen der Bürgergesellschaft - Gleichheit, Mündigkeit und Selbstverwirklichung für alle - zu begründen.

Nur äußerst langsam ist es gelungen, diese sehr tief verwurzelten Grenzen zu durchbrechen, die der vollen Realisierung des Ideals der Bürgergesellschaft im Wege standen. Die Demokratisierung des Wahlrechts für beide Geschlechter, der Aufstieg von Massenparteien, die Verbreiterung der Massenbildung und der Ausbau des Sozialstaats waren wichtige Schritte auf diesem Weg, der auch heute noch nicht voll an sein Ziel gekommen ist.

Fußnoten

7.
Zum folgenden Jürgen Kocka, Das lange 19. Jahrhundert. Arbeit, Nation und bürgerliche Gesellschaft, Stuttgart 2001, S. 113 - 138; Dieter Hein/Andreas Schulz (Hrsg.), Bürgerkultur im 19. Jahrhundert. Bildung, Kunst und Lebenswelt, München 1996; Gunilla F. Budde, Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien, 1840 - 1914, Göttingen 1994.