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14.2.2008 | Von:
Jürgen Kocka

Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel

Ein deutscher Sonderweg?

Was hier in sehr groben Zügen im Hinblick auf Deutschland geschildert wurde, war und ist im Kern ein europäisches Muster. Zwar gab es große Unterschiede von Land zu Land, von Region zu Region, aber die skizzierten Grundlinien sind gesamteuropäisch. Zwar spiegelt sich der enge innere Zusammenhang zwischen frühneuzeitlichem Stadtbürger, modernem Bürgertum des 19. Jahrhunderts und Staatsbürgergesellschaft semantisch so deutlich nur in den Begriffen der deutschen Sprache. Aber in Frankreich, Großbritannien, Italien, Skandinavien und Ostmitteleuropa war das Grundmuster - trotz anderer Begrifflichkeit - kaum anders. Stärker unterscheiden sich das östliche Europa, der Süden, die Peripherie. Ohne zahlreiche und starke Städte fehlte es dort an einer wichtigen Basis des Bürgertums. Natürlich gab es viele deutsche Eigenarten wie beispielsweise die sehr starke Betonung von (allgemeiner) Bildung in Verbindung mit dem vorbildhaften deutschen Universitätsmodell; die im Vergleich zum Westen späte Nationalstaatsbildung; die starke Rolle der staatlichen Organe und Beamten; die späte Parlamentarisierung; starke Traditionen des Illiberalismus.[8]

Lange haben Historiker von der relativen Schwäche des deutschen Bürgertums und von den deutschen Defiziten an Bürgerlichkeit gesprochen. Falsch ist das nicht, vor allem nicht, wenn man Deutschland mit Westeuropa vergleicht. Aber im Vergleich zu Osteuropa erscheinen die deutschen Bürger als relativ gewichtig, die deutschen Verhältnisse als relativ bürgerlich. Nach den Forschungen der vergangenen zwei Jahrzehnte kann man eigentlich nicht mehr von einer generellen Schwäche des deutschen Bürgertums sprechen.[9]

Oder doch? Zu den gravierendsten Besonderheiten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gehört die Radikalität der nationalsozialistischen Diktatur. Auch in den meisten anderen Ländern Europas verlor in den 1920/30er Jahren die Demokratie gegen die Diktatur, aber fast nirgendwo so radikal, so brutal, so vernichtend wie in Deutschland. An mörderischer Energie war Hitlers radikalfaschistische Diktatur - in Europa - nur mit Stalins bolschewistischer Diktatur in der Sowjetunion zu vergleichen. Wie kam es zu diesem besonders tiefen Zivilisationsbruch in Deutschland? Letztlich lag es doch auch an Eigenarten des deutschen Bürgertums, das zu schwach, zu wenig liberal und zu obrigkeitsgläubig war, sich dieser Katastrophe entgegenzustellen, sie vielmehr mit herbeigeführt hat.

Unbestreitbar ist, dass sich Deutschland im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts tief vom bürgerlichen Westeuropa unterschied. Die nationalsozialistische Diktatur war antibürgerlich. Sie hat das Bürgertum beschädigt, die Werte und Prinzipien der Bürgerlichkeit bekämpft. Die Zerstörung des Bürgertums wurde dann im östlichen Teil Deutschlands von der zweiten deutschen Diktatur, jetzt unter sozialistischem Vorzeichen, fortgesetzt. Auch die DDR war ein antibürgerlicher Staat, mit einer Gesellschaft, die ihre bürgerlichen Traditionen tief geschwächt hat - mit gravierenden Nachwirkungen bis heute. Wer nach einem deutschen Sonderweg im Unterschied zum Westen sucht, findet ihn am ehesten hier: in der Geschichte der Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Fußnoten

8.
Vgl. Jürgen Kocka/Ute Frevert (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, München 1988.
9.
Vgl. Peter Lundgreen, Sozial- und Kulturgeschichte des Bürgertums, Göttingen 2000, S. 93 - 110; Dolores L. Augustine, Patricians and Parvenus: Wealth and High Society in Wilhelmine Germany, Oxford 1994.