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14.2.2008 | Von:
Jürgen Kocka

Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel

Und heute?

Man kann die vergangenen fünfzig bis sechzig Jahre deutscher Geschichte - zunächst nur im Westen, seit 1990 im ganzen Land - als eine Geschichte schrittweise voranschreitender Verbürgerlichung verstehen: Schrittweise wurde die deutsche Wirklichkeit so verändert, dass sie dem Modell einer bürgerlichen Gesellschaft - heute spricht man lieber von Bürger- oder Zivilgesellschaft - allmählich näherkam und stärker entsprach, mehr und näher als jemals zuvor in der deutschen Geschichte. Dazu gehören als Rahmenbedingungen einerseits der parlamentarisch-demokratische Rechts- und Verfassungsstaat; andererseits eine funktionierende Marktwirtschaft mit Privateigentum und relativ autonomen "Tarifpartnern"; dazu gehört schließlich der kräftig ausgebaute Sozialstaat (der derzeit umgebaut werden muss). In diesem Rahmen hat sich - trotz der numerischen Dominanz der unselbständig beschäftigten Arbeitnehmer (nur zehn Prozent der deutschen Erwerbstätigen sind selbständig beschäftigt) - eine leistungskräftige Bürgergesellschaft entwickelt, mit (a) lebhafter und zensurfreier Öffentlichkeit, (b) mit zahlreichen streitenden und kooperierenden Gruppen und Organisationen, (c) mit viel bürgerschaftlichem Engagement zwischen Staat und Markt (Vereine, Stiftungen, Nachbarschaftsinitiativen, NGOs, Netzwerke) und (d) mit einer Kultur, in der bürgerliche Werte wie Freiheit, Selbständigkeit, Kritik, Leistungsorientierung, Respekt für Wissenschaft und Kunst sowie Verantwortung für das Gemeinwohl eine gewisse Rolle spielen.

Beim Aufbau der Bürgergesellschaft in diesem Sinn ist die öffentliche Erinnerung an die Katastrophen von Krieg und Diktatur, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, wichtig gewesen und weiterhin wichtig: So etwas sollte sich nicht wiederholen, daraus wollte man lernen. Die zunehmend offene und zunehmend selbstkritische Erinnerung an deutsches Versagen und deutsche Schuld hat eine insgesamt positive Wirkung gehabt. Der grenzüberschreitende Austausch mit anderen Ländern, vor allem des Westens, war und ist ein anderer entscheidender Faktor. Zunehmend wächst die Bürgergesellschaft über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus, ohne dass der Nationalstaat jedoch passé wäre.[10] Andererseits bleibt der Aufbau der Bürgergesellschaft in Deutschland unvollkommen. Es gibt auch Gegentendenzen und viele neue Herausforderungen: Diese reichen von der verschärften sozialen Ungleichheit, Erosion des Zusammenhalts, neuer Gewalt und neuer Verwahrlosung bis zur immer dichteren staatlichen Gängelung und neuen Formen des Illiberalismus.[11] Die Freiheit - als Kernbestandteil von Bürgerlichkeit - ist keinesfalls selbstverständlich, die Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen, bleibt sehr ungleich verteilt.

Im 19. Jahrhundert wurde die damals noch sehr schwache und sehr unvollkommene Bürgergesellschaft vor allem vom Bürgertum getragen, wie oben angemerkt. Heute werden die Prinzipien der Bürgergesellschaft auch von anderen Gruppen unterstützt, über das Bürgertum hinaus. Und es ist fraglich, ob heute ein klar abgrenzbares, klar identifizierbares Bürgertum überhaupt existiert. Manche Beobachter verneinen das. Mit dem Adel und dem alten Proletariat habe das Bürgertum seine Hauptgegner verloren, und damit auch ein Stück seiner eigenen Identität. Sie können darauf verweisen, dass die bürgerliche Familie mit ihrer scharf ausgeprägten Ungleichheit zwischen den Geschlechtern kaum mehr besteht; damit fehlt ein Hauptpfeiler der bürgerlichen Kultur der Vergangenheit. Man darf auch nicht übersehen, dass ein wichtiges Segment des deutschen Bürgertums früherer Jahrzehnte, das jüdische Bürgertum, im Holocaust vernichtet wurde: ein großer Verlust für das bürgerliche Deutschland, der nicht wieder gutgemacht werden konnte. Schließlich: Was einstmals als bürgerliche Kultur das Bürgertum definierte und von anderen Gruppen unterschied, ist ein Stück weit zum Allgemeinbesitz geworden: Schulbildung, Sauberkeit, eine gewisse Leistungsbereitschaft, Reisen, Weltkenntnis (heute über die Medien). Auch dadurch verlor das Bürgertum seine klaren Konturen. Außerdem ist nicht zu vergessen, dass es viele Leute mit Besitz und Qualifikationen gibt, die sich um bürgerschaftliches Engagement wenig kümmern und bürgerlichen Werten fernstehen. Sie sind Bürger nach objektiven Merkmalen, aber nicht in ihren Einstellungen und nicht in ihrem Verhalten.[12]

Haben wir heute also Bürgergesellschaft und Bürgerlichkeit ohne klar identifizierbares Bürgertum? Der Tendenz nach: ja, aber ganz stimmt das nicht. Denn die soziale Ungleichheit ist weiterhin groß, sie wächst auch in Deutschland. Und weiterhin sind Personen aus der gebildeten, städtischen, bürgerlichen Mittelschicht stärker am bürgerschaftlichen Engagement, also an Vereinen, Bürgerinitiativen und Ehrenämtern beteiligt, als man das für Personen aus der Unterschicht sagen kann. Es besteht also weiterhin eine gewisse Affinität zwischen Zugehörigkeit zur bürgerlichen Schicht und Teilhabe an der Bürgergesellschaft als Ganzer.[13]

Aber richtig ist, dass Bürgerlichkeit im Sinn der Bürgergesellschaft heute nicht mehr auf die schmale Schicht eines Bürgertums begrenzt ist. Ihre Prinzipien und Praktiken werden breit anerkannt, auch in anderen sozialen Milieus, wenn auch nicht völlig und mit vielen Abstufungen. Gerade deshalb ist die Bürgergesellschaft heute fester verwurzelt, als sie es vor einem Jahrhundert war. Bürgergesellschaft ist heute nicht mehr auf Bürgertum beschränkt. Deshalb sprechen viele auch nicht mehr von "Bürgergesellschaft", sondern ziehen den Begriff der "Zivilgesellschaft" vor.[14]

Fußnoten

10.
Vgl. Konrad Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945 - 1995, München 2004.
11.
Vgl. Michael Stolleis, Politik der Angst, in: Merkur, 61 (2007), S. 1145 - 1151.
12.
Vgl. Manfred Hettling/Bernd Ulrich (Hrsg.), Bürgertum nach 1945, Hamburg 2005.
13.
Vgl. Thomas Gensicke/Sibylle Picot/Sabine Geiss, Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 - 2004, Wiesbaden 2006.
14.
Jürgen Schmidt, Zivilgesellschaft. Bürgerschaftliches Engagement von der Antike bis zur Gegenwart. Texte und Kommentare, Reinbek 2007; Dieter Gosewinkel u.a. (Hrsg.), Zivilgesellschaft - national und transnational. WZB-Jahrbuch 2003, Berlin 2004.