APUZ Dossier Bild

14.2.2008 | Von:
Joachim Fischer

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? In der bürgerlichen!

Theorienot der Soziologie

Die Leitfrage "In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?" beantworten die befragten Soziologen je nach dem mit verschiedenen Gesellschaftskonzepten, und alle diese Begriffe sind den Leserinnen und Lesern vermutlich hier und da bereits begegnet und werden von ihnen mitunter zur Orientierung verwendet. Demnach leben wir in der "Risikogesellschaft" oder in der "Erlebnisgesellschaft" oder in der "Postmoderne" oder in der "Informations- und Wissensgesellschaft" oder in der "Mediengesellschaft"; in der "Massengesellschaft" oder in der "Konsumgesellschaft" oder in der "Beschleunigungsgesellschaft", in der "Ironiegesellschaft" oder in der "Verantwortungsgesellschaft" oder in der "zweiten bzw. reflexiven Moderne", wie Ulrich Beck behauptet, und ihm geht es darum, (so sagt er) "die grundstürzend sich wandelnde, unbekannte Gesellschaft, in der wir leben", auf den Begriff zu bringen.

Das gilt auch für die anderen aufgeführten Vorschläge. Die Lage in der Soziologie hinsichtlich der gegenwartsdiagnostischen Aufgabe offenbart aber nun - so bleibt auf den ersten Blick festzuhalten - ein Spektrum verschiedener, nicht miteinander abgeglichener aktueller Gesellschaftsbegriffe, und diese "Wimmelbegriffe der Soziologie in gegenwartsdiagnostischer Absicht" - wie ich sie nennen möchte - sind zwar jeder für sich informativ, aber über eines geben sie keine Auskunft: Wie ist diese Gesellschaft eigentlich, in der wir leben, was ist ihr innerstes Prinzip? Die verschiedenen Gesellschaftskonzepte sind einseitig und untereinander unvermittelt, und insofern befindet sich die Soziologie in einer Theorienot.

Im Hintergrund warten nun zwei ernst zu nehmende Theoriekandidaten, zwei Theorien, die von den gegenwärtigen Soziologen im Zweifelsfall herangezogen werden, um über das Prinzip gegenwärtiger Gesellschaft aufzuklären: die Theorie der kapitalistischen Gesellschaft, also die Denktradition der Kritischen Theorie der politischen Ökonomie von Karl Marx, oder die Theorie funktional ausdifferenzierter, eigenlogisch operierender Teilsysteme: Niklas Luhmanns Systemtheorie der Moderne.

Beide Konzepte haben offensichtlich eine längerfristige, integrative Sachhaltigkeit, so dass man sie berücksichtigen muss, aber beide Konzepte, als soziologische Theorien genommen, sind - bei aller Komplexität im Vergleich zu den Wimmelbegriffen soziologischer Diagnostik - offensichtlich je für sich unterkomplex. Darin liegt der Einstiegspunkt für eine soziologische Theorie der "bürgerlichen Gesellschaft". Das Manko der robusten Kapitalismustheorie ist, dass sie systematisch einem Teilsystem - nämlich der Ökonomie - in der Analyse den Vorrang gibt und alle anderen Teilsysteme wie Recht, Politik, Kunst, Wissenschaft mehr oder weniger von der Logik der Ökonomie in Abhängigkeit beobachtet, also systematisch kein Sensorium für die Eigencodierung dieser anderen Teilsphären entwickelt (dabei ist selbstverständlich die Erwartung der Marx'schen Theorie, dass nach dem revolutionären Verschwinden der kapitalistischen Gesellschaft die Politik das führende, alle anderen Sphären vernünftig bestimmende Teilsystem sein werde). Das Manko wiederum der raffinierten Systemtheorie der Moderne, die den anonymen Eigenlogiken, der Autonomie der ausdifferenzierten, nicht hierarchisch zueinander gestellten gesellschaftlichen Teilsysteme - wie Recht, Ökonomie, Politik, Erziehung, Medien, Kunst, Religion, Wissenschaft - gespannte Aufmerksamkeit widmet,[1] ist, dass sie keine Akteursgruppen, keine Trägergruppen oder Klassen in der gegenwärtigen Gesellschaft mehr beobachten will oder - eben so, wie sie ansetzt - mehr beobachten kann.

Das wiederum kann die Marx'sche Theorie noch mitbeschreiben, weil sie neben den anonymen Markt- und Kapitalmechanismen noch die zugehörige Klasse der Bourgeoisie (bzw. ihren Gegenpart: die Arbeiterklasse) angibt und damit Akteursgruppen mitbeobachten will - allerdings eben einseitig nur die über die Ökonomie, über die Stellung im Produktionsprozess bestimmbaren Akteursgruppen.[2] Die Theorienot der Soziologie in gegenwartsdiagnostischer Absicht wiederholt sich, allerdings auf dem Niveau einer sachhaltigen, langfristig beobachtenden Theorie bei ihren beiden ernsthaften Theoriekandidaten.

Fußnoten

1.
Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1984.
2.
Unübertroffen plastisch die Beschreibung der Dynamik von Kapitalismus und der Akteursgruppe der Bourgeoisie: Karl Marx/Friedrich Engels, Das Manifest der Kommunistischen Partei (1848), Stuttgart 1981, S. 23 - 30.