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14.2.2008 | Von:
Joachim Fischer

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? In der bürgerlichen!

Bürgerliche Gesellschaft als soziologischer Begriff

Wenn man so mit dem Begriff der "bürgerlichen Gesellschaft" in gegenwartsdiagnostischer Absicht operieren will, rekurriert man auf einen Begriff der historischen Soziologie. Anders gesagt: Die Pointe des Begriffes in gegenwartsdiagnostischer Absicht ist, dass er nicht originell ist, sondern ein historisch bekannter, gesättigter, erlittener Begriff, von dem aus sich die gegenwärtige Gesellschaft begreifen lassen soll. Mit historisch-soziologisch ist gemeint, dass hier "bürgerliche Gesellschaft" nicht geschichtsphilosophisch verstanden wird, also nicht in teleologischer Deutung ihres notwendigen Auftauchens und Wiederverschwindens. Der analytische Vorteil der Kategorie ist nun in jedem Fall - und das macht sie komplexer als die Theorie des Kapitalismus oder als die Systemtheorie - der, dass sie von vornherein mehrere Ebenen miteinander verklammert, bei der Beobachtung erwartbar macht, nämlich: verschiedene Strukturen und Mechanismen ("bürgerliche Gesellschaft" als Systembegriff), Akteure oder Akteursgruppen (eben das "Bürgertum" oder "Bürgertümer"), und eine Haltung ("Bürgerlichkeit").

Um einen vollen, in sich differenzierten Begriff der "bürgerlichen Gesellschaft" zu erreichen, muss man die verschiedenen Begriffstraditionen, die je einen anderen Akzent gesetzt haben, zusammenführen, also eben die westeuropäische Begriffstradition der Bourgeoisie-Gesellschaft (der kapitalistischen Ökonomie), die angelsächsische der "Civil Society" und den deutschen Diskurs des Bildungsbürgertums.[3]

Aber der soziologische Begriff "bürgerliche Gesellschaft" ist eine Setzung, eine Konstruktion. Diese Kategorie einer historischen Soziologie in gegenwartsdiagnostischer Absicht enthält - das ist der Kern des Vorschlages - mindestens drei Strukturmomente, drei nicht aufeinander rückführbare Strukturprinzipien, denen zugleich drei nicht aufeinander rückführbare Akteursgruppen entsprechen:[4] erstens das Prinzip der kapitalistischen Unternehmung, zweitens das Prinzip des Vereins oder der selbstgesetzten geselligen Assoziation, drittens das Prinzip der selbstregulierten Welt- und Selbsterschließung. Die "bürgerliche Gesellschaft" ist also mindestens die Gesellschaft des kalkulierten Risikoeinsatzes von Kapital durch private Unternehmen und bringt insofern eine Bourgeoisie hervor; die "bürgerliche Gesellschaft" ist ebenso mindestens die Gesellschaft des kalkulierten Risikoeinsatzes von spontanen, hinsichtlich ihrer Zwecksetzung überraschenden Vereinsgründungen als Substrat der Öffentlichkeit, dem nach innen egalitären und nach außen sozial exklusiven Assoziationswesen, und generiert insofern ein Vereins- oder Assoziationsbürgertum (Prototyp: der plädierende Anwalt), den Kern einer Civil Society; und die "bürgerliche Gesellschaft" ist schließlich mindestens eine Gesellschaft des selbstgewagten, selbstdurchlittenen Risikoeinsatzes von Welt- und Selbstdurchdringungen, und bringt insofern ein Bildungsbürgertum hervor.

Als Systembegriff strukturiert die "bürgerliche Gesellschaft" über die Mechanismen der privaten Kapitaloptimierung die Ausdifferenzierung der Ökonomie und der Technik, über die Mechanismen der Unterwerfung unter selbstgesetzte Themen und Normen der öffentlich agierenden Assoziationen die Sphären des Rechts und der Politik, über die Mechanismen des Begehrens, dem eigenen Begehren in symbolischen Formen individuellen Ausdruck zu verleihen, die Sphären der Wissenschaft, Kunst und der Religion.

So als Kategorie eingeführt, ist "bürgerliche Gesellschaft" nicht dasselbe wie "kapitalistische Gesellschaft", weist aber den Kapitalismus mit Struktur (Kapitalkalkulation und -spekulation) und Akteursgruppe (Bourgeoisie) als eines ihrer Momente auf; "bürgerliche Gesellschaft" ist kategorial komplexer angelegt als "kapitalistische Gesellschaft", weil sie den Eigenlogiken anderer Sphären Raum gibt; sie ist zugleich komplexer angelegt als die Systemtheorie, weil sie - neben den Mechanismen von Teilsystemen - auch auf Akteursgruppen hin die Verhältnisse beobachtet: eben das Bürgertum (bzw. alternative Akteure wie Kriegeradel, Bauern, Industriearbeiter) oder die in Spannung zueinander stehenden "Bürgertümer".

Fußnoten

3.
Ohne die großen Projekte der "Bürgertumsforschung", der sozial-, politik-, kulturgeschichtlichen Bürgertumsforschung, wie sie seit den Initiativen der Historiker Jürgen Kocka, Hans Ulrich Wehler und Lothar Gall, Thomas Nipperdey auch von Klaus Tenfelde, Manfred Hettling, Eckart Conze, Stefan Ludwig Hoffmann, Andreas Schulze bis in die jüngste Zeit hinein fortgesetzt wurden, wäre die Refigurierung eines solchen soziologisch relevanten Begriffes der "bürgerlichen Gesellschaft" nicht möglich.
4.
Damit geht die hier rekonstruierte Kategorie z.B. über Jürgen Kockas doppelte Lesart des Bürgerlichen (Bourgeoisie einerseits, Citizenship andererseits) hinaus.