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14.2.2008 | Von:
Joachim Fischer

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? In der bürgerlichen!

Historische Soziologie der bürgerlichen Gesellschaft

Historische Soziologie braucht einen langen Anlauf und einen langen Atem, damit sie die Gegenwartsgesellschaft adäquat treffen kann. Das hat niemand so deutlich erkannt wie Max Weber, die Gründungsfigur einer historischen Soziologie der spezifisch europäischen Moderne. Weber hat gesehen, dass es zur unwahrscheinlichen Emergenz, zum Auftauchen einer solchen "bürgerlichen Gesellschaft", erstmals rudimentär in der "okzidentalen Stadt" des Mittelalters kommt. Der Kern von Webers Theorie der europäischen Moderne ist ja nicht die religionssoziologische These der Wahlverwandtschaft von Protestantismus und Kapitalismus, sondern historisch und logisch geht das von ihm konturierte, typisierte Phänomen der okzidentalen Stadt dieser Konstellation von protestantischer Weltfrömmigkeit und kapitalistischer Betriebs- und Arbeitsorganisation voraus.[5]

So weit ist Weber in seiner historischen Soziologie zurückgegangen, nur um seine Gegenwart, die Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihrer Eigentlichkeit treffen zu können. Er hat gesehen, dass es in diesen mittelalterlichen Städten erstmals zu bestimmten, nicht aufeinander rückführbaren, aber sich kumulativ verstärkenden "Sozialerfindungen" gekommen ist, die in stark modifizierter Form noch in seiner Gegenwartsgesellschaft triftig seien: der scharfen Trennung von privater und öffentlicher Sphäre auf engstem Raum; des Privateigentums von Grund und Haus in der Stadt, von dem aus die Bürger ihr gewerbliches Erwerbsleben für den Markt, ihre um den Zuschlag des Anderen werbende Produktion entfalten; der "Autokephalie", also der gemeinsam eigenköpfigen Verwaltung dieser rechtlich sich gleichstellenden Bürger durch selbstgesetzten Magistrat und selbstgesetztes Gericht; schließlich das gemeinsam im Abendmahl kommunizierte, gläubig gepflegte Gottesverhältnis dieser Bürger als Basis der Selbstvergewisserung, das schließlich in der Reformation, im zweifelnden, dann eigenverantwortlichen Rückgriff auf die "Schrift" seine die Individuen bildende, weltzugewandte protestantische Form annimmt.

Hier in der okzidentalen Stadt ist so etwas wie die bürgerliche Gesellschaft in Grundzügen erstmals sichtbar geworden, und der Typus des auf Verhaltenskunst und Zivilisation, Aushandeln (bargaining) und individuell erhoffte, vielleicht gewährte Gnade konzentrierten Bürgers tritt konturscharf bereits gegen die Bauern auf, als in die Naturkreisläufe der Nahrungsproduktion eingebundene Subjekte, und gegen den Adel (in und außerhalb der Stadt), der genuin über eine Gewaltkompetenz durch Körpereinsatz und Waffenschulung verfügt. In der gegenwartsdiagnostischen Bewährung am Schluss ("Stechproben") wird deutlich werden, inwiefern die okzidentale Stadt als Emergenzort der bürgerlichen Gesellschaft Bedeutung für die Gegenwart hat.

Die weitere Entwicklung der Gesellschaftsgeschichte kann hier nur außerordentlich gerafft angedeutet werden. Im Umweg über die fürstlichen Territorialstaaten der frühen Neuzeit, die durch staatliche Verwaltungsinnovation, Wissenschafts- und Wirtschaftsförderung, Militärorganisation selbst bedeutend für die Konstitution der Moderne werden und in der die mittelalterlichen Städte zunächst ihren Rang einbüßen, wird das bürgerliche Prinzip über Jahrhunderte schließlich doch eine überlokal strukturierende Größe. Es bildet sich die "Civil Society", wie sie Adam Ferguson, Adam Smith und dann Georg Wilhem Friedrich Hegel und Alexis de Tocqueville unter dem Titel der "bürgerlichen Gesellschaft" beschrieben haben. Das 19. Jahrhundert tritt als das "bürgerliche Zeitalter" auf, auch in den refigurierten Stadtkommunen innerhalb der Nationalstaaten, wobei allerdings die "bürgerliche Gesellschaft" und die bürgerlichen Gruppen eine Insel bilden inmitten der überwiegend bäuerlichen Bevölkerungsmasse und des nun vom Kapitalismus generierten städtischen, so genannten Industrieproletariats.

Die nicht zu kupierenden Krisen der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert und die sich entwickelnde Krisensemantik innerhalb des Bürgertums, die auch auf der rivalisierenden Heterogenität der drei Bürgertümer: der Bourgeoisie, der Assoziationsbürger oder Citoyens und der Bildungsbürger beruhen, initiieren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die großen nichtbürgerlichen Gesellschaftsprojekte der Moderne. Diese nehmen dann, unter intellektueller Mitbeteiligung der aus dem Bürgertum abspringenden Bürger (von Karl Marx über Bertolt Brecht bis Theodor W. Adorno, von Georges Sorel über Ernst Jünger bis Martin Heidegger), seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts reale Gestalt an. Helmuth Plessner hat 1924 in seinem Buch "Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus" sieben Jahre nach der Oktoberrevolution und unter dem unmittelbaren Eindruck des italienischen Faschismus die doppelte reale Möglichkeit einer durchgehend nichtbürgerlichen Verfasstheit der Moderne erkannt, indem er von der doppelten Übernahme der Moderne im Zeichen der "Gemeinschaft", des internationalistischen Kommunismus einerseits, eines nationalistischen oder völkischen Kommunismus andererseits sprach.[6]

Versetzt man sich für einen Moment in das Jahr 1940, in das Europa bis zum Ural, kann man die verschiedenen sich dezidiert antibürgerlich stilisierenden und faktisch nichtbürgerlich strukturierten Gesellschaftsprojekte im europäischen Raum (bis auf die Schweiz und Großbritannien) in ihrer Wucht noch einmal auf sich wirken lassen, die reale Möglichkeit einer nichtbürgerlichen Verfasstheit der Moderne bei Entfaltung zentraler Momente der Moderne: Technik, Naturwissenschaft, Industrialisierung, Militärorganisation, fortschreitende Medizin, Verkehrsmobilität, moderner Städtebau, Sozialversicherung, Aufstiegsmobilität der Massen, Massenmedien und Massenkultur. Als Prototyp der Gemeinschaft hat der sich sozialistisch organisierende Industriearbeiter und Arbeiterbauer einerseits, der mit dem bäuerlichen Neusiedler und dem neuen Kriegeradel verschmolzene Ingenieursarbeiter andererseits den Typus des Bürgers abgelöst.

Fußnoten

5.
Vgl. Max Weber, Die Stadt, hrsg. v. Wilfried Nippel, Studienausgabe der Max Weber-Gesamtausgabe Bd. 1/22, Tübingen 2000.
6.
Vgl. Helmuth Plessner, Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus (1924). Mit einem Nachwort von Joachim Fischer, Frankfurt/M. 2002.