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14.2.2008 | Von:
Joachim Fischer

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? In der bürgerlichen!

Gegenwartsgesellschaft als bürgerliche Gesellschaft

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? So lautet die Frage, und die Antwort ist gegenwartsdiagnostisch: in der "bürgerlichen Gesellschaft". Die eingeführte und refigurierte historisch-soziologische Kategorie ist geeignet, die Gegenwartsgesellschaft prägnant zu bestimmen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts - und einen so langen Atem sollte eine soziologische Gegenwartsdiagnostik schon aufbringen - leben die sich in der Europäischen Union zusammenschließenden Gesellschaften in einem transnationalen Verbund bürgerlicher Vergesellschaftung; genauer gesagt: Es handelt sich soziologisch um die "bürgerliche Gesellschaft" nach ihrer Kontingenzerfahrung, nach ihrer Vernichtungserfahrung. Der auf dem Privateigentum beruhende Kapitalismus, der sich neben der fortdauernden Unternehmerfamilienform um den Aktionärskapitalismus erweitert und differenziert, ist in Kraft, ebenso ist das Vereins- oder Assoziationsprinzip, das sich unter dem Titel und in der Gestalt eines engmaschigen Netzes von "Bürgerinitiativen" erneuert, außerordentlich wirksam, das selbstriskierte Weltdurchdringungsprinzip nimmt die massenhafte Gestalt der "Individualisierung" an. Mit "bürgerlicher Gesellschaft nach ihrer Kontingenzerfahrung" ist das Begleitwissen gemeint, dass sie als Formation der Moderne (für die Existenz der Moderne) nicht notwendig ist, ebenso wie allerdings auch ihr Verschwinden nicht notwendig ist.

1989 nun ist soziologisch gesehen ein Strukturereignis, insofern es zu einer äußeren Fremdaffirmation dieser inzwischen etablierten bürgerlichen Gesellschaft der Moderne kommt, insofern die restbürgerlichen, vor allem sich im Zuge einer revolutionären Herstellung des öffentlichen Raumes rasch neu verbürgerlichenden Akteure der nichtbürgerlichen ostmitteleuropäischen Gesellschaften die Prinzipien der Assoziationsbildung, dann des Privateigentums, schließlich der riskanten Welt- und Selbstentwürfe in ihre Vergesellschaftung einführen. Bürgerliche Gesellschaft wird damit zur historisch anknüpfenden, sich fortsetzenden und in immer neuen Erscheinungen sich wandelnden Prägnanzgestalt der gesellschaftlichen Gegenwart.

Die Soziologen haben den Umbruch von 1989 bisher in seiner Bedeutung systematisch unterschätzt - in der Theorie der so genannten reflexiven oder zweiten Moderne ist er zum Beispiel kein Thema. Soziologisch gesehen läuft nämlich seit 1989 in allen Prozeduren, in jeder Strukturierung der Gegenwartsgesellschaft eine Begleitinformation mit, genauer gesagt eine Doppelinformation: keine national-sozialistische Vergemeinschaftung der Moderne und keine vernunft-sozialistische Vergemeinschaftung der Moderne zu sein. Soziologisch gesehen waren beide realmögliche Formationen der Moderne. Das ist der schlichte Grund dafür, dass der Gesellschaftsbegriff der Moderne allein nicht mehr zureichend sein kann, um die Gegenwartsgesellschaft zu bestimmen.