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14.2.2008 | Von:
Joachim Fischer

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? In der bürgerlichen!

Stichproben

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Soziologisch gesehen in der "bürgerlichen Gesellschaft". Nicht das 19. Jahrhundert ist die bürgerliche Epoche schlechthin (kann es gar nicht sein, weil die Mehrheit der Menschen der damaligen Gesellschaft gar nicht von den Strukturen bürgerlicher Gesellschaft erfasst war), sondern die Gegenwartsgesellschaft ist das bürgerliche Zeitalter par excellence, sie ist das durchgesetzte bürgerliche Zeitalter, sie ist die bürgerliche Epoche der Weltgeschichte.[7] Das soll abschließend an vier Punkten der Gegenwartsgesellschaft demonstriert werden. Von der Kategorie der "bürgerlichen Gesellschaft" ausgehend muss man die soziologische Kunst üben, in aktuellen Figurationen unter neuen Namen und bei allen Wandlungen die bürgerlichen Kommunikationsfiguren wahrzunehmen und freizulegen.

Massengesellschaft

Als Indiz dafür, dass die Gegenwart tendenziell eher ein nachbürgerliches Zeitalter sei, wird oft das Faktum der Massengesellschaft angeführt, genauer gesagt der konsumistischen Massenkultur, welche die Lebensformen der bürgerlichen Gesellschaft hinter sich gelassen habe. Soziologisch gesehen verhält es sich umgekehrt: Wir leben nicht in der Massengesellschaft statt in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern in der verbürgerlichten Massengesellschaft (seit ca. 25 Jahren rechnen sich konstant 56 bis 60 Prozent zur Mitte der Gesellschaft und 10 bis 12 Prozent zur oberen Mittelschicht). Wer sich einmal das zwischen 1770 und 1830 weitverbreitete "Journal des Luxus und der Moden" vergegenwärtigt hat (vielleicht nicht Johann Wolfgang von Goethe als ständigen Leser, wohl aber Christiane Vulpius), weiß, dass das konsumistische Weltverhältnis oder das unendliche "System der Bedürfnisse" (wie Hegel es nennt) genuin zur bürgerlichen Gesellschaft, gerade in ihrer weiblichen Ausprägung, gehört.

Das Novum heute ist die Massengesellschaftlichkeit dieses marktförmigen Konsumprinzips. Damit ist gemeint, dass das Prinzip einer Gesellschaft der Eigentümer, das heißt der auf Gewinn hin wirtschaftenden Besitzindividualisten, mit einem breiten Spektrum ungleicher, immer auch riskanter, instabiler, von Insolvenz bedrohter Vermögensverhältnisse (von Wohn- bis hin zum Kapitaleigentum) nun tendenziell allen Mitgliedern der Gesellschaft gegönnt oder zugemutet wird: den Bauern und der klassischen Industriearbeiterschaft. Wer weiß, dass die shopping mall, oft als die grundstürzend neue Erscheinungsform der konsumistischen Massengesellschaft zitiert, eine Erfindung des exilierten Wiener Architekten Viktor Grünbaum ist, der in den USA die bereits von den bürgerlichen Konsumentinnen des 19. Jahrhunderts geschätzten, weil vor Belästigung und Witterung schützenden Passagen in eine neue Bauform verwandelte, erkennt leichter die bürgerliche Grundfiguration der konsumistischen Massengesellschaft.

Mediengesellschaft

Viele Soziologen, die selbstverständlich von der Gegenwart als nachbürgerlicher Epoche ausgehen, sind vom Novum einer Mediengesellschaft schwer beeindruckt, die als Massenmediengesellschaft in immer neuen Formaten vollständig neue populäre Kommunikationsformen stifte. Hier lohnt es sich, genau hinzusehen. Auffällig ist doch, dass die Sender in die ständig sich erneuernde Unübersichtlichkeit von aufquellenden expressiven, differenten Lebens- und Ausdrucksformen gymnasial gebildete Moderatoren und Mediatoren (Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Harald Schmidt, Sandra Maischberger, Anne Will, für die USA etwa Oprah Winfrey) in populäre Sendungen schicken, die in einer medialen Massenöffentlichkeit bürgerliche Denk- und Distanzformen implementieren. Das reicht von raffinierten Fragetechniken bei geringer Information (Millionenquiz) über die extemporierende Sprachgewandtheit in entspannter Massenöffentlichkeit, Differenzierung und Reflexion von Gefühlen und Affekten, klassisch aufklärerischer Dialogführung bis hin zu mit romantischer Ironie und doppelbödigen Sprachspielen die Codierungen der Gesamtgesellschaft beobachtenden Shows. Im Court-room-Drama kommt es medientäglich zur konfliktbezogenen gerichtlichen Prüfung von Werten und Normen, also einem Einüben in ein bürgerliches Kernverfahren der rechtsförmigen Klärung von Streit.

Inwiefern sich das "Wikipedia"-Phänomen - um ein markantes Internet-Phänomen miteinzubeziehen - insgesamt als eine Kombination von bourgeoiser Unternehmung, Quasi-Assoziationswesen und in jedem Fall bildungsbürgerlichem Verlangen nach enzyklopädischer Weltdurchdringung verstehen lässt, sollte erforscht werden.

Vergesellschaftung im virtuellen Raum

Ein weiterer Topos der soziologischen Gegenwartsdiagnostik ist, dass die gegenwärtige Gesellschaft tendenziell eine mediengestützte Vergesellschaftung sei: eine sich im virtuellen Raum vollziehende Vergesellschaftung. Bereits Luhmann hat mit seiner Theorie der funktional ausdifferenzierten Teilsysteme und ihren je entsprechenden abstrakten Kommunikationsmedien - dem Geld, der Macht - der lokal gebundenen Kommunikation, beispielsweise der Stadt, keine Relevanz mehr eingeräumt.

Demgegenüber lässt sich beobachten, dass die virtuellen, überlokalen Medien voll von Architekturdebatten sind, von intensiven Auseinandersetzungen um die konkrete bauliche Gestalt einzelner Städte. Neben der Investition in die technisch überlokalen Kommunikationsmedien gibt es unter dem Stichwort der "europäischen Stadt" eine Daueraufmerksamkeit für die Physiognomie der überkommenen Stadt als gebauter Rahmen lokaler Kommunikation unter Anwesenden. Obwohl nicht alle Städte dem Prinzip der Weber'schen "okzidentalen Stadt" entsprechen (etwa die Residenzstädte gerade nicht), lässt sich vom Theorem der "bürgerlichen Gesellschaft" her die institutionalisierte Dauerreflexion über die Baugestalt der Stadt als eine historische Vergewisserung der Ursprungsorte der eigenen Vergesellschaftung begreifen. Im Leitbild der "europäischen Stadt" beugt sich die Gegenwart zur okzidentalen Stadt als der verkörperten Leitidee bürgerlicher Vergesellschaftung zurück, die bei allen architektonischen Innovationen erkennbar bleiben soll - insbesondere auch für die touristische Kommunikation. Gerade die Theorie der bürgerlichen Gesellschaft kann die Relevanz des europäisch-städtischen Kommunikationsraumes mitten in einer medial gestützten Vergesellschaftung für die Gegenwartsgesellschaft sichtbar werden lassen.

Erosion der bürgerlichen Familie

Die soziologische Gegenwartsdiagnostik ist zudem fixiert auf die so genannte Erosion der bürgerlichen Familie zugunsten der Single-Gesellschaft oder verschiedener partnerschaftlicher Lebensformen. Demgegenüber lässt sich das ungebrochene Faszinosum der bürgerlichen Familie in der Gegenwartsgesellschaft beobachten. Das wird nicht nur an allen Zuwanderern bemerkbar (schon der Soziologe Helmut Schelsky sprach von der Familie als der transportablen Institution). Auch im Verlangen gleichgeschlechtlicher Paare nach rechtlicher Anerkennung als Ehe samt allen Eigentums- und Vererbungsrechten samt Adoptionsrecht steckt eine strukturelle Tiefenanerkennung der Familie als der bürgerlichen Form der Privatsphäre - gerade aus den als subversiv vermuteten Szenen.

Die Veränderung betrifft insgesamt die Frauen. Schon immer waren Frauen Mitträger und Mittäter der bürgerlichen Gesellschaft: aus der privaten Sphäre heraus verantwortlich für die Kinder und Einübung in die Sprachkommunikation, als bedeutende Konsumentinnen am Markt, als den Buchmarkt dominierende Leserinnen, als Erbinnen, aber seit dem 19. Jahrhundert auch bereits als Trägerinnen der Geschäftsbeziehungen der Familien (man denke an "Frau Thomas Mann", unter welchem Titel Katja Mann die Geschäftsbeziehungen und das Vermögen der Familie Mann managte).

Seit ihrer "Emanzipation" decken die Frauen mit ihrem Spagat zwischen Privatsphäre, Beruf und Öffentlichkeit das gesamte Spektrum der bürgerlichen Gesellschaft ab. Frauen sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Karyatiden, die Trägerfiguren der bürgerlichen Gesellschaft geworden, auf deren Balkonen sie zugleich stehen. Durch die Frauenbewegung hat sich für die Frauen viel verändert, an den Prinzipien der bürgerlichen Vergesellschaftung - Privateigentum, Assoziationswesen, Bildungsbürgerlichkeit - aber nichts. Schärfer gesagt: Soziologisch gesehen ist die Emanzipation der Frauen die bedeutendste innergesellschaftliche Selbstaffirmation der bürgerlichen Gesellschaft seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Um gegenwartsdiagnostisch soziologisch adäquat analysieren zu können, das war der Ausgangspunkt, braucht man eine Kategorie mit langem Atem. Mit der Theorie der "bürgerlichen Gesellschaft" als soziologischer Theorie kehrt die Soziologie zum Kernpunkt der Gegenwartsgesellschaft zurück, und diese Gegenwartsgesellschaft gewinnt in der Soziologie eine relativ stabile, treffende Beobachtungssprache.

Fußnoten

7.
Zur Analyse der weltgesellschaftlichen Dimension bürgerlicher Vergesellschaftung: Joachim Fischer, "Weltgesellschaft" im Medium der "bürgerlichen Gesellschaft", in: Sociologia Internationalis, Bd. 43 (2005), S. 59 - 98.