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14.2.2008 | Von:
Thomas Großbölting

Bürgertum, Bürgerlichkeit und Entbürgerlichung in der DDR: Niedergang und Metamorphosen

Kontinuitäten? Die Rückeroberung der Zivilgesellschaft und die Bürgerlichkeit

Aber führte das zu einer dauerhaften Konservierung von Elementen der Bürgerlichkeit, vielleicht gar zu einem "Restbürgertum"? Zeitgenössische Beobachtungen zur Lebenswirklichkeit in der DDR legen es zunächst nahe, diese Frage zu bejahen. Die DDR, so schrieb Marion Dönhoff 1964, sei "eine Art Freilichtmuseum deutscher Vergangenheit" geworden, in dem das "Zeitalter der Fußgänger und Bierkutscher" noch nicht zu Ende sei.[35] Exklusive Geselligkeitsformen in den Intelligenzklubs, ein besonderer Akzent auf der Pflege der Hausmusik oder der Besuch kirchlicher Traditionsschulen hielt Reste insbesondere des Bildungsbürgertums zusammen.

Trotz der genannten Indizien sind sowohl für die schmalen Segmente des "Restbürgertums" wie auch für die Kulturform Bürgerlichkeit gravierende Veränderungen anzunehmen. Mit dem Ende der 1960er Jahre war die DDR-Gesellschaft auf ihre Weise in die transnationale Entfaltung der zweiten Moderne eingebunden. Informalisierung und Individualisierung, wie sie sich über das Vehikel der Jugendkulturen tief in die nordamerikanische wie in die westeuropäische Gesellschaft eingruben, sind auch in der DDR festzustellen.[36] In Westdeutschland lösten diese Prozesse auf breiter Linie einen öffentlich praktizierten und an der Mode, den Verhaltensweisen, den Geschlechterbeziehungen und anderen Faktoren ablesbaren Wertewandel aus, als dessen Hochwassermarke gemeinhin "1968" gilt. Mit dieser Kulturrevolution lösten sich die letzten Reste einer bereits in den fünfziger Jahren zunehmend verkleinbürgerlichten Bürgerlichkeit auf zugunsten einer Reihe von Lebensstilmilieus.

In der DDR brachten sich diejenigen, die abweichende Lebensstile öffentlich praktizierten, in Gegensatz zur Gesellschaft, wurden politisch sanktioniert und blieben damit immer ein Randphänomen. Expressives jugendkulturelles Verhalten lehnte sich in Stil und Inhalten an die westlichen Vorbilder an und beschränkte sich vor allem auf den vor-öffentlichen Raum. Demonstrative Bürgerlichkeit zählte nicht zu ihren Ausdrucksformen und gewann daher auch in einem widersetzlichen Milieu keine Attraktivität.[37]

Die einzigen bedeutenden Institutionen, die sich dem Anspruch der SED zumindest teilweise entziehen konnte, waren die beiden christlichen Kirchen. Eine breitere gesellschaftliche Ausstrahlung entwickelten vor allem die evangelischen Landeskirchen. Über die gesamte Dauer der Existenz der DDR bildeten die protestantischen Pfarrhäuser "einen Fremdkörper im Arbeiter- und Bauernstaat, indem sie sich ebenso an bürgerliche Traditionen orientierten, wie sie sich dem ideologischen Monopolanspruch der führenden Partei verweigerten".[38]

Aber auch für die protestantische Kirche gilt, dass der in ihrem Raum praktizierte Lebensstil einem Formwandel unterworfen war.[39] Seit Ende der 1970er Jahre wandten sich vor allem Angehörige der "mittleren technischen Intelligenz" den Gemeinden und ihren Institutionen zu. Damit lösten sie als Träger des Gemeindelebens die traditionellen bürgerlichen Kreise ab. Mehr Kontinuität ist sicherlich in den Pfarrhäusern selbst zu vermuten, zeichnete sich doch diese Berufsgruppe immer schon durch einen hohen Grad von Selbstrekrutierung aus. Aber auch hier dünnte die Zahl der bürgerlich sozialisierten Kirchenmänner allmählich aus: Vor allem die 1945 schon ordinierte Generation der Pfarrer fühlte sich in ihrer zum Teil rigiden Dienstethik an ihre Gemeinden und Ämter gebunden. Zugleich aber, so lässt sich in biographischen Studien nachzeichnen, nutzte diese Personengruppe die ihnen verbleibenden Freiräume und Beziehungen dazu, ihren Nachwuchs im Westen studieren und beruflich Fuß fassen zu lassen, um diesem dann nach der eigenen Pensionierung dorthin zu folgen.[40]

Das protestantische Milieu war zugleich von innen einem Wandel unterworfen: Wo sich in den 1950er Jahren die Risse in den zerstörten Landeskirchen mit dem Verweis auf die jetzt alle Flügel bedrohende "Bolschewisierung" leicht übertünchen ließen, waren spätere Generationen mittels dieses Bedrohungsszenario nicht mehr zu integrieren.[41] Neue theologische Konzepte veränderten das Gemeindeleben ebenso wie die staatliche Antikirchenpolitik und eine auch unabhängig davon greifende allgemeine Säkularisierung. Traditionelle Frömmigkeitsformen waren bald nur noch in "Kerngemeinden" anzutreffen.[42] Seit den 1970er Jahren wandelte sich auch die Haltung zum realsozialistischen Staat: Statt Abgrenzung und rigoroser Gegnerschaft diskutierten Teile der Pfarrerschaft und der Kirchenleitungen Konzepte einer "Kirche im Sozialismus". Auch wenn man die Reichweite dieser Überlegungen nicht allzu hoch veranschlagen sollte, veränderte sich damit nicht nur das theologische und pastorale Profil, sondern auch die Gemeindepraxis vor Ort. Von den stark bildungsbürgerlich geprägten Wurzeln protestantischer Frömmigkeit und Theologie trennte man sich damit immer mehr. Zudem wurde die Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat zu einem Konflikt zweier kleiner Eliten innerhalb einer Gesellschaft, die sowohl gegenüber dem Marxismus als auch gegenüber der Religion zunehmend indifferenter wurde.

Auf diese Weise entwickelte sich ein Kernmilieu, welches einerseits schrumpfte und zugleich Kreise zog, denn "der Pfarrer", so stellte der DDR-Soziologe und Theologe Erhart Neubert 1978 fest, war "als potentieller Außenseiter zugleich auch ein Magnet für andere Außenseiter, die Anpassung nicht wollen oder nicht können."[43] Für die Entstehung der Oppositionsbewegung war sie damit eine, wenn nicht gar die entscheidende Voraussetzung. Sie substituierte die fehlende "bürgerliche Öffentlichkeit" und bot gesellschaftliche Räume, in denen in kleiner Öffentlichkeit politische Alternativen diskutiert werden konnten.[44] Teils wurden alte Institutionen reaktiviert, teils neue Formen kollektiver Aktion angestoßen.[45] Zudem stammten große Teile der Wende-Eliten aus dem ostdeutschen Protestantismus, in dessen Pfarrhäusern die "Kinder der Opposition" groß geworden waren.[46] In diesem Zusammenhang kamen im Ansatz die "utopischen Überschüsse des bürgerlichen Projekts" zur Geltung, die Ralf Jessen zu den "mentalitätsgeschichtlichen Wurzeln der friedlichen Revolution" zählt.[47] Diese zivilgesellschaftlichen Zielvorstellungen und Errungenschaften aber waren nur noch zu einem ganz geringen Teil an ein bürgerliches Milieu gebunden.

Fußnoten

35.
Marion Dönhoff, Reise in ein fernes Land, Hamburg 1964, S. 97f.
36.
Vgl. Wolfgang Engler, Die ungewollte Moderne. Ost-West-Passagen, Frankfurt/M. 1995, S. 31-33.
37.
Vgl. Peter Wurschi, Rennsteigbeat. Jugendliche Subkulturen im Thüringer Raum 1952 - 1989, Köln 2007.
38.
Christoph Kleßmann (Hrsg.), Kinder der Opposition. Berichte aus Pfarrhäusern in der DDR, Gütersloh 1993, S. 7f.
39.
Die katholische Kirche und davon abgeleitete Formen der religiösen Gemeinschaft sind in diesem Zusammenhang zu vernachlässigen, da sie weder als Trägerin von Bürgerlichkeit eine Rolle spielte noch den schrumpfenden Teil der religiös gebundenen DDR-Bürger wesentlich prägte.
40.
Vgl. T. Großbölting (Anm. 27), S. 145-160.
41.
Vgl. ebd., S. 190-207.
42.
Detlef Pollack, Von der Volkskirche zur Minderheitskirche. Zur Entwicklung von Religiosität und Kirchlichkeit in der DDR, in: H. Kaelble/J. Kocka/H. Zwahr (Anm.8), S. 271-294, S. 271-275; vgl. Richard Schröder u.a., Der Versuch einer eigenständigen Standortbestimmung der evangelischen Kirche in der DDR am Beispiel der ,Kirche im Sozialismus`, in: Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), hrsg. vom Deutschen Bundestag, Bd. VI. 2, S. 1164-1430.
43.
Zitiert nach ebd., S. 22.
44.
Detlef Pollack, Die konstitutive Widersprüchlichkeit der DDR. Oder: War die DDR-Gesellschaft homogen?, in: Geschichte und Gesellschaft, 24 (1998), S. 110 - 131.
45.
Vgl. Konrad Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945 - 1995, München 2004, S. 268.
46.
C. Kleßmann (Anm. 38).
47.
Ralph Jessen, "Bildungsbürger", "Experten", "Intelligenz". Kontinuität und Wandel der ostdeutschen Bildungsschicht in der Ulbricht-Ära, in: Lothar Ehrlich/Gunther Mai (Hrsg.), Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht, Köln-Weimar-Wien 2000, S. 113-134, S. 134.