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14.2.2008 | Von:
Paul Kaiser

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?

Rückkehr der Dienstmädchenfrage

In Deutschland stellt sich seit einigen Jahren eine "neue Dienstmädchenfrage".[2] Sie erscheint ökonomisch verursacht durch einen enttabuisierten privaten Bedarf an Dienst- und Kindermädchen, Pflegerinnen und Putzfrauen, der angesichts demographischer und wohlfahrtsstaatlicher Krisendiagnosen stetig steigt. Wie schon im bürgerlichen Zeitalter, in dem die Anstellung eines Dienstmädchens zur "Pflichtausstattung" eines Haushaltes gehörte, selbst dann, wenn man es sich kaum leisten konnte, sind diese, wie die Soziologin Maria Rerrich belegt hat, auch heute vielfach in "Haushalten mit einem eher niedrigen Einkommen"[3] auszumachen. Anders aber als ihre historischen Vorgängerinnen - zumeist aus armen Landfamilien stammende ledige Frauen ab 14 Jahren - bieten heute auch (vor allem osteuropäische) Akademikerinnen ihre handarbeitlichen Dienste an, die vom wöchentlichen Putzjob bis zur 24-Stunden-Betreuung im Hause lebender Familienangehöriger (live-ins) reichen.

Bei der (im wahrsten Wortsinne: Wieder-) Einwanderung dieser archaisch anmutenden Beschäftigungsverhältnisse, deren gesellschaftliche Realdimension trotz steuerrechtlicher Verklärung zur "haushaltsnahen Dienstleistung" wegen ihres weitgehend informellen Charakters in der Öffentlichkeit verdeckt bleibt, kommt es zu kulturellen Effekten. Die Verpflichtung des neuen "Bodenpersonals der Globalisierung"[4] geht für den Auftraggeber - dem zuweilen noch statusindifferenten Nachfolger einstiger "Herrschaft" - mit einem Mehrwert in Gestalt eines Prestigegewinns einher, über den zu sprechen sich lohnt, wenn man den Motiven und Hintergründen neubürgerlicher Gesinnung auf die Spur kommen möchte. "Wie kommt es", fragt Helma Lutz deshalb zu Recht, "dass eine Tätigkeit, die spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Berufsregister gestrichen wurde, heute wieder solche Aktualität und Brisanz besitzt?"[5]

Das wundersame Comeback der Sozialfigur "Dienstmädchen" auf dem Privatparkett der Berliner Republik ist nur einer von vielen Mikroprozessen, welche sich in der These von einer "Rückkehr der Bürgerlichkeit" bündeln lassen. Es gibt unter diesen Phänomenen "unsichtbare" Formen und Verläufe - man denke nur an das rudimentäre Wissen von Demoskopie und Sozialforschung über die für den Zusammenhang maßgeblichen Reichtumsverhältnisse und ihre prospektive Verschiebung in den nächsten Jahren im Rahmen eines bislang ungekannten Erbschaftsaufkommens[6] - und es existieren Befunde, die von den Instanzen der Mediengesellschaft hypergrell ausgeleuchtet werden.

Fußnoten

2.
Helma Lutz, Ethnizität. Profession. Geschlecht. Die neue Dienstmädchenfrage als Herausforderung für die Migrations- und Frauenforschung, Münster 20032.
3.
Vgl. Maria S. Rerrich, Das ist nicht einfach Schwarzarbeit, in: Frankfurter Rundschau (FR) vom 29.11. 2006, S. 25; vgl. auch dies., Die ganze Welt zu Hause. Cosmobile Putzfrauen in privaten Haushalten, Hamburg 2006.
4.
Sabine Hess, Bodenpersonal der Globalisierung. Die neue Dienstmädchenfrage, in: Die Zeit, Nr. 51 vom 12.12. 2002, S 13.
5.
Vgl. Helma Lutz, Die Dienstmädchenfrage oder: Ein Beruf kehrt zurück, in: FR vom 18.7. 2000, S. 7.
6.
So soll das Erbschaftsaufkommen in den nächsten zehn Jahren um 92 Prozent auf 2,5 Billionen Euro steigen. Vgl. Thomas E. Schmidt, Die neue Bürgerlichkeit, in: Die Zeit, Nr. 16 vom 11.4. 2002.