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14.2.2008 | Von:
Paul Kaiser

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?

Bürgerlichkeitskonjunkturen - trivial bis elitär

Paradox erscheint dabei die Attraktivität der reanimierten Bürgerlichkeitsformen bei einem nicht unbedingt zum bürgerlichen Milieu zählenden Massenpublikum. Trotz aller Vorbehalte - die zahllosen TV-Kochshows, von Johannes B. Kerner bis Alfred Biolek, proklamieren eben auch den kalorienarmen Aufstand gegen "gutbürgerliche" Kantinen- und Hausmannskost. In den permanent produzierten Quizformaten wird - neben medialer Penetranz - zugleich ein volksnaher Bildungsauftrag mit ungeheurem Publikumserfolg vollzogen, der den ARD-Moderator Jörg Pilawa, Kopf einer erfolgreichen Vorabendrätselsendung, etwa darüber nachdenken lässt, erst im Frühjahr 2009 nach 1 500 (!) Folgen aus der Sendung auszusteigen. Und selbst die beim Gesellschaftstanz in der RTL-Show "Let's dance!" unglücklich wirkende (und in der Bild-Zeitung daraufhin schamlos als "Hoppel-Heide" vorgeführte) Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis konnte gegen den Vorwurf einer verfehlten Selbstinszenierung den Dienstauftrag eines emanzipatorischen Kulturhebungsprojekts in Anschlag bringen, da ihre Gage an Unicef-Deutschland überwiesen wurde.

Die suggestive, volkspopuläre Variante einer "Lust am Bürgerlichen" wird in diesen Trivialformaten überaus sichtbar. Sie hätte aber niemals zum Stoff einer diskursiven Verständigungsdebatte getaugt, wenn die Empathie nicht zugleich in den elaborierten Themenfeldern der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten des Landes Einzug gehalten hätte. Gleichsam in einer Parallelbewegung zum Sickereffekt innerhalb der Massenkultur reihen sich im "gehobenen" Feld neubürgerlicher Rückbesinnung längst verabschiedet geglaubte Werte und Normen zu einem unverbrieften Tugendarsenal. In distinkter Absetzung zum programmatischen Egoismus der Ereignis- und Singlegesellschaft werden wieder "alte" bürgerliche Verhaltensformen beschworen - deren ins Heute gewendete Kernelemente in einer Hinwendung zu gesellschaftlichem Engagement und zu einer private Risiken selbstständig tragenden Lebensführung bestehen.

Der Verfassungsrichter Udo di Fabio hat diesen neubürgerlichen Wertehimmel gleichsam sakralisiert, in dem er in seinen Forderungen nach einem "neuen bürgerlichen Zeitalter" neben "mehr Respekt für die Familie, für Aufrichtigkeit, Höflichkeit, Fleiß und Erfolg" gleichzeitig und selbstverständlich mehr Akzeptanz "für religiöse Demut"[7] einklagte. Das muss angesichts der konstatierten "neuen Frömmigkeit"[8] in Berlin und (ost-)deutschen Städten, in denen wieder gefüllte Kirchen und wachsende Gemeinden registriert werden, durchaus nicht als Fiktion interpretiert werden. Auch die einst als Ausdruck autoritärer Gängelung abgeschafften "Kopfnoten" für die von di Fabio benannten Sekundärtugenden werden mancherorts von engagierten Eltern, mitunter schon in den Grundschulen, regelrecht eingefordert. Dabei ist es noch nicht so lange her, das sich Oskar Lafontaine mit der political correctness in Übereinstimmung wähnen konnte, als er gegen die von Helmut Schmidt vorgebrachte Verteidigung bürgerlicher Werte das Argument vorbrachte, mit diesen Sekundärtugenden könne "man auch ein KZ betreiben".[9]

Hoch im Kurs des Neubürgerlichen stehen kulturelle Techniken und Geselligkeitsformen. Dabei erlangen wiederentdeckte Benimmregeln und "gute Manieren" sowie Hausmusik und eine längst versunken geglaubte Salonkultur, an die anzuknüpfen versucht wird, einen hohen Stellenwert. Noch vor einem Jahrzehnt verpönte Bildungskanons erweisen sich seit einigen Jahren jedenfalls als Bestseller - von Marcel Reich-Ranicki bis zum Prinzen Asfa-Wossen.[10] Und der sich auf Vernissagen epidemisch äußernde Drang zum eigenen "Sofa-Bild" hat vor allem die werthaltige gegenständliche Malerei zum "neuen Pop" mittelständischer Distinktionsansprüche gemacht - mitunter begleitet von der Anlage eigener Sammlungen sowie der Wiedereinübung einer Praxis mäzenatischen Handelns.

Fußnoten

7.
Udo di Fabio, "Wir brauchen ein neues bürgerliches Zeitalter" (Spiegel-Gespräch), in: Der Spiegel, Nr. 44 vom 31.10. 2005, S. 58 - 62, hier: S. 59.
8.
Vgl. Dirk Westphal/Jessica Schulte am Hülse, Neue Frömmigkeit in Berlin, in: Welt am Sonntag vom 16.12. 2007, S. B1 oder Julia Schaaf, Latte Macciato mit Gottes Segen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16.12. 2007, S. 59.
9.
Oskar Lafontaine im stern-Magazin, vom 15.7. 1982.
10.
Vgl. Asfa-Wossen Asserate, Manieren, Frankfurt am Main 20037.