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14.2.2008 | Von:
Paul Kaiser

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?

Illusionäre "Omnipotenzphantasien"?

Es ist die syntheseferne Monotonie solcher Erweckungsdiagnosen und es ist ihr stilindifferenter Pendelschlag - zwischen schrulliger ARD-"Bräuteschule", dem humanistischen Comeback von Latein und Griechisch an deutschen Gymnasien bis hin zu der vom Historiker Paul Nolte ausgerufenen Projektkladde einer "Generation Reform"[11] -, welche in der Debatte um die "neue Bürgerlichkeit" schnell auch zu abwehrenden Artikulationen eines empfundenen Überdrusses geführt haben. Die zunächst in den meinungsbildenden Feuilletons durchaus hoffnungsvoll wahrgenommene Rückbesinnung erschien - nach der massenmedialen Entkoppelung des Themas von den Diskurseliten - somit bald als ein Kapitel post-postmoderner Suchbewegungen, dass allenfalls eine Phasenrelevanz beanspruchen konnte.

Gustav Seibt, einer der außeruniversitären Großintellektuellen seiner Generation, sah in diesem vermeintlichen "Bürgerlichkeitsspiel" einen beliebig austauschbaren Retro-Style am Werk,[12] wenngleich er diese Abwertung später relativierte und zu bedenken gab, dass Bürgerlichkeit heute seit langer Zeit "vielleicht (...) wieder mehr als nur eine Stilfrage"[13] sei.

Der Wirtschaftsjournalist Christian Rickens schalt die Akteure der "neuen Bürgerlichkeit" unverblümt als Spießer.[14] Und Jens Bisky, einer der wenigen ostdeutschen Intellektuellen mit Platzgarantie im überregionalen Feuilleton, sah in der reanimierten Sozialfigur des Bürgers gar nur eine traurige Karikatur heraufdämmern: "Wie sieht er denn aus, der neue Bürger? Er pflanzt sich fort, er weiß, einen Smoking zu tragen, verzehrt seinen Schokopudding nicht unter Zuhilfenahme des Fischbestecks, sorgt sich um die Unterschichten und nimmt an allerlei Geselligkeiten teil, von deren kulturprägender Kraft er und die mit ihm Trinkenden überzeugt sind. Das hat etwas Kraftloses."[15]

Neubürgerlicher Mummenschanz ist mit solchen Invektiven trefflich zu erledigen. Aber stellt die Sehnsucht nach dem Bürgerlichen mitsamt ihren bisweilen noch täppisch daherkommenden Praxisformen wirklich eine geschwätzige "Omnipotenzphantasie der bundesrepublikanischen Mittelschicht"[16] dar?

Schon die Nachhaltigkeit der Debatte, die sich, trotz vorschneller Verabschiedungen, bis heute fortsetzt und in die verschiedensten institutionellen Felder multipliziert,[17] verweist hingegen auf eine gärende Homologie zwischen diskursiver Deutungsvielfalt und kultureller Heterogenität neubürgerlicher Formen. Zwar fehlt, wie der Soziologe Heinz Bude berechtigt einwendet, in der auseinanderstrebenden Diskussion um den Sinn einer nachholenden Verbürgerlichung die "bindende Klammer und der begreifbare Zusammenhang".[18] Aber es ist nicht zu leugnen, dass sich in der Gegenwartsgesellschaft die Optionschancen einer alten, neuen oder gänzlich andersartig verfassten Bürgerlichkeit gegenüber der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert in erheblichem Maße vergrößert haben.[19]

Fußnoten

11.
Paul Nolte, Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, München 2004.
12.
Vgl. Gustav Seibt, Canaletto im Bahnhofsviertel. Kulturkritik und Gegenwartsbewusstsein, Springe 2005.
13.
Gustav Seibt, War da was?, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 28.12. 2005, S. 14.
14.
Vgl. Christian Rickens, Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft, Berlin 2006.
15.
Jens Bisky, Zeit für einen Abschied. Die "neue Bürgerlichkeit" ist nur ein Lifestyle unter vielen, in: SZ vom 31.1. 2006, S. 11.
16.
Ebd.
17.
Man denke nur an die Tagungen "Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?" (9.6. 2007 auf Schloss Neuhardenberg), "Wie bürgerlich ist die Moderne? Bürgerliche Gesellschaft - Bürgertum - Bürgerlichkeit" (13./14.7. 2007 in der Universität Konstanz); auch der in Dresden stattfindende 47. Deutscher Historikertag (30.9.-3.10. 2008) wird sich diesem Thema widmen.
18.
Heinz Bude, Vom Rand in die Mitte, in: FR vom 4.1. 2006, S. 17.
19.
So Heinz Bude in seinem Vortrag "Einübung in Bürgerlichkeit" auf der Tagung "Bürgerlichkeit ohne Bürgertum" am 9.6. 2007 auf Schloss Neuhardenberg.