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14.2.2008 | Von:
Paul Kaiser

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?

Bürgerliche Konstruktion - "Kultur" als Kraftfeld

Dieser Verweis auf das weithin Unabgeschlossene und noch Unverstandene eines Prozesses erinnert an die Forschungsergebnisse der Bielefelder Bürgertumsforscher,[20] welche die kulturellen Bindekräfte vor allen sozialstrukturellen Fixierungen als eigentliches Formationselement bürgerlicher Geltungsbehauptung erkannten. Ebenso betont der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg die konstruktive Wirkkraft kultureller Phänomene bei der Durchsetzung von Bürgerlichkeit, deren konkurrierende "Leitbilder" sich gegenwärtig in einem Stadium ausdifferenzierender Polarisierung befinden: "Die sozialstrukturelle Unbestimmbarkeit der Begriffe "Bürger" und "Bürgertum" scheint durch die neuere Forschung bewiesen.

Deshalb sieht es so aus, als wäre "Bürgerliche Kultur" geradezu das letzte noch mögliche Identifikationsmerkmal der so bezeichneten Gruppen und Lagen: Kulturelle Muster, Formen der Vergesellschaftung, der ständischen Lebensführung, der Sozialisation und Selbstrekrutierung konnten als "bürgerlich" bestimmt werden, nicht jedoch exklusive, fest umschreibbare Berufsgruppen oder Statuslagen."[21]

Ohne die Thematisierung der rigorosen Entbürgerlichung, einer zehrenden Verlustgeschichte vor allem in der Phase der deutschen Teilstaatlichkeit, ist die aktuelle Konjunktureuphorie "alter" Kulturmuster und der anschwellende "Stimmungswandel" (Paul Nolte) in der Mitte unserer Gesellschaft jedoch kaum zu verstehen. In den voneinander abgeschotteten Sozialräumen von Ost und West ist es, folgt man den Erhebungen der Historiker und Sozialwissenschaftler, bis 1989 zu ganz ähnlichen sozialstrukturellen Verwerfungen gekommen: zur Diffusion eines einstmals wirtschaftlich, politisch wie kulturell eng konturierten Bürgertums, das selbst in der Blütezeit des bürgerlichen 19. Jahrhunderts kaum mehr als zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte, in eine die Bevölkerungsmehrheit inkludierende und integrierende gesellschaftliche "Mitte", bestimmt von sozialer Homogenisierung und offenen Zugangswegen.

Fußnoten

20.
Vgl. bes. Jürgen Kocka (Hrsg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, 3 Bde, München 1988.
21.
Karl-Siegbert Rehberg, Metamorphosen der Bürgerlichkeit, in: Heinz Bude/Joachim Fischer/Paul Kaiser/Bernd Kauffmann (Hrsg.), Bürgerlichkeit ohne Bürgertum, München 2008 (i.E.).