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14.2.2008 | Von:
Paul Kaiser

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?

Parallele Entbürgerlichung in DDR und Bundesrepublik

In der "alten" Bundesrepublik hat diese Entwicklung ihren prägnanten Ausdruck in Helmut Schelskys Modellmetapher der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" gefunden. Als Resultante verschiedener Prozesse - etwa des Aufstiegs der Arbeiterschaft und der Verarmung bürgerlicher Flüchtlinge - habe sich, so Schelsky, "eine breite, verhältnismäßig einheitliche Gesellschaftsschicht" herausgebildet, welche die Tendenz zur "Vereinheitlichung der sozialen und kulturellen Verhaltensformen" aufweise.[22]

Namhafte Sozialwissenschafter konstatierten in der, durch die vollzogene Westbindung initiierten, bundesdeutschen Erfolgsgeschichte die vermeintliche Auflösung der einstmals klassentypischen Gegensätze und ersetzten das Klassenmodell durch Schichtungstheorien. "Ein solch kleinteiliges Schichtungsmodell", formuliert der Soziologe und Ethnologe Rolf Linder, "legte intra- und vor allem intergenerationale Aufstiegsaspirationen als realistisch und realisierbar nahe, etwa von der Oberen Unterschicht zur Unteren Mittelschicht oder von der Unteren Mittelschicht zur Oberen Mittelschicht."[23]

Als Leitbild der expandierenden und auf gesellschaftlichen Erfolg gestellten mittleren Lagen erschien die in den 1960er Jahren von Karl Martin Bolte entworfene dickbäuchige "Bolte-Zwiebel". In dieser Visualisierung der bundesdeutschen Sozialstruktur spiegelte sich der vermeintlich ungeheure Zuwachs der Mittelschicht, zu der damals die Majorität der Gesellschaft gerechnet wurde. Im Zuge dieser vorschnellen Abkehr von Klassenunterschieden, wurden, wie Jens Hacke formuliert, die "feinen Unterschiede" (Pierre Bourdieu) eingeebnet, "denn eine uniforme Kultur des Konsums, des Profitdenkens und des marktgesteuerten bzw. staatlich abgefederten Wohlfahrtsstrebens schritt unaufhaltsam voran. Der "außengeleitete Mensch" (David Riesman) hatte kein Verlangen mehr nach bürgerlicher Innerlichkeit und den lange kultivierten Distinktionsmodi der Status- und Bildungsrepräsentation."[24]

In der DDR vollzogen sich die Auflösung des alten Bürgertums sowie eine radikale Entbürgerlichung in machtgesteuerten diktatorischen Bahnen. Während das Besitz- und Wirtschaftsbürgertum weitgehend enteignet wurde,[25] ergaben sich für bildungsbürgerliche Professionen - vor allem für Ärzte, Hochschullehrer und "Kulturschaffende" -, zunächst mit Privilegien beworbene Sonderräume, so dass die bildungsbürgerlichen Refugien zu Sozialisationsbiotopen einer in der DDR auf spezifische Weise überwinternden Bürgerlichkeit zu werden vermochten.

Nach dem Mauerbau 1961, der die in der DDR verbliebenen Eliten räumlich von einer alternativen Lebensplanung im Westen abschnitt, erwuchs aus der systemtreuen "neuen sozialistischen Intelligenz" eine "staatstragende" Mittelschicht. Diese auftrumpfende, aus proletarischen Bildungsaufsteigern rekrutierte staatssozialistische Funktionselite zeichnete sich auch quantitativ durch eine starke Dynamik aus - hatten zur ihr am Beginn der 1950er Jahre allenfalls vier Prozent der berufstätigen Bevölkerung gezählt,[26] so umfasste dieses Milieu zum Ende des DDR-Systems 15 Prozent der Sozialstruktur mit fast 1,3 Millionen Menschen.[27]

Trotz der repressiven Eindämmung existierten diese bürgerlichen Sonderräume nach 1961 in der DDR jedoch als soziokulturelle Alternativen in der "Kleine-Leute-Gesellschaft" (Dietrich Mühlberg). Sie tradierten jenseits des kommunistischen Erziehungsdogmas plurale Werte und bürgerliche Kulturmuster. Dieser alternative Handlungs- und Sozialisationsrahmen war dabei freilich vielmehr auf kulturelle Leitmodi des 19. Jahrhunderts als auf zeitgenössische Muster der westlichen Zivilgesellschaft gerichtet. Jene für die gesamte "Gegenkultur aus bildungsbürgerlichem Geiste"[28] überaus typische, retrospektiv geleitete Stil- und Rollenfixierung hatte nicht nur mit der von allen Fremdeinflüssen abgeschotteten Situation im ostdeutschen Teilstaat zu tun, sondern ebenso mit einem ausgeprägten Faible für historistisches Ressentiment in den von bürgerlicher Zeitgenossenschaft abgeschnittenen Milieus.

Fußnoten

22.
Helmut Schelsky, Gesellschaftlicher Wandel (1956), in: ders., Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, Düsseldorf-Köln 1965, S. 339f.
23.
Rolf Lindner, "Unterschicht". Eine Gespensterdebatte, in: Rolf Lindner/Lutz Musner (Hrsg.), Unterschicht. Kulturwissenschaftliche Erkundungen der "Armen" in Geschichte und Gegenwart (=Edition Parabasen; Bd. 8), Freiburg-Berlin-Wien 2008, S. 9 - 18, hier: S. 10.
24.
Jens Hacke, Bekenntnis zur Bürgerlichkeit. Selbstbehauptungsmotive in der politischen Philosophie der Bundesrepublik, in: vorgänge (Rückkehr der Bürgerlichkeit), 44 (2005) 2, S. 33 - 44, S. 34.
25.
Vgl. dazu die Einleitung der Herausgeber zur "Sozialgeschichte der DDR" in: Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/Hartmut Zwahr (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 9 - 16, hier: S. 12: "Um Professoren, Ärzte und Pfarrer geht es in den Beiträgen von Ralph Jessen, Christoph Kleßmann und Detlef Pollack, während Hartmut Zimmermann die Geschichte der höheren Funktionäre behandelt. Damit stehen soziale Gruppen zur Debatte, die in der DDR am ehesten Traditionen des Bürgertums fortsetzten oder Äquivalente zum Bürgertum darstellten, während von einer Fortexistenz wirtschaftsbürgerlicher Gruppen oberhalb des ebenfalls nur rudimentär fortlebenden selbständigen Kleinbürgertums nicht die Rede sein kann." Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Thomas Großbölting in dieser Ausgabe.
26.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin 2003, S. 49.
27.
Jedenfalls behaupten die führenden DDR-Soziologen diesen enormen Aufschwung der als "Zwischenschicht" verorteten Großgruppe der Intelligenz; beispielhaft: Rudi Weidig u.a., Sozialstruktur der DDR, Berlin 1988, S. 125 - 159. Diese Einschätzung teilen auch westdeutsche Soziologen, u.a. Erika Hoerning, Vertikale Mobilität in der DDR: Der Typus des Aufsteigers, in: Bios, 7 (1994) 2, S. 255 - 269, S. 257.
28.
Günter Wirth, Gegenkultur aus bildungsbürgerlichem Geist. Auch jenseits der marxistischen Dissidenten gab es staatsferne Intellektuelle Inseln in derDDR, in: FAZ (Bilder und Zeiten) vom 1.4. 1995, S. B 3.