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14.2.2008 | Von:
Paul Kaiser

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?

Vom Ende der geballten Mitte

Der Schnittpunkt dieser beiden gänzlich unterschiedlich verlaufenden Entwicklungslinien liegt in einer kulturellen Verkleinbürgerlichung der zentraler Mittelschichten in West wie Ost. Da und dort führte die forcierte Herausbildung einer neuen staatstragenden Mittelschicht bzw. die Wohlstandsintegration außerbürgerlicher Schichten zu einer kleinbürgerlichen Aneignung bürgerlicher Kulturmuster, in deren Folge die Kontur einer tradierten Bürgerlichkeit zunehmend verblasste.

In der Bundesrepublik wurde dieser Prozess freilich perforiert durch die Studentenbewegung und deren Symboljahr "1968", die ja ganz bewusst gegen bürgerliche Besitzstände zu Felde zog, die realiter kaum noch existierten. Nach der "Kulturrevolution", in deren Ergebnis die kleinbürgerliche Gesellschaftspolitur mehr als nur Risse bekommen hatte, erlangten plurale Lebensstile sowie Individualisierungsprozesse Deutungsmacht. In der DDR ist es zu keinem genuinen "[19]68 im Osten"[29] gekommen. Hier kann "die in der Hosentasche geballte Faust als das vielleicht repräsentativste Symbol einer nicht zustande gekommenen sozialen oder politischen Bewegung"[30] gelten. Diese Diagnose gilt auch dann, wenn man einräumt, dass im Osten ebenfalls kulturelle Protestformen als Korrektivphänomene des Mittelstands auszumachen sind. Anders jedoch als im Westen schlugen diese nicht auf die politische Kultur durch, sondern blieben in einem ästhetisierenden Historismus einer retardierenden Moderneaneignung gefangen.[31]

Die Ballung in der Mitte blieb für beide deutsche Teilstaaten repräsentativ. Damit war zwangsläufig eine ostentative Kleinbürgerlichkeit verbunden, da die sich solcherart ausgeweitete Mittelschicht kulturell nach unten orientierte. Somit galt das "Elitäre" im Westen lange als Angriff auf die Konsensgesellschaft; im Osten galt ohnehin das Ethos "antielitärer Eliten".[32] Damit verlor Bürgerlichkeit aber ihr Sinnzentrum, da eine in die Segmente der Gesamtgesellschaft eingewanderte, vollends aufgefächerte und für breite Bevölkerungskreise alltäglich gewordene Bürgerlichkeit eben keine mehr ist. Im Versiegen der bürgerlichen Distinktionschancen - angesichts von Massenuniversität, beruflichen Kollektivzwängen sowie einem in Westeuropa immer noch protestantisch gedämpften "demonstrativem Konsum" - zeigt sich bis heute die bürgerliche Crux der Massenkultur im Zustand einer "Bürgerlichkeit ohne Bürgertum."[33]

Niemand hat die eklatante Diskursdifferenz - zwischen den brüchig gewordenen (aber immer noch konsensfähigen) Fiktionen einer um die Mitte zentrierten Wohlfahrtsgesellschaft und der auch in den Konturierungs- und Etablierungsprozessen einer "neuen Bürgerlichkeit" aufscheinenden Akzeptanz neu aufbrechender Ungleichheit - so gut veranschaulicht wie der ehemalige Vizekanzler und Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD). Dieser hatte bekanntlich im Herbst 2006 als Repräsentant der herrschenden Verhältnisse erklärt, dass er beim besten Sinne keine sozialen Schichten in der Bundesrepublik erkennen könne, schon gar keine Unterschicht. Höchstens, wetterte er gegen das solche Zumutungen ausdrückende "Soziologendeutsch", kenne er Menschen, die "es schwerer haben, die schwächer sind."[34]

Das Phänomen der "neuen Bürgerlichkeit" ist ohne den Blick auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge nicht verstehbar: Der Diskurs reicht von der strittigen Diskussion um die Wiederkehr der "Klassengesellschaft"[35] über die "Unterschichten"-Debatte bis hin zur Thematisierung der (die These von der neuen Bürgerlichkeit eher erhärtenden) bürgerlichen Antibürgerlichkeit in Gestalt einer "digitalen Bohème":[36] All diese anhaltenden und ein größeres öffentliches Podium verdienenden Diskurse belegen aufbrechende Ungleichheiten, eine im radikalen Umbruch befindliche Sozialstruktur und vor allem das Ende der Glaubwürdigkeit jener bis heute von weiten Teilen der Politik vorgetragenen Gleichheits- und Homogenitätsfiktion.

Aber die diskursive Wiederkehr des Bürgerlichen ist keinesfalls bereits eine Ankunft im Alltag. Erst wenn die sieben Häute der Bolte-Zwiebel abgeschält sind, wird sich zeigen, ob Bürgerlichkeit tatsächlich zum Leitbild künftiger Führungskompetenz taugt, wie seine Protagonisten mit zuweilen fataler großpädagogischer Pose insinuieren, oder ob es sich, wie manche Kritiker meinen, lediglich um das kulturelle Styling einer selbst ernannten Elite handelt.

Fußnoten

29.
Vgl. Dietrich Mühlberg, Wann war 68 im Osten? Oder: Wer waren die 68er im Osten?, in: Berliner Blätter. Ethnographische und ethnologische Beiträge, o.A. (1999) 18, S. 44 - 58.
30.
Matthias Middell, 1968 in der DDR: Das Beispiel der Hochschulreform, in: Etienne Francois/Matthias Midell/Emmanuel Terray/Dorothee Wierling (Hrsg.), 1968 - ein europäisches Jahr? (=Beiträge zur Universalgeschichte und vergleichenden Gesellschaftsforschung; Bd. 6), Leipzig 1997, S. 125 - 146, hier: S. 125.
31.
Vgl. Paul Kaiser, Boheme im "Arbeiter-und-Bauern-Staat". Offizialkultur und künstlerische Gegenkultur im DDR-Staatssozialismus, Diss., Humboldt-Universität, Berlin 2007.
32.
Peter Hübner, Einleitung: Antielitäre Eliten?, in: ders. (Hrsg.), Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR (=Zeithistorische Studien; Bd. 15), Köln-Weimar-Wien 1999, S. 9 - 35.
33.
K.-S. Rehberg (Anm. 21), S. 12.
34.
Das Zitat findet sich bei Thomas E. Schmidt, Reden über die Unbenennbaren, in: Die Zeit, Nr. 43 vom 19.10. 2006, S. 4.
35.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Die verschämte Klassengesellschaft. In: Die Zeit, Nr. 48 vom 23.11. 2006, S. 14; Karl-Siegbert Rehberg, Die unsichtbare Klassengesellschaft. Eröffnungsvortrag zum 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in: ders. (Hrsg.), Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München 2004, 2 Bde, Frankfurt/M.-New York 2006, S. 19 - 38.
36.
Vgl. Holm Friebe/Sascha Lobo, Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, München 20063.