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14.2.2008 | Von:
Manuel Frey

Stiftungen in der Bürgergesellschaft

Kontingenzbewusstsein bürgerlicher Eliten

"Übertölpelt und ausgetrickst" - Die schiere Geschwindigkeit der Weltveränderung wird um 1900 als Bedrohung empfunden. Für die jederzeit minoritäre soziale Formation Bürgertum ist es gerade die Schnelligkeit des Wandels, die ihre gruppenspezifischen Handlungsoptionen einschränkt. Der Bürger als Stifter hält bewusst dagegen. Möglicherweise ist es gerade dieses Bewusstsein, das innerhalb des stiftungsaktiven Bürgertums zum Wunsch nach der Einführung retardierender Elemente im gesellschaftlichen Veränderungsprozess führte. Dann kommt es unter günstigen Umständen, wie in den großen Städten des Kaiserreichs, zu einem Stiftungsboom. Stiftungen sind stabile Formen sozialen Handelns. Herfried Münkler hat kürzlich das Wesen der Stiftung in der Wechselwirkung aus der absichtsvollen Verlangsamung gesellschaftlicher Veränderungsgeschwindigkeit einerseits und der Dynamisierung ausgewählter Handlungsfelder (etwa Ausbildungs- oder Kulturförderung) andererseits beschrieben.[3] Wenn man als Bürger den Wandel der eigenen Lebenswelt schon nicht aufhalten kann, dann möchte man ihm zumindest eine Richtung geben.

Es kann aber genauso gut sein, dass dieser Stiftungsboom ausbleibt. Staatliche Anreize reichen da nicht aus, die Wirkungszusammenhänge sind komplex. Spontane Hilfsbereitschaft, Schutz und Scheitern: Die Episode Fontanes vermittelt zunächst ganz allgemein einen Eindruck von der Kontingenz des Impulses, der zur Stiftungsgründung führt und auch das Stiftungshandeln bestimmt. Die Gelegenheit fliegt den potentiellen Stifter buchstäblich an. Übrigens sind auch die Stiftungen selbst, bei aller Präponderanz der jeweiligen Institution, offenbar möglich, ohne - gesamtgesellschaftlich betrachtet - notwendig zu sein. Gerade aus dem Bewusstsein der Kontingenz ziehen sie ihre Kraft, weniger aus dem Gedanken der Kontinuität, auch wenn von Stiftungsvertretern immer wieder die eintausendjährige Tradition einzelner Stiftungen beschworen wird. Stiftungen haben heute nichts Überzeitliches und sie werden auch nicht, wie in Städten der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert hinein üblich, zur sozialen und kulturellen Grundversorgung gegründet. Dies ist Aufgabe des modernen Staates, der die Altersvorsorge regelt und die Museen und Opernhäuser betreibt. Die dynamischen Handlungsfelder vieler Stiftungen sind deshalb von aktuellen "weichen" Themen bestimmt, man denke nur an die zahlreichen Projekte zur kulturellen Bildung. Bald werden andere Themen folgen.

Vom Kontingenzbewusstsein im Stiftungsbereich führt ein kurzer Weg zur Kontingenzerfahrung des Bürgertums im 20. Jahrhundert.[4] Denn dass Stiftungen eben nicht nur überzeitliche Stabilität und Sicherheit vermitteln, sondern selbst auflösenden Bedingungen wirtschaftlicher und politischer Wechsellagen unterworfen sind, das gilt auch für die entscheidenden Trägergruppen des europäischen Bürgertums. Von den rasanten Vermögensverlusten vieler wohlhabender Bürger und ihrer Stiftungen nach dem Ersten Weltkrieg über die Vernichtung der jüdischen Stifter und Mäzene im Nationalsozialismus bis zur Abhängigkeit mancher Unternehmensstiftung von der krisenhaften Entwicklung der globalisierten Industriegesellschaft finden sich zahlreiche Beispiele für die Epochengebundenheit von Stiftungen.

In Fontanes Geschichte vom Nachtfalter lassen sich deshalb auch zentrale Elemente des Stiftens als sozialer Handlung und als moralischer Haltung des Bürgertums - Gerechtigkeit und Anerkennung - vor dem Hintergrund der Stiftungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts exemplarisch zeigen. Beide Aspekte gewinnen durch das in den bürgerlichen Eliten herrschende Kontingenzbewusstsein besondere Bedeutung.

Da ist zunächst der Raum, der Wohn- und Arbeitsort des Bürgertums. Es ist die okzidentale Stadt, das bürgerliche Machtgefüge par excellence, in dem verschiedene soziale Gruppen um Anerkennung kämpfen. Max Weber nennt als Grundlage für die "aktive Mitgliedschaft im Bürgerverband" den Bürgereid des Neuankömmlings und die daraus erwachsende persönliche Rechtsstellung als Bürger.[5] Aus diesem Bewusstsein der selbstbewussten Individualität entsteht das Gefühl der Dankbarkeit und der Wunsch, der Stadtgemeinde etwas "zurückzugeben". Das ist nichts als die Moral dessen, der die Macht innehat, um anderen Schutz zu gewähren. Fontane spricht von der Pflicht zur Schutzgewährung als einer Form der Freigebigkeit. "Munifizenz" ist eines der Lieblingsworte Fontanes, ein Begriff, der übrigens im heutigen Duden nicht mehr vorkommt.

Diese Freigebigkeit steht ja durchaus im Gegensatz zur bürgerlichen Leitvorstellung der "Sparsamkeit". Sie bedarf deshalb der Begründung im Einzelfall und ist eng an die "Würdigkeit" dessen geknüpft, der die Gabe empfangen soll: Der freche Spatz ist gewissermaßen der Prototyp des Unwürdigen, da er sich nimmt, was ihm nicht zukommt, und sich damit dem Ritual des "Ablohnens"entzieht: ein Undankbarer also, undiszipliniert, mithin unbürgerlich. Es geht hier um Anerkennung, genauer, um einen zweifachen Kampf um Anerkennung: Zwischen Stiftern und Begünstigten und zwischen den Stiftern in deren eigener Gruppe. Die gescheiterte Rettung des Nachtfalters stellt ja auch aus der Perspektive des bürgerlichen Stifters ein "Versagen im Amt" dar. Das "Amtscharisma" des professionellen Wohltäters wird dadurch aus der Sicht der Standesgenossen ernsthaft beschädigt.

Fußnoten

3.
Vgl. Herfried Münkler, Anstifter, Unruhestifter. Wie Stiftungen Veränderungen bewegen, in: Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 61 (März 2007) 3, S. 200 - 210.
4.
Vgl. Joachim Fischer, Bürgerliche Gesellschaft. Zur historischen Soziologie der Gegenwartsgesellschaft, in: Clemens Albrecht (Hrsg.), Bürgerliche Kultur und Avantgarde, Würzburg 2004, S. 97 - 118.
5.
Max Weber, Grundriss der Sozialökonomik, III. Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1922, S. 533.