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14.2.2008 | Von:
Manuel Frey

Stiftungen in der Bürgergesellschaft

"Gabentausch"

Gemeinnützige Stiftungen in der entwickelten Bürgergesellschaft sind nicht Formen des einseitigen Gebens, sondern sie sind auf den Gabentausch mit seiner spezifischen Logik des Gebens, Nehmens und Erwiderns gegründet. Diese Form des Austauschs sollte keineswegs nur als Strukturmerkmal archaischer Gesellschaften betrachtet werden, sondern ist lebendiger Bestandteil von sozialen Beziehungen, gerade auch in ausdifferenzierten Marktgesellschaften.[8] Man darf sich aber die Bürgergesellschaft weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart als idyllischen Ort vorstellen. Der Gabentausch birgt auch Konfliktpotential. Gerade im Bereich all dessen, was wir heute mit Stiftung, Spende, Ehrenamt, Mäzenatentum, soziales Engagement im weitesten Sinne bis hin zum Sponsoring umschreiben, haben wir es mit subtilen Formen der sozialen Auseinandersetzung, mit Kämpfen und Konflikten zu tun, die über kulturelle Muster der Begünstigung und Benachteiligung ausgetragen werden und wo mehr oder weniger deutlich ausgeprägte Formen sozialer Ungleichheit und symbolische Kämpfe um Anerkennung sichtbar werden.[9]

Der Stiftungsbereich ist eines der zentralen Felder der zeitgenössischen "gift economy". Geht man nämlich davon aus, dass Reziprozitätsbeziehungen mit der Gabe im Mittelpunkt ein grundlegender Handlungsmechanismus sind, dann stellt sich die Frage nach den Institutionen, die diesen Geltungsraum konstituieren. Die Stiftung ist eine wichtige Instanz des institutionalisierten Gebens.[10] Das Bild des Stifters ist also doppeldeutig, wie schon bei Fontane ersichtlich und wie moderne Theoriekonzepte aus der Reziprozitätsforschung bestätigen. Es ist die Geste des öffentlichen Gebens, die Abhängigkeiten schafft und gegen die mitunter Widerstand erwächst.

In demokratischen Gesellschaften wird der Kampf um Anerkennung normalerweise von unten nach oben geführt - und nicht von oben nach unten. Stifter machen hier jedoch eine Ausnahme. Sie klagen als privilegierte Minderheit die kulturelle Differenz von oben ein. Daher haben sich die großen bürgerlichen Stifter in der Moderne, anders als die fürstlichen Mäzene in der Epoche des Absolutismus, immer auch vor dem Forum einer kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit zu verantworten. Stifter ringen um öffentliche Anerkennung auf der Basis ihrer marktwirtschaftlich akkumulierten und rechtsstaatlich abgesicherten Privilegien. Ungeachtet der gegensätzlichen Positionen zwischen bürgerlichen Stiftern und den sonstigen Anerkennungskämpfern aus sozialen Randgruppen (Aufsteiger, Migranten, Behinderte) bleiben die wesentlichen Merkmale aller Kämpfe um Anerkennung erhalten: erstens die Gefahr der öffentlichen Missachtung und zweitens das Einklagen eines höheren Maßes an sozialer Wertschätzung, um damit eine Erweiterung der vorhandenen Ressourcen zu erzielen.[11]

Fußnoten

8.
Vgl. Frank Adloff/Steffen Mau (Hrsg.), Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Frankfurt/M. 2005, S. 9 - 10.
9.
Vgl. Steffen Siegmund, Grenzgänge: Stiften zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und symbolischer Anerkennung, in: Berliner Jahrbuch für Soziologie, Nr. 3 (2000), S. 333 - 348.
10.
Vgl. Frank Adloff /Steffen Sigmund, Die "gift economy" moderner Gesellschaften. Zur Soziologie der Philanthropie, in: F. Adloff/S. Mau (Anm. 8), S. 211 - 237.
11.
Vgl. Nancy Fraser/Axel Honneth, Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Frankfurt/M. 2003, S. 181.