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14.2.2008 | Von:
Manuel Frey

Stiftungen in der Bürgergesellschaft

Anerkennung und Glück

Normen und Wertvorstellungen sind nicht nur jeweils an bestimmte soziale Trägerschichten gebunden, sondern auch abhängig von grundlegenden Rahmenbedingungen, die den Wertehorizont des Individuums beeinflussen. Es ist eine in der Stiftungsforschung bekannte Tatsache, dass viele Stifter auf öffentliche Ehrungen mit gemeinnützigen Schenkungen reagierten oder umgekehrt mit Schenkungen öffentliche Anerkennung zu erzwingen suchten. Begriffe wie "Dankbarkeit" "Bürgerpflicht", "Liebe zur Vaterstadt" finden sich in den Stiftungsakten zahlreicher Städte. Drei Bezugspunkte nannte der Stifter Johann Friedrich Städel in seinem Testament aus dem Jahr 1815: zunächst in der Präambel das Vertrauen zu Gott, dann im eigentlichen Text mehrfach seine engen Freunde und die "geliebte Vaterstadt" Frankfurt am Main, deren Bürgerschaft seine Stiftung zur Zierde und zum Nutzen gereichen möge.[12]

Das Beispiel Städels zeigt, dass Stiften ganz allgemein gesprochen "Haltung" voraussetzt, einen Modus operandi als Generierungsprinzip sozialen Handelns. Die Stiftung ist damit zunächst das Resultat einer bestimmten sozialen Praxis und erst in zweiter Linie ein Vermögen, das ein reicher Mann zu einem wohltätigen Zweck widmet. Aber warum wird gestiftet? Max Weber hat in der Einleitung zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen darauf hingewiesen, dass der Glückliche sich selten mit der bloßen Tatsache des Besitzes seines Glücks begnügt.[13] Er hat darüber hinaus das Bedürfnis, auch noch ein Anrecht darauf zu haben. Er will überzeugt sein, das Glück auch zu verdienen, vor allem im Vergleich mit den vielen Anderen, weniger Glücklichen. Der Stifter träumt den Traum von der Legitimität des Glücks. Dieser Traum ist nichts anderes als der Wunsch nach Anerkennung seiner Lebensleistung. Um seine irdischen Güter wie Geld und Macht in einer Demokratie überhaupt genießen zu können, benötigt der Stifter die Zustimmung der anderen, dass ihm dieser Besitz auch rechtmäßig zukommt (sowie es den anderen zukommt, weniger Geld zu haben und damit weniger glücklich zu sein).

Was könnte ihm nun das Bewusstsein der Legitimität seines Glücks besser verschaffen als die Dankbarkeit derer, die in den Genuss seiner Gaben kommen? Der Stifter bezieht seinen Anerkennungsvorteil nicht nur aus der exklusiven Verbreitung seiner Freigebigkeit im kleinen Kreis, sondern auch daraus, dass er entrechtete und benachteiligte Minderheiten (also die anderen Anerkennungskämpfer) öffentlichkeitswirksam bei ihrem Kampf um Ressourcenzuwachs unterstützt. Der Stifter stellt sich damit übrigens eher unfreiwillig an die Seite des modernen Staates, der selbst gern als Glücksvermittler auftritt. Der späte Arnold Gehlen hat sich in diesem Sinn dezidiert gegen eine Überstrapazierung der Staatsaufgaben des bundesrepublikanischen Sozial- und Kulturstaats ausgesprochen und spottete über die "euphorische Mythologie einer Kultur für alle" als Farce.[14]

Fußnoten

12.
Stiftungs=Brief des Städelschen Kunst=Instituts, enthalten in dem Testament des Herrn Johann Friedrich Städel, Frankfurt/M. 1817 (Neudruck Frankfurt 1984).
13.
Vgl. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 1988(9), S. 242.
14.
Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, Eine pluralistische Ethik, Frankfurt/M. 2004, S. 64.