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14.2.2008 | Von:
Manuel Frey

Stiftungen in der Bürgergesellschaft

Machtraum Stadt

Nochmals zurück zum alten und neuen räumlichen Zentrum der Bürgergesellschaft: Mit der europäischen Stadt haben wir seit dem Spätmittelalter und auch unter den gesellschaftlichen Bedingungen der beginnenden Moderne im frühen 19. Jahrhundert einen sozial, politisch und kulturell wohl organisierten "Machtraum als Objektivation sozialer Beziehungen" vor uns, der seine Wirkung bis heute entfaltet.[15] In diesem Machtraum ringen die Angehörigen innerstädtischer Eliten, die Bürger, um Anerkennung, hier werden auch soziale Konflikte ausgetragen. Das heißt auch, dass die sozialen Ordnungssysteme als "notwendige Ordnung" im Stiften und in der Stiftung ihren symbolischen Ausdruck finden.

Dies geschieht vor dem Hintergrund der für das 19. Jahrhundert bedeutsamen drei Strukturprozesse Urbanisierung, Konfessionalisierung und Professionalisierung. Vor Herausbildung der kommunalen Leistungsverwaltung, die von professionellen Beamten getragen wurde, hatten die Honoratioren entscheidenden Einfluss auf die Selbstverwaltung und damit auch auf die Strukturen der Wohltätigkeit in den deutschen Städten. Der Weg vom Ehrenamt zur Spende und zur Stiftung war damit in vielen Fällen vorgezeichnet. Die Bürger wussten genau, wo die Probleme lagen, und konnten auch als Stifter genau dort eingreifen, wo der Einsatz am notwendigsten war. "Stiftungsberatung" als intermediäre Instanz war damit überflüssig.

Grundsätzlich lässt sich anhand der Ergebnisse neueren Stiftungsforschung zeigen, dass die Wirtschafts- und Sozialstruktur und die spezifischen bürgerlichen Traditionen der jeweiligen Stadt die Rahmenbedingungen vorgaben - bis Großereignisse wie Krieg und Inflation diese lokalen Zusammenhänge störten und sich die Wohltätigkeitsbemühungen auf einem neuen Niveau restrukturierten. Das Stiften als Phänomen sowohl der innerbürgerlichen Solidarität als auch der innerbürgerlichen Differenzierung wurde also immer wieder zur Anpassung an neue Gegebenheiten gezwungen. Im Zuge der Urbanisierung wurden Formen des indirekten und delegierten Gabentauschs immer wichtiger. Deshalb war das Kaiserreich die große Zeit der Vermittler in vielen Kulturbereichen.

Diese häufig aus der Wirtschaft stammenden Vermittler strebten im Kern nach Anerkennung durch die lokale Öffentlichkeit.[16] Dies gilt bis heute. In der Konsequenz heißt das: Wenn künftig die urbanen Zentren im Gefolge des demographischen Wandels wieder verstärkt an Bedeutung gewinnen, dann könnte dies auch einen neuen Stiftungsboom zur Folge haben. Denn es ist im Kern zu allen Zeiten die lebendige Stadt als Wachstumsraum, welche die öffentlichkeitswirksame Arena für Anerkennungskämpfe bietet. Die von Münkler genannte staatlich privilegierte Sonderausstattung einzelner "Eliteuniversitäten" bietet dagegen wohl nicht genügend Prestigegewicht, um künftig in großem Maßstab zum Stiften anzuregen.[17]

Fußnoten

15.
Karl-Siegbert Rehberg, Macht-Räume als Objektivationen sozialer Beziehungen - Institutionenanalytische Perspektiven, in: Christian Hochmuth/Susanne Rau (Hrsg.), Machträume der frühneuzeitlichen Stadt, Konstanz 2006, S. 41 - 55.
16.
Vgl. Stephan Pielhoff, Stifter und Anstifter. Vermittler zwischen "Zivilgesellschaft", Kommune und Staat im Kaiserreich, in: Geschichte und Gesellschaft 33 (2007), S. 10 - 45.
17.
H. Münkler (Anm, 3), S. 209.