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14.2.2008 | Von:
Manuel Frey

Stiftungen in der Bürgergesellschaft

Gerechtigkeit

Was bedeutet der Kampf um Anerkennung für die gerechte Verteilung von Gütern? Über die Brücke der Gleichheit führt diese Frage an die Wurzel des Selbstverständnisse der Stiftungen in der Bürgergesellschaft: den Anspruch auf Gemeinnützigkeit. Es ist ja nicht zu bestreiten, dass Stiftungen, wenn Sie diesen Namen verdienen sollen, etwas zu verteilen haben. Spannend ist die Frage deshalb, weil sie eng mit dem mehrfach genannten Kampf um Anerkennung verbunden ist und weil hier Konfliktlinien sichtbar werden. Darf der Stifter jenseits der öffentlichen Kontrolle die von ihm Begünstigten nach eigenem Gusto auswählen und sich so zum Richter über andere machen? Werden nur die begünstigt, die am lautesten schreien? Ist es gerecht, wenn Stiftungen erfolgreiche Programme einstellen, ohne die Begünstigten zu fragen?

Internationale Stifter kämpfen zunehmend um Anerkennung in der Weltgesellschaft. Angesichts von Mega-Stiftungen wie der Bill & Melinda Gates Foundation werden solche Fragen künftig noch stärker an Aktualität gewinnen und möglicherweise eine neue Skepsis nationaler Öffentlichkeiten gegen transnationale Stiftungen hervorrufen. Die Argumente dafür liegen schon seit längerem bereit: Für den amerikanischen Politologen Michael Walzer etwa ist das Stiftungswesen zwar auch dann zu respektieren, wenn die "Distributionsresultate" dadurch unvorhersagbar und ungleich werden.[18] Auch Distributionskonflikte sind letztlich Resultate von Prestigekämpfen. Aktivitäten von Stiftungen können deshalb in der Demokratie anstößig sein, weil zumindest der Verdacht besteht, dass die Stifter sich Einfluss und Wertschätzung erkaufen. Walzer plädiert daher für das Spenden zur Stärkung des "altruistischen Gemeinschaftsgeistes". Dies sei besser als Stiften, weil "es sich um keine allzu großen Beträge handelt und die Spendenfähigkeit breit gestreut ist."[19]

Auch wenn man Walzer hier aus europäischer Perspektive (noch) nicht unbedingt folgen mag, scheint die Frage legitim: Wie viel Stiftung erträgt die Bürgergesellschaft? Wie verhalten wir uns künftig, wenn Megastiftungen auch bei uns errichtet werden? Schon jetzt wird die programmatische Ausrichtung einzelner großer deutscher Stiftungen keineswegs immer positiv beurteilt. Gerade bei unternehmensnahen Stiftungen kann es leicht zu Konflikten zwischen dem Streben nach Anerkennung und der Frage nach dem "gemeinen Nutzen" kommen, etwa, wenn die jeweilige Unternehmensphilosophie zum Gradmesser der Gemeinwohlorientierung hergenommen wird.

Gerechtigkeit ist die Fähigkeit einer Gesellschaft, Bedingungen für wechselseitige Anerkennung sicherzustellen.[20] Dazu zählt auch die Bereitschaft von Stiftern und Stiftungsmanagement, das eigene Stiftungshandeln permanent zu hinterfragen. Jedenfalls ist zu hoffen, dass die stiftungsinterne Diskussion über Fragen der Gerechtigkeit künftig zur stärkeren Einbindung der Stiftungen in die Bürgergesellschaft beiträgt. Denn dass Stiftungen reflexionsbereit sein müssen, zeigen nicht zuletzt die kürzlich vom Bundesverband Deutscher Stiftungen verabschiedeten "Grundsätze guter Stiftungspraxis" zur Stärkung der Gemeinwohlorientierung.[21]

Möglicherweise ist dieser zuletzt genannte Aspekt des Stiftungshandelns angesichts neuer Herausforderungen von zentraler Bedeutung. Die bloße Bereitstellung privater Mittel für öffentliche Zwecke wird künftig nicht ausreichen, um den langfristigen Erfolg der Arbeit vieler Stiftungen zu sichern, ebenso wenig wie der gute Name allein. Nötig ist hier die besondere Reflexionsbereitschaft im Hinblick auf die Vielzahl und die Qualität besonderer Programme für neue Themen oder soziale Gruppen. Programme, die wiederum in einem möglichst großen Teil der Öffentlichkeit zustimmungsfähig sind. Stiftungen brauchen also ein stärkeres "Kontingenzbewusstsein", wenn sie ihre besonderen Aufgaben erfolgreich wahrnehmen wollen.

Bürgerliche Stifter sind geborene Vermittler, die einen exklusiven Habitus und bürgerschaftliches Engagement auf den Feldern Kultur und Soziales zu verbinden wissen. Das Modell Bürgergesellschaft kann auch künftig nur funktionieren, wenn ein gewisses Maß an Gemeinsinn und Bürgertugend vorhanden ist. Dazu werden Wertbezüge bereitgestellt, die bis an die Wurzeln der okzidentalen Stadt zurückreichen. Man kann also mit einigem Recht argumentieren, dass Stiftungen die Rückbindung bürgerlicher Tugenden an den politischen Bereich unterstützen. Sie fördern die Partizipation und bieten mit dem Gedanken der institutionellen Autonomie die Basis für die Aneignung bürgerlicher Tugenden. Die Stiftung ist damit eine zentrale Institution der Bürgergesellschaft. Sie verweist sowohl auf Exklusivität als auch auf Partizipation und damit auf die beiden zentralen Möglichkeiten die Positionierung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft, von der mittelalterlichen Stadtgemeinde bis in die Gegenwart.

Fußnoten

18.
Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit, Frankfurt/M. 1998, S. 194.
19.
Ebd., S. 145.
20.
N. Fraser/A. Honneth (Anm. 11), S. 206.
21.
Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, Grundsätze Guter Stiftungspraxis: www.Stiftungen.org.