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7.2.2008 | Von:
Georgi Verbeeck

Erinnerungspolitik in Belgien

Infolge des Spaltungstrends kämpft Belgien mit einer gespaltenen Erinnerungspolitik. Fragen der Historiker kreisen um ihre Rolle in einer zunehmenden Kultur ritualisierter Schuldbekenntnisse.

Einleitung

Die Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg gleicht in Belgien, viel weniger als in den benachbarten Niederlanden, einer ritualisierten Kulturgeschichte. Ebenso spiegelt sie sich in der Haltung wider, die gegenüber dem großen deutschen Nachbarn eingenommen wird. Antideutsche Vorurteile, die in den negativen Erfahrungen aus der deutschen Besatzungszeit wurzeln, spielen in Belgien traditionell eine viel geringere Rolle als in den Niederlanden. Gleichsam erscheint die belgische Erinnerungskultur, infolge des Auseinanderdriftens der beiden nach Selbstständigkeit strebenden Sprachgebiete, in vielerlei Hinsicht als gespalten: das niederländischsprachige Flandern im Norden und der französischsprachige Landesteil im Süden, der sich aus Wallonien und dem größten Teil von Brüssel zusammensetzt. Der Spaltungstrend zwischen Flamen und Frankophonen schlägt sich sowohl in seiner spontanen und in seiner institutionalisierten Form als auch in der kollektiven Erinnerung nieder.[1]




Die öffentliche Debatte darüber, welchen Stellenwert der Holocaust in der Nationalgeschichte einnimmt, ist in Belgien erst sehr spät in Gang gekommen. Demgegenüber gibt es in den Niederlanden bereits seit längerem Diskussionen über "gut" und "falsch" in den Beurteilungen des Zweiten Weltkrieges. In Frankreich sorgt das Vichy-Syndrom noch stets für emotionale Turbulenzen. Und Deutschland selbst kämpft mit anhaltenden Problemen der Vergangenheitsbewältigung. Doch in Belgien kann man erst seit den 1990er Jahren von einer öffentlichen Debatte über die eigene Geschichte sprechen, die mit denen im benachbarten Ausland verglichen werden könnte.[2] Auch hier spielen politische Entwicklungen eine entscheidende Rolle. Die Debatte um die Einrichtung eines Museums in Mechelen, einer kleinen flämischen Provinzstadt zwischen Brüssel und Antwerpen, zum Thema der Judenverfolgung während der deutschen Besatzung 1940/1944, kann dafür als Beispiel dienen.

Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Niederländischen: Simone Labs, Neuenkirchen.

Siehe für Belgien auch: Pieter Lagrou, The Legacy of Nazi Occupation. Patriotic Memory and National Recovery in Western Europe 1945 - 1965, Cambridge 2004.
2.
Zu Belgien im internationalen Vergleich vgl. z.B. Luc Huyse, Alles gaat voorbij, behalve het verleden, Löwen 2006. Für die Niederlande siehe z.B. Jos Perry, Wij herdenken, dus wij bestaan. Over jubilea, monumenten en de collectieve herinnering, Nimwegen 1999.