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7.2.2008 | Von:
Johannes Koll

Metropolregion Benelux-NRW?

NRW und Benelux

Dennoch ist die Benelux-Union nicht ohne Bedeutung für die europäische Nachkriegsgeschichte gewesen, und die "Düsseldorfer Erklärung" führt ihre Attraktivität bis in die heutige Zeit nachdrücklich vor Augen. Wie lässt sich die Geschichte der Beziehungen zwischen Nordrhein-Westfalen und dem Benelux-Raum beschreiben? Die wissenschaftliche Literatur hat bisher den Fokus nicht explizit auf NRW gelegt. Vielmehr wird das Verhältnis der Benelux-Länder zum östlichen Nachbarn in der Regel in einen gesamtdeutschen Rahmen eingebettet. Darüber hinaus ist für die meisten Forschungen auf diesem Gebiet eine bilaterale Perspektive leitend.[12] So können hier nur Momente einer Beziehungsgeschichte zwischen dem Benelux-Raum und Nordrhein-Westfalen benannt werden.

Seit jeher hat das Gebiet des heutigen Bundeslandes NRW mit seiner Bevölkerung für die Wirtschaftsentwicklung der Länder des Benelux-Raums große Bedeutung besessen - und umgekehrt. Einen enormen Aufschwung nahm die gegenseitige ökonomische Abhängigkeit, als die benachbarten Regionen Wallonien, Rheinland und Ruhrgebiet seit Beginn des 19. Jahrhunderts industriell erschlossen wurden. In diesem Zusammenhang spielte die verkehrstechnische Vernetzung eine große Rolle. Mit dem 1843 fertiggestellten "Eisernen Rhein" etwa konnte der Antwerpener Hafen per Eisenbahn über Lüttich mit dem preußischen Gebiet von Rhein und Ruhr verbunden werden.[13] Auch der Hafen von Rotterdam (der stets mit Antwerpen konkurrierte) war für den Güteraustausch mit den westdeutschen Ballungszentren sehr wichtig.

Schwere Erschütterungen des Verhältnisses der Benelux-Staaten zum östlichen Nachbarn haben die Weltkriege mit sich gebracht. Belgien und Luxemburg wurden sowohl 1914 als auch 1940 Opfer militärischer Aggression aus dem Osten; die Niederlande wurden im Zweiten Weltkrieg von Deutschland überfallen und jahrelang einem ausbeuterischen Besatzungsregime unterzogen. In der Zwischenkriegszeit nahmen die Benelux-Länder unterschiedliche Haltungen gegenüber Deutschland ein: Die Niederlande griffen der politisch und wirtschaftlich instabilen Weimarer Republik - im Interesse des eigenen Handels sicher nicht uneigennützig - mit Krediten im Wert von 200 Millionen Gulden für den Ankauf von Rohstoffen und Lebensmitteln unter die Arme und gewährten dem abgedankten Kaiser Wilhelm II. in Haus Doorn Asyl. Erst der Aufstieg des Nationalsozialismus führte in breiteren Kreisen der niederländischen Gesellschaft zu einer distanzierten Haltung gegenüber dem östlichen Nachbarn.

Demgegenüber bewegte sich Belgien nach 1918 im Schlepptau der antideutschen Politik Frankreichs. Die repressive Deutschlandpolitik kam nicht nur in gigantischen Annexionsforderungen zum Ausdruck, die sich zum Teil bis in die Eifel und nach Euskirchen erstreckten, schließlich aber auf die ehemalige preußische Rheinprovinz mit den Gemeinden Eupen, Malmedy und St. Vith reduziert werden konnten. Sie manifestierte sich auch in der Tatsache, dass Belgien seit Januar 1923 an der Seite Frankreichs an der Besetzung des Ruhrgebiets und des Rheinlands mit der Begründung teilnahm, die Weimarer Republik befinde sich mit Reparationsleistungen im Rückstand. Auf deutscher Seite führte dies für mehrere Monate zu jenem Widerstand, der als "Ruhrkampf" in die Geschichte eingegangen ist. Deutsch-nationale Kreise agitierten gegen separatistische Tendenzen im Rheinland, die mehr oder weniger offen von der Besatzungsmacht unterstützt wurden.

Auch wenn die Reichsregierung 1925 im Vertrag von Locarno die bestehende Westgrenze offiziell anerkannte, blieb das deutsch-belgische Verhältnis angespannt. Denn in der gesamten Zwischenkriegszeit wurde von deutscher Seite die Forderung nach einer Rückgliederung von Eupen, Malmedy und St. Vith erhoben. Eine Art von "intellektuellem Revisionismus" kann man in der "Westforschung" sehen. Hier wurde der Versuch unternommen, mit geschichtlichen, volkskundlichen und sprachhistorischen Studien Bezüge zwischen einem nieder- und einem westdeutschen "Kulturraum" auf der einen und den Benelux-Ländern sowie Frankreich auf der anderen Seite zu untermauern. In politischer Hinsicht waren derartige Ansätze für Irredentismus anfällig. Im Laufe der 1930er Jahre wurde die "Westforschung" denn auch zunehmend in den Dienst expansionistischer Bestrebungen gestellt. Die mehrjährige Besatzung durch das NS-Regime, die mit dem Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 eingeläutet wurde, war somit auf deutscher Seite in gewisser Weise mental präpariert worden.[14]

Die Erfahrungen mit dem Besatzungsregime führten dazu, dass die Niederlande, Belgien und Luxemburg nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Außenpolitiken stärker als zuvor aneinander anglichen und aufeinander abstimmten. Ausdruck dieser Neuorientierung ist die oben ausgeführte Institutionalisierung wirtschaftlicher Zusammenarbeit im Rahmen der Benelux-Union. Zur Neuorientierung zählte auch die Aufgabe der Neutralität, zu der sich die Niederlande, Luxemburg und Belgien 1839 vertraglich verpflichtet hatten.[15] An ihre Stelle setzten die drei Länder die Eingliederung in internationale und europäische Organisationen sowie in die westliche Sicherheitsarchitektur. In diesem Umfeld boten sich zahlreiche Möglichkeiten des Kontaktes und der Kooperationen mit dem westdeutschen Staat. Durch die Einbindung der Bundesrepublik konnte deren militärisches, wirtschaftliches und politisches Potenzial "eingehegt" werden.

In der Haltung gegenüber der Bundesrepublik unterschied sich die niederländische Gesellschaft deutlich von der belgischen. Die bilateralen Beziehungen zu Belgien konnten auf politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Ebene trotz der Stationierung belgischer Soldaten auf deutschem Boden schon relativ rasch nach Kriegsende weitgehend normalisiert werden. Anders als in der Zwischenkriegszeit verzichtete Belgien nach dem Zweiten Weltkrieg auf überbordende Reparations- und Annexionsforderungen gegenüber dem neuerlich besiegten Nachbarn. Lediglich Eupen, Malmedy und St. Vith gingen nun definitiv an Belgien.[16] 1956 schlossen Belgien und die Bundesrepublik einen Ausgleichsvertrag, um ihr bilaterales Verhältnis auf eine solide völkerrechtliche Grundlage zu stellen. Ein deutsch-luxemburgischer Ausgleichsvertrag kam 1959 zustande.

Komplizierter stellte sich das niederländisch-deutsche Verhältnis nach 1945 dar.[17] Einerseits sind die Niederlande und die Bundesrepublik relativ rasch zum bevorzugten Wirtschafts- und Handelspartner füreinander geworden;[18] davon profitierte besonders das angrenzende NRW mit seinen bevölkerungsreichen Industrieregionen. Auch begegneten sich beide Länder als Partner in internationalen und europäischen Organisationen - war doch die Einbindung von Westdeutschland in die westliche Welt unter den Bedingungen des Kalten Krieges für die niederländische Außenpolitik von ebenso zentraler Bedeutung, wie sie es für Belgien und Luxemburg war. Innerhalb der niederländischen Gesellschaft jedoch blieb das Verhältnis zu Deutschland jahrzehntelang angespannt. Hiervon zeugt bereits die Tatsache, dass die Niederlande im Unterschied zu Belgien und Luxemburg das Gedenken an die Befreiung von der NS-Herrschaft im Frühjahr 1945 zu gesetzlichen Feiertagen gemacht und die Erinnerung an die deutsche Besatzung somit dauerhaft im kollektiven Gedächtnis verankert haben.

In dieselbe Richtung weisen in der unmittelbaren Nachkriegszeit erhobene Forderungen nach der Ausweisung aller Deutschen, nach hohen Reparationszahlungen und nach Annexionen. So wollte man auf niederländischer Seite als Wiedergutmachung das eigene Staatsgebiet um knapp ein Drittel auf Kosten Deutschlands vergrößern. International durchsetzen ließ sich diese Forderung nicht, und so wurden schließlich 1949 statt der anvisierten 10 000 Quadratkilometer mit anderthalb Millionen Einwohnern lediglich 69 Quadratkilometer und 10 000 Menschen um die Gemeinden Elten und Tüddern unter niederländische Verwaltung gestellt. 1963 kehrte der größte Teil dieser Gebiete und ihrer Bevölkerungen wieder nach Deutschland zurück, nachdem die Regierungen nach jahrelangen Verhandlungen einen Ausgleichsvertrag abgeschlossen hatten.

Trotz dieses Staatsvertrags, mit dem Wiedergutmachung für das Unrecht, das das "Dritte Reich" an den Niederlanden verübt hatte, rechtlich geregelt wurde, brachen in den Niederlanden immer wieder antideutsche Ressentiments auf. So kam es beispielsweise zu wütenden Protesten, als 1965 bekannt wurde, dass Kronprinzessin Beatrix einen Diplomaten aus Deutschland, Claus von Amsberg, heiraten wolle. Dessen Vergangenheit bis 1945 wurde umgehend im überhitzten Duktus moralischer Überlegenheit auf Antisemitismus und Teilnahme an Kriegsverbrechen durchleuchtet - ohne Resultat, wie sich bald schon herausstellen sollte. Die Langlebigkeit von antideutschen Klischees wurde noch einmal in einer Umfrage bestätigt, die das renommierte Forschungsinstitut Clingendael 1993 durchgeführt hat.[19]

Seitdem sind auf beiden Seiten der Grenze verstärkt Versuche unternommen worden, das bilaterale Verhältnis substanziell zu verbessern. Hierzu gehören bilaterale Regierungskonferenzen, die Begründung eines deutsch-niederländischen Journalistenaustauschs oder die Einrichtung des interdisziplinär forschenden Duitsland Instituut in Amsterdam. Auch die Euregios haben dazu beigetragen, grenzüberschreitende Kontakte zu gestalten.[20] Darüber hinaus liegt eine Reihe von Gemeinsamen Erklärungen und Abkommen vor, in denen die nordrhein-westfälische Landesregierung mit den Niederlanden oder mit Belgien und seinen Teilstaaten Vereinbarungen zu Themenfeldern wie Umwelt, Bildung oder Verkehr abgeschlossen hat.[21] Der Intensivierung der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit dienen auch Gelder, welche die Europäische Kommission zur Finanzierung des Projekts "Deutschland - Nederland 2007 bis 2013" zugesagt hat; hier hat das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium die Federführung.[22]

Fußnoten

12.
Vgl. etwa Carlo Lejeune, Die deutsch-belgischen Kulturbeziehungen 1925-1980. Wege zur europäischen Integration?, Köln-Weimar-Wien 1992; Horst Lademacher, Zwei ungleiche Nachbarn. Wege und Wandlungen der deutsch-niederländischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1990; Friso Wielenga, Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000. Hier sind auch die Publikationen der Niederrhein-Akademie mit einer thematischen Konzentration auf den niederrheinisch-niederländischen Grenzraum zu nennen.
13.
Vgl. Klaus Pabst, Belgien und Rheinland-Westfalen seit dem 19. Jahrhundert. Beziehungen zweier Nachbarländer, in: Geschichte im Westen, 5 (1990), S. 29f.
14.
Vgl. Burkhard Dietz/Helmut Gabel/Ulrich Tiedau (Hrsg.), Griff nach dem Westen. Die "Westforschung" der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), 2 Bde., Münster u.a. 2003.
15.
Belgien hatte die Neutralität zwar nach dem Ersten Weltkrieg für einige Jahre aufgegeben, war aber 1936 vor dem Hintergrund der immer bedrohlicheren Außenpolitik des Hitler-Regimes hierhin zurückgekehrt.
16.
Vgl. Horst Lademacher, Deutschland und Belgien, in: Walter Först (Hrsg.), Beiderseits der Grenzen, Köln 1987, S. 117 - 120.
17.
Zum Folgenden vgl. besonders F. Wielenga (Anm. 12), passim.
18.
Vgl. Kees van Paridon, Wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland: Über wirtschaftliche Entwicklung, Handel, direkte Investitionen und "Poldermodell", in: Gebhard Moldenhauer/Jan Vis (Hrsg.), Die Niederlande und Deutschland. Einander kennen und verstehen, Münster u.a. 2001, S. 358ff.
19.
Die nicht unumstrittene Clingendael-Studie auf Deutsch in: Bernd Müller/Friso Wielenga (Hrsg.), Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden, Münster 1995, S. 165 - 200.
20.
In NRW gibt es entlang der niederländischen und belgischen Grenze derzeit die folgenden euregionalen Zusammenschlüsse: EUREGIO (Gronau/Enschede), Euregio Rhein-Waal, Euregio Rhein-Maas-Nord und Euregio Maas-Rhein.
21.
Vgl. Liste der Gemeinsamen Erklärungen und Abkommen mit den Benelux-Staaten bei www.europa. nrw.de (29.1. 2008); vgl. auch Bericht der Landesregierung Nordrhein-Westfalen an den Landtag zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, Düsseldorf 2007.
22.
Vgl. www.deutschland-niederlande.eu (29.1. 2008).