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27.11.2009 | Von:
Birgit Meyer

"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse

1970er Jahre

Bis weit in die 1970er Jahre hinein spiegelt sich die geringe weibliche Präsenz im konventionellen politischen Bereich in einer noch viel geringeren medialen Repräsentanz wider.[15] Doch findet sich in dieser Phase über die nachrückende Generation (vor allem von jüngeren SPD-Abgeordneten) auch verhaltene Anerkennung in der Berichterstattung. Es wird speziell auf deren hohe Qualifikation, ihren politischen Ehrgeiz und Fleiß, aber auch auf das wenig mütterliche Erscheinungsbild abgehoben: "Die parlamentarischen Mütter" kommen "aus der Mode".[16] Die zeitgenössische Kolumnistin Sibylle Krause-Burger vermutet, dass die älteren Politikerinnen "vom Schlage der warmherzigen, hilfsbereiten politischen Mutter" von den Medien lange Zeit in diese Rolle gedrängt wurden: "Nur wenige unter den Älteren haben diese Rolle abzuschütteln vermocht. So blieb ihnen kaum anderes, als die Mutterrolle anzunehmen, ja sie nachgerade wie eine Monstranz vor sich herzutragen und eben damit die eigene Partei und die Wählerschaft in die Knie zu zwingen."[17]

Im "Jahr der Frau" 1975 wird über einzelne Politikerinnen als "fleißige Ausnahmefrauen", "kühle Powerfrauen" oder gar "Apparate-Frauen ohne Gefühl"[18] berichtet, die auf eine neue Generation von Politikerinnen hindeuteten, nämlich "Karrierefrauen in der Politik".[19] Darüber hinaus erscheinen vermehrt Artikel von (oftmals freiberuflichen) Journalistinnen. Diese beschreiben Politikerinnen durchweg positiver als früher und sehen sie im Vergleich zu den meisten ihrer männlichen Journalistenkollegen weniger spöttisch und selten hämisch, dagegen oft wertschätzend. Es überwiegt das Verständnis, wenn es um die offensichtliche Balanceleistung geht, Beruf, Familie und politisches Engagement in Einklang zu bringen. "Sie weiß, dass sie als Frau immer ein bisschen fleißiger, ein bisschen gewissenhafter, eben ein bisschen besser sein muss als der männliche Kollege. Als der Kandidat eines benachbarten Wahlkreises stöhnt: Vier Veranstaltungen an einem Tag! lächelt sie leise. Sie sagt nicht, dass sie am nächsten Tag sieben hat."[20]

Fußnoten

15.
So lag der Frauenanteil im Kabinett Willy Brandts 1972 bei 7 Prozent und im Bundestag zur gleichen Zeit auf dem historischen Tiefststand von nur 5,8 Prozent. Bis 1987 lag der Frauenanteil im Bundestag bei unter 10 Prozent, in den Landtagen sogar noch darunter.
16.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 22. 11. 1975.
17.
Ebd.
18.
Vgl. Christiane Schmerl (Hrsg.), In die Presse geraten, Köln 1985.
19.
FAZ (Anm. 16).
20.
Die Zeit vom 3. 11. 1972.

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