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27.11.2009 | Von:
Birgit Meyer

"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse

"Phänomen Merkel"

Erst mit der Kanzlerkandidatur einer Frau wird die hegemoniale Männlichkeit der Politik in einem bisher unbekannten Ausmaß öffentlich thematisiert. Anhand von "Kohls Mädchen aus dem Osten" kann man einen allmählichen aber doch grundsätzlichen Wandel in der Presseberichterstattung, vor allem in der Zeit zwischen 2001 und 2005, nachvollziehen. Die Gründe dieses Wandels sind vielschichtig. Sie hängen unter anderem mit vier Faktoren zusammen: Erstens ist die Zeitspanne offenbar groß genug gewesen, so dass sich Medien und Öffentlichkeit an Angela Merkels Machtanspruch gewöhnen konnten. Zweitens haben die innerparteilichen Krisen in der CDU eine Rolle gespielt, auch im Hinblick auf unverbrauchte Kandidaten für die Nachfolge Kohls. Drittens ist Merkel selbst ein Faktor: ihre uneitle Selbstpräsentation und ihr kluges Fädenziehen hinter den Kulissen, ihr unaufdringlicher, gleichwohl zäher Machtwille und ihre Fähigkeit, geduldig abzuwarten und bei passender Gelegenheit zuzugreifen. Schließlich ist auch das Phänomen Macht ein wichtiges Moment dieser Entwicklung gewesen.

Denn hinter dem Wandel von einer überwiegend spöttischen, herablassenden, besserwisserischen und oft auch hämischen Berichterstattung - zum Beispiel über Merkels Kleidung, Frisur, Mundwinkel oder ihre (wirtschafts)politische Kompetenz und der ständigen Frage: "Kann sie das?" - zu einer sachlicheren Tonart und mitunter sogar Bewunderung, könnte man den Respekt der Medien vor der Macht vermuten. Noch im Januar 2002 fordert "Die Zeit" Angela Merkel unverblümt auf, die Kanzlerkandidatur an Edmund Stoiber abzugeben. Sie zeige "Ehrgeiz, Machtbewusstsein, Realitätsferne und keinerlei ökonomische Kompetenz".[34] Sie wird eine Zeit lang medial regelrecht "gejagt".[35] Heute respektiert nicht nur die Wochenzeitung den neuen Stil und das neue Gesicht Deutschlands in der Welt.[36] Hier deutet sich eine Statusbezogenheit in der Perspektivenverschiebung an.

Das bislang vorherrschende Stereotyp von Politikerinnen als Ausnahmefrauen ist ebenfalls aufgeweicht. Sie werden langsam - vor allem sobald sie in Führungspositionen aufgestiegen sind - als Mitspielerinnen im Spiel um Dominanz und Einfluss ernst genommen.[37] Insbesondere Berichte über die Ministerinnen Ursula von der Leyen, Ulla Schmidt, Annette Schavan oder über die zweimalige Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan haben die Rezeption von Politikerinnen in der Presse nachhaltig verändert. Nicht nur dass sie als höchst unterschiedliche Persönlichkeiten in Bezug auf regionale Herkunft, Religion, Familienstand, Kinderzahl, Berufsausbildung und innerparteiliche Verankerung kommentiert werden, was zu einer differenzierteren Sicht beigetragen hat. Darüber hinaus ist auch eine größere Konzentration auf politische Inhalte, Sachthemen und Schwerpunkte festzustellen. Kleidung, Familienstand oder Kompetenz werden zwar noch vereinzelt kommentiert, fallen aber in der Gesamtbewertung kaum negativ ins Gewicht.

Fußnoten

34.
Die Zeit vom 10. 1. 2002.
35.
Man denke an die Art, mit der Moderator Reinhold Beckmann sie am 10. 1. 2005 befragte. Vgl. Birgit Kienzle, Isss ja guuut, Frau Merkel!, in: Emma, März/April 2005.
36.
Vgl. Die Meistersängerin. Angela Merkel hat ihren Führungsstil gefunden, in: Die Zeit vom 26. 7. 2007.
37.
Vgl. Birgitta Stauber-Klein, Politikerinnen in den Medien: Erfahrungen aus dem Journalismus, in: H. Holtz-Bacha/N. König-Reiling (Anm. 3), S. 124 - 132.

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