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27.11.2009 | Von:
Birgit Meyer

"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse

Fazit

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts findet sich in der Presse eine unterproportionale, verkürzende oder verfälschende Berichterstattung über Politikerinnen. So ignoriert die Presse sie in der Nachkriegszeit noch überwiegend oder stilisiert sie als "gute Mütter". Auch in den 1970er Jahren werden sie marginalisiert, trivialisiert oder als Ausnahmefrauen charakterisiert. Erst in den 1980er Jahren werden sie verstärkt zur Kenntnis genommen und in politischer Verantwortung zunächst symbolisch akzeptiert. Ab der Jahrtausendwende schließlich werden sie sachlicher und differenzierter dargestellt und - sobald sie Machtpositionen inne haben - auch geschont, oft sogar hofiert. Dieses gilt insbesondere für die Kanzlerin, die bereits nach kurzer Amtszeit auch in Deutschland anerkennend und sachlich porträtiert wird.

Dennoch stellt die Presse auch heute noch Politikerinnen nicht ohne Bezug auf Rollenstereotype dar. Es gibt neben einer quantitativen Unausgewogenheit vor allem qualitative Besonderheiten, wie eine geschlechtsbezogene Sicht auf weibliche Politiker und andere Zuschreibungen und Erwartungen an sie. Gleichwohl wurde eine Versachlichung festgestellt im Sinne einer weniger auf traditionelle Rollenzuschreibungen zentrierten und stärker an der Praxis des politischen Entscheidungsprozesses orientierten Berichterstattung. Es gibt eine größere Varianz bei Themen, Problemerörterungen und Personen. Bemerkenswert ist auch, dass sich seit etwa 15 Jahren Journalistinnen und Journalisten zunehmend differenziert und kritisch mit der eigenen Zunft auseinandersetzen und sich mit klischeehaften und stereotypen Darstellungen von Politikerinnen nicht zufriedengeben.[38]

Interessanterweise ist die beschriebene Versachlichung in der Presse just in dem Moment zu konstatieren, in dem die Bedeutung von seriösen (gedruckten) Tages- und Wochenzeitungen für die politische Informationsvermittlung abzunehmen scheint. Die Auflagenverluste der Qualitätspresse sind nicht nur in Deutschland eklatant. Ferner sind es vor allem junge Leserinnen und Leser, die von konventionellen und zugleich anspruchsvollen (Print)Medien nicht mehr erreicht werden. Umfragen zufolge nutzt nur noch etwa jeder dritte Jugendliche regelmäßig eine konventionelle Tageszeitung, um sich zu informieren. Privatfernsehen und Internet haben Printmedien insbesondere bei jungen Menschen verdrängt. Deshalb lautet meine pessimistische Prognose: In dem Maße, in dem die trivialisierte Mediennutzung steigt, könnten traditionelle Rollenzuschreibungen und Vorurteile gegenüber Politikerinnen möglicherweise wieder an Bedeutung gewinnen. Eine solche Retraditionalisierung von Geschlechterarrangements in der Presse könnte einer Abwertung von Frauen in der Politik eventuell den Weg bahnen.

Fußnoten

38.
Vgl. Bettina Schausten, Sind die Politikerinnen reif für die Medien - sind die Medien reif für die Frauen?, in: C. Holtz-Bacha/N. König-Reiling (Anm. 3), S. 204 - 212.

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