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13.11.2009 | Von:
Michael Paul

Zivil-militärische Interaktion im Auslandseinsatz

Das Problem hinlänglicher Kräfte

Lässt die im Vergleich zum Balkan geringe Zahl eingesetzter Kräfte darauf schließen, dass das bei seiner Einführung hochgepriesene CIMIC-Konzept auf dem Weg der Marginalisierung ist? Eher nicht - vielmehr könnte man argumentieren, dass die Bundeswehr in Nordafghanistan unzureichend präsent ist und daher zur Verbesserung der Sicherheitslage (im Sinne des Mandats und des Einsatzauftrags) nur begrenzt beitragen kann. Das gegebene Streitkräftedispositiv ermöglicht jedenfalls keine raumgreifende CIMIC-Arbeit. Wenn sich CIMIC-Kräfte nur mit Begleitschutz und in geschützten Fahrzeugen außerhalb des Camps bewegen dürfen, dafür aber weder Soldaten noch geschützte Fahrzeuge in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, kann der Auftrag nur in reduziertem Umfang ausgeführt werden - und dies angesichts der übrigen selbstgesetzten Beschränkungen in einer sich verschlechternden Sicherheitslage.

Damit der militärische Auftrag, ein sicheres Umfeld zu schaffen, erfüllt werden kann, sind hinlängliche Kräfte notwendig. Wenn die Entsendestaaten ihre Soldaten nicht in der zugesagten Anzahl und noch dazu unter Vorbehalten bereitstellen, kann dies zur Eskalation der Gewalt beitragen - dann werden nämlich Luftwaffe und Artillerie statt besser geeigneter Landstreitkräfte für taktische Einsätze herangezogen. Die dadurch verursachten zivilen Opfer bedeuten nicht nur einen Verlust an Menschenleben, sondern sind auch politisch kontraproduktiv: Die Unterstützung des Einsatzes in der afghanischen Bevölkerung geht verloren, die Taliban finden günstigere Bedingungen für die Rekrutierung neuer Kämpfer, und darüber hinaus verschlechtert sich in den Entsendestaaten die öffentliche Meinung zum Einsatz.

Eine zentrale Herausforderung für ISAF und die afghanischen Sicherheitskräfte besteht darin, das Vertrauen der Bevölkerung in die eigene Durchsetzungsfähigkeit zu stärken. Dies verweist jedoch wiederum auf das Problem hinlänglicher Kräfte: Gebiete, die von Aufständischen befreit worden sind, können danach nicht gesichert werden, weil die ISAF-Streitkräfte anderweitig eingesetzt werden müssen und afghanische Soldaten noch nicht in ausreichender Zahl und mit dem nötigen Ausbildungs- und Ausrüstungsstand zur Verfügung stehen.

Insofern greift die populäre Variante von CIMIC, an Grundbedürfnisse und materielle Eigeninteressen der Bevölkerung anzuknüpfen, im Kontext der Aufstandsbekämpfung zu kurz. Denn die Bevölkerung muss nicht nur davon überzeugt werden, dass der Erfolg von ISAF in ihrem eigenen Interesse ist, sondern auch daran glauben, dass ISAF und die eigenen Streitkräfte einen dauerhaften Schutz gewährleisten. Beides bedingt flexibel einsetzbare und ausreichend ausgestattete Streitkräfte. Dabei wird nicht die Absicht verfolgt, das Land flächendeckend militärisch zu kontrollieren. Vielmehr sind zur Aufstandsbekämpfung wesentlich nichtmilitärische Maßnahmen notwendig; gerade diese erfordern ein sicheres und stabiles Umfeld.

Nachhaltige Sicherheit kann letztlich nur die Afghanische Nationalarmee (ANA) gewährleisten. Sie hat quantitative und vor allem auch qualitative Fortschritte gemacht. Zunehmend finden große Militäroperationen unter afghanischer Führung statt. Zu den als beispielhaft angeführten Einsätzen gehörte die Operation "Harekate Yolo II" von November 2007, deren Ziel die Bekämpfung von Aufständischen in den nordwestlichen Provinzen Faryab und Badghis war. Die Afghanen führten die Offensive gemeinsam mit der norwegischen Quick Reaction Force; die Bundeswehr leistete Aufklärung und Sanitätshilfe. Deutsche CIMIC-Kräfte waren in die Operation eingebunden und mit der Beschaffung von Hilfsgütern befasst; die Verteilung dieser Winterhilfe wurde den ANA-Soldaten überlassen, um deren Ansehen in der Bevölkerung zu fördern. In diesem Fall gingen aktive Sicherheitsherstellung und Eigenschutz eine wirkungsvolle Symbiose ein. Dass Aufgaben sukzessive von einheimischen Sicherheitskräften übernommen werden, stärkt das Prinzip afghanischer Eigenverantwortung. Allerdings können solche Einsätze nur dann nachhaltige Wirkung erzeugen, wenn sie mit ziviler Aufbauhilfe und Sicherheitsgewährleistung durch afghanische Sicherheitskräfte verbunden sind.


NATO
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 15-16/2009)

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