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25.9.2009 | Von:
Kathrin Mahler Walther
Helga Lukoschat

Kinder und Karrieren: Die neuen Paare

Paare, die sich Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich teilen, müssen hohen persönlichen Einsatz bringen. Doch das anspruchsvolle Lebensmodell lohnt sich nicht nur für die Paare selbst.

Einleitung

Viele junge Paare wünschen sich, Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich zu teilen. Knapp zwei Drittel aller Eltern mit Kindern unter elf Jahren streben ein Lebensmodell an, in dem beide Partner Berufstätigkeit mit familiärem Engagement verbinden können - dies bekräftigt unter anderem eine repräsentative Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2008. Doch bisher gelingt es wenigen, diesen Wunsch zu realisieren. Meist ist es die unzureichende Infrastruktur zur Betreuung und Bildung von Kindern im Zusammenspiel mit überlieferten Rollenmustern und Erwartungen, an denen die Umsetzung scheitert. Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht jedoch Frauen und Männer in beiden Rollen: als kompetente Fach- und Führungskräfte und als engagierte Eltern.




Wie kann ein solches Lebenskonzept gelingen? Diese Frage stand im Zentrum der Studie, für welche die EAF - Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) rund 1200 Doppelkarrierepaare mit Kindern in Deutschland befragt hat.[1]




Angesichts der aktuellen demografischen, kulturellen und politischen Entwicklungen gewinnen die Faktoren, unter denen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingen kann, immer mehr an Bedeutung. Das neue Unterhaltsrecht zum Beispiel unterstützt die traditionelle Aufgabenteilung zwischen Frauen und Männern nicht mehr, sondern geht von der (überwiegenden) Berufstätigkeit der Frau aus - doch dafür müssen die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden! Vor diesem Hintergrund will die Studie aufzeigen, welche Rahmenbedingungen von Wirtschaft und Politik gefördert werden müssen, damit es in der Zukunft mehr Paaren gelingt, ihre Lebenswünsche zu verwirklichen und Kinder und Karrieren miteinander zu verbinden.

Für junge, gut qualifizierte Frauen und Männer ist mit der Familiengründung in der Regel ein schwieriger Prozess der Auseinandersetzung verbunden. Die Geburt des ersten und vor allem des zweiten Kindes führt in den meisten Fällen zur traditionellen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, weil nicht nur die kulturellen Muster, sondern vor allem die infrastrukturellen Rahmenbedingungen in Deutschland diese begünstigen. Damit wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die kaum noch umkehrbar ist: Die ohnehin geringeren Karrierechancen von Frauen werden durch die Unterbrechung und Reduktion der Erwerbstätigkeit zusätzlich beeinträchtigt, während sich die Männer in der Verantwortung sehen, für den finanziellen Unterhalt der Familie weitgehend allein sorgen zu müssen.

Die von uns nach ihren Erfahrungen und Erfolgsstrategien befragten Paare haben dagegen - mit sehr viel Einsatz und Engagement - einen anderen Weg für sich gefunden. Es geht bei ihnen nicht um Karrieren um jeden Preis, doch handelt es sich bei den Frauen eben um jene, die nicht automatisch zurückstecken. Wir verstehen die "neuen Paare" als Avantgarde unserer Gesellschaft in dem Sinne, als ihr Lebensmodell wegweisend ist. Denn langfristig können Frauen und Männer die Herausforderungen moderner Lebens- und Erwerbsverhältnisse nur im partnerschaftlichen Miteinander schultern.

Ausgangspunkt der Untersuchung bildeten nicht zuletzt die Ergebnisse unserer Studie über Mütter in Führungspositionen, welche die EAF gleichfalls gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung und dem BMFSFJ 2006 angestellt hatte. Hier zeigte sich, dass es für erfolgreiche Mütter entscheidend ist, männliche Partner an der Seite zu haben, die sie voll und ganz unterstützen und bereit sind, eine aktive Rolle in der Familie auszuüben. Deshalb haben wir mit der vorliegenden Studie unser Augenmerk verstärkt auf die Männer und auf das Miteinander der Paare gerichtet.

Zugleich ist der Fokus der Untersuchung bewusst auf Führungskräfte ausgerichtet, weil sie es sind, welcher die Unternehmenskultur stark beeinflussen und verändern können. Wenn sie sich für Familienfreundlichkeit einsetzen, dann hat das positive Auswirkungen für zahlreiche Beschäftigte im Unternehmen. Wenn männliche Führungskräfte mehr Freiraum für familiäre Interessen fordern, können sie das Väterthema durch ihr Beispiel im Unternehmen und in der Gesellschaft stärker voranbringen, als nur durch zahlreiche Verlautbarungen und Absichtserklärungen. Nicht zuletzt haben wir unseren Blick auch deshalb auf Führungskräfte gerichtet, weil sie häufig über finanzielle Ressourcen verfügen, um ein Lebensmodell zu leben, das viele andere sich wünschen, aber eben noch nicht umsetzen können.

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie bestätigen, dass es derzeit noch eines Höchstmaßes an Engagement und Einsatzbereitschaft bedarf, um Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren. In jedem Fall haben die Paare einen Preis zu zahlen, und das durchaus nicht nur in finanzieller Hinsicht. Die Organisation der Kinderbetreuung und das Zeitmanagement werden als größte Herausforderung gesehen: Rund die Hälfte der Mütter und Väter ist unzufrieden mit der eigenen work-life-balance.

Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass sich der hohe Einsatz lohnt. Es ist für die Paare charakteristisch, dass beide Partner in beiden Welten - der beruflichen und der familiären - zu Hause sind, was das gegenseitige Verständnis und die Bereitschaft zur Unterstützung verstärkt und sich stabilisierend auf die Partnerschaft auswirkt. Insgesamt sind die Paare mit ihrem Lebensmodell, der Entwicklung ihrer Kinder und ihrer eigenen beruflichen Entwicklung sehr zufrieden. Die Familie stärkt ihnen den Rücken und ist ein wichtiger Ausgleich zum Berufsleben, wie die Aussage eines befragten Vaters bestätigt: "Wir haben ein gemeinsames Verständnis unseres Lebenskonzepts, das aus dem Herzen kommt. Für uns ist das ein echtes Erfolgsmodell - es macht sehr viel Spaß und ist extrem zukunftsfähig. Die Familie leidet nicht darunter und das Umfeld auch nicht. Wir können beide sowohl im Beruf erfolgreich als auch mit den Kindern aktiv sein."[2]

Fußnoten

1.
Kathrin Walther/Helga Lukoschat, Kinder und Karrieren: Die neuen Paare, Gütersloh 2008.
2.
Christoph Wortig (39 Jahre), Mitglied der Deutsche Bank Geschäftsleitung Region Nordbaden.

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