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25.9.2009 | Von:
Klaus Dörre

Ende der Planbarkeit? Lebensentwürfe in unsicheren Zeiten

Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung

Es sind im Wesentlichen drei Ursachenbündel, die dafür gesorgt haben, dass das System der organisierten Zeit einem Lebenslaufregime diskontinuierlicher Zeiterfahrung gewichen ist. Erstens hat eine neue, (finanz)marktgetriebene Landnahme bewirkt, dass sich die zuvor enge Verzahnung von Lohnarbeit und institutionell garantierter sozialer Sicherheit auflöst.[9] In einer Wirtschaft, in der Renditen und Gewinne nicht mehr als Resultate wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit erscheinen, sondern als Planungsgrößen der Unternehmen vorausgesetzt werden, erhalten Löhne, Arbeitsbedingungen und Beschäftigungssicherheit zunehmend den Status von Randbedingungen, die es beständig neu auszuhandeln gilt. Eine Folge ist die Ausweitung flexibler, unsteter, oftmals niedrig entlohnter und daher nicht selten prekärer Beschäftigung. So gab es 2008 bei 34,7 Millionen Erwerbstätigen immerhin 7,7 Millionen "atypisch" Beschäftigte (in Zeitarbeit, Teilzeit, befristet oder geringfügig Beschäftigte) sowie 2,1 Millionen Soloselbstständige. Binnen zehn Jahren ist die Zahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse um 46,2 Prozent und die der Soloselbstständigen um 27,8 Prozent gestiegen. Demgegenüber haben die sogenannten Normalarbeitsverhältnisse (unbefristete Anstellungen in Vollzeit) um 3 Prozent abgenommen.[10]

Wenig überraschend stellen Frauen in Dienstleistungsberufen die größte Gruppe der atypisch Beschäftigten. Die Zunahme atypischer Beschäftigung ist mit der Ausweitung von Niedriglöhnen und einem überdurchschnittlich steigenden Armutsrisiko verbunden. Während das Armutsrisiko bei Normalbeschäftigten und Soloselbstständigen nur moderat stieg, ist der Anteil von atypisch beschäftigten Personen, die unterhalb der Armutsschwelle leben, zwischen 1998 und 2008 von 9,8 auf 14,3 Prozent gestiegen. Darin deutet sich bereits eine Spaltung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes an, die in solchen Daten allerdings nur unzureichend erfasst wird. Zum einen nimmt die Unsicherheit auch innerhalb der Normalarbeitsverhältnisse zu: Immerhin 11,1 Prozent der Normalbeschäftigten (1,6 Millionen) verdienten 2006 weniger als zwei Drittel des "mittleren Lohns" (Medianlohn), und insgesamt 42,6 Prozent der Niedriglohnbezieher waren Normalbeschäftigte.[11] Zum anderen geht aus solchen Daten nicht hervor, in welchem Umfang interne Flexibilisierungsmaßnahmen der Unternehmen (flexible Arbeitszeiten, Projektarbeit, Jobrotation etc.), aber auch Standortpakte mit befristeten Beschäftigungsgarantien selbst innerhalb der Stammbelegschaften für Diskontinuitätserfahrungen sorgen. Zwar sind weder interne Flexibilisierung noch atypische Beschäftigung per se mit sozialer Unsicherheit, Prekarität und Armut identisch, aber es liegt auf der Hand, dass Erwerbsarbeit für wachsende soziale Gruppen ihren Charakter als Basis einer stabilen, in die Zukunft gerichteten Lebensplanung eingebüßt hat. Das trifft vor allem dann zu, wenn die Risiken flexibler oder niedrig entlohnter Beschäftigung nicht durch Familienbeziehungen und soziale Netze abgefedert werden.

Nicht weniger bedeutsam ist zweitens, dass die Ausweitung minder geschützter Arbeitsverhältnisse durch kulturelle und politische Entwicklungen zusätzlich verstärkt wird. Eine verselbstständigte Beschleunigungsdynamik sorgt kulturell für eine immer raschere Entwertung von scheinbar gesicherten Qualifikationen, Kompetenzen und Erfahrungen.[12] Unter diesen Umständen kann Unsicherheit kaum mehr als positiver Handlungsanreiz verstanden werden.

Das wiegt drittens auch subjektiv umso schwerer, als der Übergang vom sorgenden zum "aktivierenden" Wohlfahrtsstaat diese Spirale durch den institutionalisierten permanenten Mobilitätszwang zusätzlich beschleunigt.[13]

Ebenso wie die soziale Beschleunigung ist die Aktivierung und Disziplinierung für abhängige Arbeit eine Grundkonstante der Moderne. In der bürgerlichen Gesellschaft, in der Faulheit zur "absoluten Form der Revolte" geworden ist, zwingt man "die Müßiggänger" seit jeher "aus der unbegrenzten Muße in eine nutz- und fruchtlose Mühsal der Arbeit".[14] Neu sind indessen die diskursiven Formen und die Institutionalisierungen des Aktivitätszwangs. Dem Leitbild des "unternehmerischen Selbst"[15] mit seinem allgegenwärtigen Aktivierungsanspruch entsprechen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zunehmend institutionelle Praktiken, die auf eine Beschneidung von Sozialeigentum und auf eine Reduktion kultureller wie materieller Ressourcen hinauslaufen, welche für das Selbstmanagement diskontinuierlicher Biografien und die Aufrechterhaltung individueller Planungsfähigkeit eigentlich dringend benötigt würden.

Fußnoten

9.
Vgl. Klaus Dörre, Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarkt-Kapitalismus, in: K. Dörre/S. Lessenich/H. Rosa (Anm. 5).
10.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Niedrigeinkommen und Erwerbstätigkeit. Begleitmaterial zum Pressegespräch am 19. 8. 2009 in Frankfurt/M., Wiesbaden 2009, S. 7, S. 26.
11.
Vgl. ebd., S. 16. Medianlohn: Der Lohn, den die Hälfte aller Vollzeitbeschäftigten mindestens verdient. Das Gehalt der anderen Hälfte liegt darunter.
12.
Vgl. Hartmut Rosa, Kapitalismus als Dynamisierungsspirale - Soziologie als Gesellschaftskritik, in K. Dörre/S. Lessenich/H. Rosa (Anm. 5).
13.
Vgl. Stephan Lessenich, Mobilität und Kontrolle. Zur Dialektik der Aktivgesellschaft, in: K. Dörre/S. Lessenich/H. Rosa (Anm. 5).
14.
Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1996, S. 91.
15.
Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.

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