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25.9.2009 | Von:
Klaus Dörre

Ende der Planbarkeit? Lebensentwürfe in unsicheren Zeiten

Selbstbegrenzung oder Regulierung?

Fassen wir zusammen: Das Regime der diskontinuierlichen Zeit erzeugt in Abhängigkeit von Alter, Qualifikation, Beruf und Geschlecht unterschiedliche Klassen biografischer Probleme. Insofern ist unstete Biografie nicht gleich unstete Biografie und Optionenmaximierung nicht gleich Optionenmaximierung. Zwar ist das "unternehmerische Selbst" zu einem nahezu universellen Leitbild geworden, und tatsächlich ist jede bzw. jeder Einzelne mehr und mehr gezwungen, zum Planungszentrum ihres bzw. seines eigenen Lebensentwurfs zu werden. Die Trias von marktgetriebener Landnahme, verselbständigter Beschleunigung und fremdbestimmter Aktivierung beraubt jedoch eine immer größere Zahl von Menschen der kulturellen, sozialen und finanziellen Ressourcen, die nötig wären, um Optionenvielfalt und flexible Biografien mit einer längerfristigen Lebensplanung zu verbinden. Als Folge wird die ständige Optimierung von Handlungsoptionen zu einem individuellen Zwang, und die ständige Bereitschaft zur Wahrnehmung sozialer Chancen schlägt in sinkende Lebensqualität um. Das Spektrum der Möglichkeiten erweitert sich, doch die Selbstmanager werden immer unzufriedener.

Lässt sich gegensteuern? Jeder Antwortversuch sieht sich unweigerlich mit einer neuen kulturellen Spaltungslinie konfrontiert. Schon um handlungsfähig zu bleiben, finden sich vor allem prekär beschäftigte Kreativarbeiter im Leitbild unkonventioneller Arbeitsmarktintegration eher wieder als im Ideal konventioneller Lohnarbeit. Dies ist diskurspolitisch bedeutsam, denn die Botschaft einer befreienden Wirkung flexibler Beschäftigungsverhältnisse kann so weit über die Minderheiten gesicherter Selbstmanager hinaus Beachtung finden. Wer als Selbständiger im Weiterbildungssektor, als Freiberufler in den Medien oder als Wissenschaftler mit ungewissen Karriereaussichten nur vage Aussichten auf eine Festanstellung hat, wird alles daran setzen, seinem strukturell prekären Status positive Seiten abzugewinnen und Lebensformen zu entwickeln, die etwaige Nachteile kompensieren. Verständnis für Interessenpolitiken, die ausschließlich auf den Schutz konventioneller Vollzeitbeschäftigung zielen, ist von diesen Gruppen kaum zu erwarten.

Allerdings sind auch die modernen Bastelbiografien schutzbedürftig. Prekarität kann mit Optionenvielfalt verbunden sein; Freiheitsgewinn bedeutet sie nicht. Erst eine regulative Einschränkung "negativer Freiheiten", die auf Kosten anderer genutzt werden, ermöglicht es, Optionenvielfalt und damit verbundene Unsicherheit als positive Herausforderung zu begreifen. Daher ist bloße Selbstbeschränkung, die normative Orientierung an einem gelingenden Leben, keine zureichende Bewältigungsstrategie. Ohne wirksame Regulierung und soziale Schutzmechanismen, die Menschen in großer Zahl überhaupt erst in die Lage versetzen, "ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollen",[19] wird Freiheitsgewinn im neuen Lebenslaufregime eine Sache privilegierter Minderheiten bleiben.

Fußnoten

19.
Burkart Lutz, "Sozialismus, warum denn nicht?", in: Mitbestimmung, 55 (2009) 1 - 2, S. 48 - 51.

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