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25.9.2009 | Von:
Klaus Dörre

Ende der Planbarkeit? Lebensentwürfe in unsicheren Zeiten

Unsicherheit wirkt nur dann als Anreiz, wenn ein bestimmtes Niveau an Einkommens- und Beschäftigungsstabilität gesichert ist. Prekarität kann mit Optionenvielfalt verbunden sein; Freiheitsgewinn bedeutet sie nicht.

Einleitung

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Wir leben - nicht erst seit der Finanz- und Wirtschaftskrise - in unsicheren Zeiten. Der Verlust der Planbarkeit des eigenen Lebens ist zu einer Schlüsselerfahrung geworden. Zwar ist unser gesamtes Leben in rechts- und wohlfahrtsstaatliche Sicherheitsnetze eingebettet, aber dennoch "bleiben die Sorgen um die Sicherheit allgegenwärtig".[1] Sie beschäftigen weite Teile der Bevölkerung, obwohl oder gerade weil die schlimmsten Auswüchse von Gewalt und sozialem Elend in den westlichen Gesellschaften weitgehend eingedämmt sind. Auch wenn das Unsicherheitsempfinden keineswegs unmittelbar mit objektiven Bedrohungen korrespondiert, ist es alles andere als bloßer Ausdruck einer spezifischen Jammermentalität. Die Verunsicherung speist sich aus Veränderungen in der Tiefenstruktur der Gesellschaft. Das Epizentrum dieser Veränderungen lässt sich im ökonomischen und im Erwerbssystem verorten. Die "Wiederkehr der sozialen Unsicherheit"[2] hat aber auch eine kulturelle und eine politische Dimension.




Dass sich soziale Unsicherheit zunehmend auf Lebensentwürfe und individuelle Biografien auswirkt, mag auf den ersten Blick als eine wenig überraschende Beobachtung erscheinen. Schließlich hatten Individualisierungstheoretiker wie Ulrich Beck bereits Mitte der 1980er Jahre diagnostiziert, eine Befreiung von den Zwängen und fraglosen Verbindlichkeiten der ersten Moderne bewirke, dass sich das Individuum mehr und mehr zur "letzten Reproduktionseinheit des Sozialen" mausere.[3] Jeder und jede Einzelne sei bei Strafe permanenter Benachteiligung gezwungen, sich als Planungszentrum des eigenen Lebensentwurfs zu betätigen. Während diese Diagnose wesentlich auf das Phänomen steigender biografischer Optionenvielfalt abhob, die es im Alltag zu bewältigen galt, macht sich heute auf biografischer Ebene eine andere Problematik bemerkbar. Der kollektive "Fahrstuhleffekt", an den Beck seine Zeitdiagnose knüpfte, hat längst die Richtung gewechselt. Statt nach oben, geht es für große soziale Gruppen kollektiv nach unten. Dies wirkt sich unweigerlich auf die Möglichkeiten und die Fähigkeiten zur biografischen Bewältigung von Unsicherheit aus.

Die Art und Weise des individuellen Umgangs mit Unsicherheit hängt, so die hier verfochtene These, unweigerlich von der Verfügung über spezifische materielle wie kulturelle Ressourcen ab. Unsicherheit kann nur dann als produktive biografische Herausforderung entschlüsselt werden, wenn ein bestimmtes Niveau an Einkommens- und Beschäftigungsstabilität gesichert ist. Trifft das nicht zu, wirkt Unsicherheit auch biografisch eher wie "ein Virus, der das Alltagsleben durchdringt, die sozialen Bezüge auflöst und die psychischen Strukturen der Individuen unterminiert".[4] Gerade weil das Individuum zunehmend als Planungszentrum der eigenen Bastelbiografie gefordert ist, muss es sich fatal auswirken, wenn ihm nach und nach die Ressourcen verloren gehen, die individuelle Planungsfähigkeit überhaupt erst ermöglichen.

Organisierte Zeit und biografische Planungsfähigkeit

Dass Individualisierungsprozesse aus einer Überflussproblematik herausgelöst und stattdessen zunehmend aus einer Mangelperspektive beobachtet werden müssen, hat Ursachen, die nachfolgend unter dem Begriff der "marktgetriebenen Landnahme" zusammengefasst werden.[5] Neoklassischen Ökonomen zufolge ist Kapitalismus weitgehend mit Marktwirtschaft und Konkurrenz identisch. In diesem Kapitalismus ist das Gewinnstreben zentrales Motiv des Handelns. Alles, was dieses Motiv schwächt, muss folgerichtig zu Verzerrungen des Wettbewerbs und damit zu gesellschaftlichen Deformationen führen. Das Ideal eines sozial verantwortlichen Unternehmers stellt demnach eine problematische Verzerrung dar: "Es gibt wenig Entwicklungstendenzen, die so gründlich das Fundament unserer freien Gesellschaft untergraben können, wie die Annahme einer anderen sozialen Verantwortung durch Unternehmer, als die, für die Aktionäre ihrer Gesellschaften so viel Gewinn wie möglich zu erwirtschaften."[6]

Die Konstruktion des Unternehmers, der frei und eigennützig am Markt agiert und dadurch den Wohlstand aller Gesellschaftsmitglieder befördert, übersieht indessen einen fundamentalen Sachverhalt: Ohne marktvermittelte Konkurrenz kann Kapitalismus nicht funktionieren. Um sich im Wettbewerb betätigen zu können, sind bei individuellen wie kollektiven Akteuren jedoch Verhaltensweisen vonnöten, die auf Kooperation, mitunter gar auf Solidarität beruhen und damit in gewisser Weise das Gegenteil marktvermittelter Konkurrenz voraussetzen. Nur auf der Basis wenigstens eines Minimums an Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit ist die Entwicklung eines in die Zukunft gerichteten Bewusstseins denkbar. Und erst dieses Zukunftsbewusstsein, das individuelle Planungsfähigkeit voraussetzt, ermöglicht rational-kalkulierendes Verhalten. Selbst der Friedman'sche Unternehmer, der mit strukturellen Unsicherheiten konfrontiert wird, benötigt daher ein Minimum an Planungssicherheit. In seinem ureigenen (Gewinn-)Interesse muss er danach streben, die Willkür der Marktkonkurrenz wenigstens zeitweilig zu begrenzen.[7]

Der bürokratisch-soziale Kapitalismus, wie er in den drei Jahrzehnten nach 1945 zur Blüte kam, ließ geschützte interne Arbeitsmärkte entstehen, die - von Marktrisiken weitgehend abgekoppelt - ein Lebenslaufregime ermöglichten, das dem Laufbahnprinzip folgte. Es konnte, so die Wahrnehmung großer Teile der Lohnabhängigen und ihrer Familien, langsam aber doch stetig immer nur aufwärts gehen. Diese Kollektiverfahrung festigte sich, weil Arbeiter und Angestellte erstmals über ein Sozialeigentum verfügen konnten (Mitbestimmungsrechte, Ansprüche an wohlfahrtsstaatliche Institutionen), das ihnen ermöglichte, was zuvor nur private Vermögen leisten konnten: Das Leben erschien in gewissen Grenzen planbar. Sozial geschützte Erwerbsarbeit stand im Zentrum zukunftsgerichteter Lebensentwürfe. Lohnarbeit verwandelte sich in Beschäftigung, die mit einem kollektiven sozialen Status verbunden war. Das kulturelle Zentrum dieser Art von Kapitalismus bildete ein Regime der organisierten Zeit. Natürlich verlief die Realität "nicht nach Plan, doch die Vorstellung, planen zu können, bestimmte den Bereich der individuellen Aktivitäten und Möglichkeiten".[8] Man mag mit Recht einwenden, dass eine solche Betrachtung allzu idyllisch ist, weil sie sperrige Realitäten wie die Abhängigkeit der Lohnarbeitsgesellschaft vom Ernährermodell, den relativen Ausschluss von Frauen und Migranten sowie die Abwertung von Reproduktionstätigkeiten übergeht. Die kollektive Grunderfahrung eines Zuwachses an sozialer Sicherheit wurde durch solche Ungleichheiten und Machtasymmetrien zwar erheblich relativiert, aber eben doch nicht völlig neutralisiert.

Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung

Es sind im Wesentlichen drei Ursachenbündel, die dafür gesorgt haben, dass das System der organisierten Zeit einem Lebenslaufregime diskontinuierlicher Zeiterfahrung gewichen ist. Erstens hat eine neue, (finanz)marktgetriebene Landnahme bewirkt, dass sich die zuvor enge Verzahnung von Lohnarbeit und institutionell garantierter sozialer Sicherheit auflöst.[9] In einer Wirtschaft, in der Renditen und Gewinne nicht mehr als Resultate wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit erscheinen, sondern als Planungsgrößen der Unternehmen vorausgesetzt werden, erhalten Löhne, Arbeitsbedingungen und Beschäftigungssicherheit zunehmend den Status von Randbedingungen, die es beständig neu auszuhandeln gilt. Eine Folge ist die Ausweitung flexibler, unsteter, oftmals niedrig entlohnter und daher nicht selten prekärer Beschäftigung. So gab es 2008 bei 34,7 Millionen Erwerbstätigen immerhin 7,7 Millionen "atypisch" Beschäftigte (in Zeitarbeit, Teilzeit, befristet oder geringfügig Beschäftigte) sowie 2,1 Millionen Soloselbstständige. Binnen zehn Jahren ist die Zahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse um 46,2 Prozent und die der Soloselbstständigen um 27,8 Prozent gestiegen. Demgegenüber haben die sogenannten Normalarbeitsverhältnisse (unbefristete Anstellungen in Vollzeit) um 3 Prozent abgenommen.[10]

Wenig überraschend stellen Frauen in Dienstleistungsberufen die größte Gruppe der atypisch Beschäftigten. Die Zunahme atypischer Beschäftigung ist mit der Ausweitung von Niedriglöhnen und einem überdurchschnittlich steigenden Armutsrisiko verbunden. Während das Armutsrisiko bei Normalbeschäftigten und Soloselbstständigen nur moderat stieg, ist der Anteil von atypisch beschäftigten Personen, die unterhalb der Armutsschwelle leben, zwischen 1998 und 2008 von 9,8 auf 14,3 Prozent gestiegen. Darin deutet sich bereits eine Spaltung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes an, die in solchen Daten allerdings nur unzureichend erfasst wird. Zum einen nimmt die Unsicherheit auch innerhalb der Normalarbeitsverhältnisse zu: Immerhin 11,1 Prozent der Normalbeschäftigten (1,6 Millionen) verdienten 2006 weniger als zwei Drittel des "mittleren Lohns" (Medianlohn), und insgesamt 42,6 Prozent der Niedriglohnbezieher waren Normalbeschäftigte.[11] Zum anderen geht aus solchen Daten nicht hervor, in welchem Umfang interne Flexibilisierungsmaßnahmen der Unternehmen (flexible Arbeitszeiten, Projektarbeit, Jobrotation etc.), aber auch Standortpakte mit befristeten Beschäftigungsgarantien selbst innerhalb der Stammbelegschaften für Diskontinuitätserfahrungen sorgen. Zwar sind weder interne Flexibilisierung noch atypische Beschäftigung per se mit sozialer Unsicherheit, Prekarität und Armut identisch, aber es liegt auf der Hand, dass Erwerbsarbeit für wachsende soziale Gruppen ihren Charakter als Basis einer stabilen, in die Zukunft gerichteten Lebensplanung eingebüßt hat. Das trifft vor allem dann zu, wenn die Risiken flexibler oder niedrig entlohnter Beschäftigung nicht durch Familienbeziehungen und soziale Netze abgefedert werden.

Nicht weniger bedeutsam ist zweitens, dass die Ausweitung minder geschützter Arbeitsverhältnisse durch kulturelle und politische Entwicklungen zusätzlich verstärkt wird. Eine verselbstständigte Beschleunigungsdynamik sorgt kulturell für eine immer raschere Entwertung von scheinbar gesicherten Qualifikationen, Kompetenzen und Erfahrungen.[12] Unter diesen Umständen kann Unsicherheit kaum mehr als positiver Handlungsanreiz verstanden werden.

Das wiegt drittens auch subjektiv umso schwerer, als der Übergang vom sorgenden zum "aktivierenden" Wohlfahrtsstaat diese Spirale durch den institutionalisierten permanenten Mobilitätszwang zusätzlich beschleunigt.[13]

Ebenso wie die soziale Beschleunigung ist die Aktivierung und Disziplinierung für abhängige Arbeit eine Grundkonstante der Moderne. In der bürgerlichen Gesellschaft, in der Faulheit zur "absoluten Form der Revolte" geworden ist, zwingt man "die Müßiggänger" seit jeher "aus der unbegrenzten Muße in eine nutz- und fruchtlose Mühsal der Arbeit".[14] Neu sind indessen die diskursiven Formen und die Institutionalisierungen des Aktivitätszwangs. Dem Leitbild des "unternehmerischen Selbst"[15] mit seinem allgegenwärtigen Aktivierungsanspruch entsprechen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zunehmend institutionelle Praktiken, die auf eine Beschneidung von Sozialeigentum und auf eine Reduktion kultureller wie materieller Ressourcen hinauslaufen, welche für das Selbstmanagement diskontinuierlicher Biografien und die Aufrechterhaltung individueller Planungsfähigkeit eigentlich dringend benötigt würden.

Lebenslaufregime der diskontinuierlichen Zeit

Im Zusammenspiel haben marktgetriebene Landnahme, soziale Beschleunigung und politische Aktivierung einem neuen Lebenslaufregime zum Durchbruch verholfen. Dieses wird am besten vom Idealtypus eines Optionen maximierenden Selbstmanagers repräsentiert. Letztlich von der Suche nach basalen Sicherheiten angetrieben, ist dieser Selbstmanager beständig dabei, Optionen zu sondieren. Zu seinem Habitus gehört es, dass er verlernt hat, Nein zu sagen. Für ihn gibt es keine Zeitpolster, keine Ruhekissen. Beständig ist er dabei, Handlungschancen auszuloten, denn jeder Verzicht auf eine Option könnte gleichbedeutend mit einem Positionsverlust sein. Aus diesem Grund fühlt er sich beständig schuldig. So sehr er sich auch bemüht - die reale oder auch nur fiktive Optionenvielfalt kann er niemals ausschöpfen. Daher fällt er beständig hinter die "objektiven" Anforderungen des neuen Lebenslaufregimes zurück. Im ständigen Bemühen des Selbstmanagers, die Kluft zu schließen, wird frei verfügbare Zeit zu einem knappen Gut. Freiheiten, die das Regime der flexiblen Zeit mit sich bringt, können sich rasch aus einem Segen in einen Fluch verwandeln. Auf der Jagd nach Optionen werden Kinderwünsche zurückgestellt. Anspruchsvolle Arbeit mutiert zur Dauerbelastung, führt im Extremfall zu Arbeitssucht und Entspannungsunfähigkeit. Weiterbildung erscheint als permanenter Zwang, und selbst der Konsum gerät zum bloßen Kaufakt, zur bloßen Befriedigung von Scheinbedürfnissen, der jeglicher Genuss abhanden gekommen ist. Muße, Ruhe, frei verfügbare Zeit gehören zu seinen größten Wünschen, doch auf der Suche nach elementarer Sicherheit ist der Selbstmanager jederzeit bereit, auch noch das letzte Quantum an Energie zu mobilisieren, um auf die Unbeständigkeit seiner Beschäftigung eine "produktive" Antwort zu finden.

Allerdings, das sei hinzugefügt, lässt sich dieser Idealtypus in der Realität nur in spezifischen sozialen Ausformungen finden. Anzutreffen ist er vor allem in jenen Segmenten des Arbeitsmarktes, in denen stabile Beschäftigung nach und nach von kreativer Arbeit abgelöst wird. In diesen Bereichen hat sozialstaatlich geschützte Lohnarbeit ihren Status als verbindliches Leitbild arbeitsweltlicher Einbindung eingebüßt. In den Medien, den creative industries, aber auch bei lohnabhängigen Angestelltengruppen, für die Projektarbeit und internes Unternehmertum zur beständigen Herausforderung geworden sind, verblasst die Attraktivität standardisierter Beschäftigungsverhältnisse auch subjektiv. In diesen Segmenten lässt sich Unsicherheit bis zu einem gewissen Grad tatsächlich als positiver Handlungsanreiz entschlüsseln. Was in der fordistischen Ära durch ausdifferenzierte Hierarchien, strukturierte Laufbahnen und klar definierte Kompetenzbereiche von außen auferlegt wurde und dem Alltagsleben einen Rhythmus gab, wird nun zumindest teilweise der Entscheidung von Individuen oder Kleingruppen überantwortet. Ein Grundproblem vieler Kreativarbeiter ist indessen die Verrichtung unbezahlter, gleichwohl überlebensnotwendiger relationaler Arbeit (Pflege von Netzwerken, Kundenkontakten, Werbeaktivitäten usw.).[16] Dass diese Arbeiten seitens der Auftraggeber häufig als unbezahlte vorausgesetzt und in Dienst genommen werden, stellt eine besondere Ausprägung "freiwillig-erzwungener" Optionenmaximierung dar.

Unabhängig von dieser Problematik deutet sich an, dass die Einbindung in den Arbeitsmarkt über halbwegs gut entlohnte, unbefristete Vollzeitbeschäftigung noch immer den dominanten, aber längst nicht mehr den einzigen arbeitsweltlichen Integrationsmodus darstellt. Bei hoher Identifikation mit einer anspruchsvollen Tätigkeit und gleichzeitig starker Einbindung in soziale Netze stellt flexible Beschäftigung für relevante Gruppen zunehmend eine Alternative dar. Dieses Nebeneinander von konventioneller und flexibler Arbeitsmarktintegration signalisiert das Ende einer unumstrittenen Hegemonie geschützter Lohnarbeit. Maßstäbe für eine gelungene Integration werden zwar noch immer vorzugsweise, aber eben nicht mehr ausschließlich über eine normierte Vollzeitbeschäftigung in einem Lohnarbeitsverhältnis gesetzt. Allerdings sind die Übergänge von flexiblen zu prekären Biografien fließend. So verkörpert die Kombination von kreativer Arbeit und unsicherer Beschäftigung einen Grenzfall, dessen klassisches Beispiel die Künstlerbiografie darstellt.

In weniger spektakulärer Gestalt findet sich die Kombination von anspruchsvoller Arbeitstätigkeit und prekärer Beschäftigung bei Wissenschaftlerkarrieren. So sind drei Viertel der ca. 106.000 wissenschaftlichen Mitarbeiter an deutschen Hochschulen befristet beschäftigt, über 40 Prozent haben lediglich eine Teilzeitstelle. Ob ihre Bemühungen fruchtbar sind, erfahren sie zumeist erst am Ende einer denkbar langen Qualifizierungsphase. Bis zu einer Berufung, die im vierten, teilweise erst im fünften Lebensjahrzehnt erfolgt, zählen Forscher in Deutschland zum wissenschaftlichen Nachwuchs. Ihre Arbeitssituation ist von einem geringen Formalisierungsgrad, hoher sozialer Integration und großen Spielräumen geprägt. Wie, wann und wo gearbeitet wird, bleibt Wissenschaftlern weitgehend selbst überlassen. Ähnlich wie die Selbstmanager in der Privatwirtschaft würden daher viele Wissenschaftler die Begrenzungen eines klassischen reglementierten Arbeitsverhältnisses für sich kaum akzeptieren. Der Anreiz kreativer Tätigkeit motiviert sie immer wieder zum Weitermachen: Ein geschärftes Argument, eine originelle Idee, die Anerkennung für einen platzierten Aufsatz, die nächste Qualifikationsstufe und schließlich die Professur mit ihren Privilegien - all das sind Anreize, die in geringen Dosen zwischendurch oder als großes Ziel am Horizont biografische Gefährdungen erträglich machen, sie mitunter gar vollständig überdecken. Kleine Erfolge und große Versprechen tragen somit dazu bei, dass viele Akademiker zu geduldigen Prekariern werden.

Sind solche Phänomene seit langem Merkmal jenes akademischen Hasards, den bereits Max Weber kannte, hat sich die Problematik mit dem Übergang zum akademischen Kapitalismus doch erheblich verschärft. Im Zuge der marktgetriebenen Landnahme, die Wettbewerbsmechanismen und Managementmethoden aus dem privatwirtschaftlichen Sektor auf den Bildungssektor überträgt, beginnt sich die Zusammensetzung der academic workforce grundlegend zu ändern. Selbst der klassische Professor - "autonomous, tenured, afforded the time to research and write as well as teach"[17] -, wie er die Universitäten während der zurückliegenden acht Jahrzehnte geprägt hat, könnte zum Auslaufmodell werden. Ihm wird der Rang von Wissenschaftsmanagern abgelaufen, die, obgleich in vielerlei Hinsicht überdurchschnittlich agil und aktiv, vor allem an den Anforderungen von Märkten und dem kurzfristigen Gewinn orientiert sind.

Kombinationen von kreativer Arbeit und prekärer Beschäftigung finden inzwischen über das Wissenschaftssystem hinaus im gesamten Weiterbildungsbereich Verbreitung. Nur 14 Prozent (142.000) der dort Beschäftigten befinden sich in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. 74 Prozent (771.000) sind als Honorarkräfte oder Selbstständige tätig. Nahezu drei Viertel der Weiterbildner verfügen über einen akademischen Abschluss. Das Prekarisierungsrisiko ist vor allem bei den hauptberuflichen Honorarkräften hoch. Knapp die Hälfte bezeichnet ihre Einkommenssituation als soeben ausreichend oder schlecht. Und wie im Wissenschaftsbereich geht auch im Weiterbildungssektor eine hohe Eigenmotivation mit beträchtlichen Risiken bei Einkommen, Status und Beschäftigung einher.

Je tiefer man in der Hierarchie geht, desto schwerer fällt es, die Nachteile unsteter Beschäftigung durch die Vorzüge kreativer Arbeit zu kompensieren. Für einen Großteil der eigentlichen Prekarier, die längerfristig oder gar dauerhaft auf einen unsicheren, niedrig entlohnten, inhaltlich unbefriedigenden und zudem wenig anerkannten Job angewiesen sind, ist eine solche Kompensation schlechterdings unmöglich. Risiken und Belastungen häufen sich. Die Erschließung von Optionen wird hier mehr und mehr zu einem Zwang. Auch prekär Beschäftigte, ja selbst Arbeitslose leiden an Zeitmangel. Auch sie sind permanent gefordert, jede sich bietende Chance zu nutzen, um ihre Lage zu verbessern. Von der Arbeitsverwaltung sehen sich Langzeitarbeitslose als "Kunden" klassifiziert, die mit einer Mischung aus profiling (Erarbeitung eines individuellen Profils) und strenger Handhabung der Zumutbarkeitsregeln für eine reguläre Erwerbsarbeit aktiviert werden sollen. Ihr Alltag besteht neben Suchaktivitäten häufig in der Bewältigung von Trainingsmaßnahmen und sozial geförderter Arbeit. Zum täglichen Zwei-Stunden-Job gesellt sich nicht selten das achtstündige Praktikum, dessen Absolvierung zur Voraussetzung für den Bezug von Transferleistungen wird. Hinzu kommen Schnäppchenjagd und Altstoffsammlung, wodurch der materielle Mangel schon bei den Kindern offenbar wird. Übermäßiger TV-Konsum, das sogenannte Unterschichtenfernsehen, entspringt dann eher einer Erschöpfung bzw. dem Versuch, die Kinder wenigstens zeitweilig "ruhigzustellen", als einer bewussten Abkehr von den Werten einer leistungsorientierten sozialen Mitte.[18]

Selbstbegrenzung oder Regulierung?

Fassen wir zusammen: Das Regime der diskontinuierlichen Zeit erzeugt in Abhängigkeit von Alter, Qualifikation, Beruf und Geschlecht unterschiedliche Klassen biografischer Probleme. Insofern ist unstete Biografie nicht gleich unstete Biografie und Optionenmaximierung nicht gleich Optionenmaximierung. Zwar ist das "unternehmerische Selbst" zu einem nahezu universellen Leitbild geworden, und tatsächlich ist jede bzw. jeder Einzelne mehr und mehr gezwungen, zum Planungszentrum ihres bzw. seines eigenen Lebensentwurfs zu werden. Die Trias von marktgetriebener Landnahme, verselbständigter Beschleunigung und fremdbestimmter Aktivierung beraubt jedoch eine immer größere Zahl von Menschen der kulturellen, sozialen und finanziellen Ressourcen, die nötig wären, um Optionenvielfalt und flexible Biografien mit einer längerfristigen Lebensplanung zu verbinden. Als Folge wird die ständige Optimierung von Handlungsoptionen zu einem individuellen Zwang, und die ständige Bereitschaft zur Wahrnehmung sozialer Chancen schlägt in sinkende Lebensqualität um. Das Spektrum der Möglichkeiten erweitert sich, doch die Selbstmanager werden immer unzufriedener.

Lässt sich gegensteuern? Jeder Antwortversuch sieht sich unweigerlich mit einer neuen kulturellen Spaltungslinie konfrontiert. Schon um handlungsfähig zu bleiben, finden sich vor allem prekär beschäftigte Kreativarbeiter im Leitbild unkonventioneller Arbeitsmarktintegration eher wieder als im Ideal konventioneller Lohnarbeit. Dies ist diskurspolitisch bedeutsam, denn die Botschaft einer befreienden Wirkung flexibler Beschäftigungsverhältnisse kann so weit über die Minderheiten gesicherter Selbstmanager hinaus Beachtung finden. Wer als Selbständiger im Weiterbildungssektor, als Freiberufler in den Medien oder als Wissenschaftler mit ungewissen Karriereaussichten nur vage Aussichten auf eine Festanstellung hat, wird alles daran setzen, seinem strukturell prekären Status positive Seiten abzugewinnen und Lebensformen zu entwickeln, die etwaige Nachteile kompensieren. Verständnis für Interessenpolitiken, die ausschließlich auf den Schutz konventioneller Vollzeitbeschäftigung zielen, ist von diesen Gruppen kaum zu erwarten.

Allerdings sind auch die modernen Bastelbiografien schutzbedürftig. Prekarität kann mit Optionenvielfalt verbunden sein; Freiheitsgewinn bedeutet sie nicht. Erst eine regulative Einschränkung "negativer Freiheiten", die auf Kosten anderer genutzt werden, ermöglicht es, Optionenvielfalt und damit verbundene Unsicherheit als positive Herausforderung zu begreifen. Daher ist bloße Selbstbeschränkung, die normative Orientierung an einem gelingenden Leben, keine zureichende Bewältigungsstrategie. Ohne wirksame Regulierung und soziale Schutzmechanismen, die Menschen in großer Zahl überhaupt erst in die Lage versetzen, "ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollen",[19] wird Freiheitsgewinn im neuen Lebenslaufregime eine Sache privilegierter Minderheiten bleiben.
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Fußnoten

1.
Robert Castel, Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. Hamburg 2005, S. 8.
2.
Ders., Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit, in: ders./Klaus Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M.-New York 2009, S. 21 - 34.
3.
Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 119.
4.
R. Castel (Anm. 1), S. 38.
5.
Vgl. Klaus Dörre/Stephan Lessenich/Hartmut Rosa, Soziologie - Kapitalismus - Kritik. Eine Debatte, Frankfurt/M. 2009.
6.
Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, Frankfurt/M. 1984, S. 165.
7.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft, Konstanz 2000, S. 20.
8.
Richard Sennett, Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 2007, S. 24.
9.
Vgl. Klaus Dörre, Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarkt-Kapitalismus, in: K. Dörre/S. Lessenich/H. Rosa (Anm. 5).
10.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Niedrigeinkommen und Erwerbstätigkeit. Begleitmaterial zum Pressegespräch am 19. 8. 2009 in Frankfurt/M., Wiesbaden 2009, S. 7, S. 26.
11.
Vgl. ebd., S. 16. Medianlohn: Der Lohn, den die Hälfte aller Vollzeitbeschäftigten mindestens verdient. Das Gehalt der anderen Hälfte liegt darunter.
12.
Vgl. Hartmut Rosa, Kapitalismus als Dynamisierungsspirale - Soziologie als Gesellschaftskritik, in K. Dörre/S. Lessenich/H. Rosa (Anm. 5).
13.
Vgl. Stephan Lessenich, Mobilität und Kontrolle. Zur Dialektik der Aktivgesellschaft, in: K. Dörre/S. Lessenich/H. Rosa (Anm. 5).
14.
Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1996, S. 91.
15.
Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.
16.
Vgl. Sergio Bologna, Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur neuen Selbstständigkeit, Wien 2006, S. 34ff.
17.
Frank Donoghue, Last Professors. The Corporate University and the Fate of the Humanities, New York 2008, S. xi.
18.
Dies sind Eindrücke, die der Autor während der "zweiten Welle" einer Befragung von ALG-II-Beziehern sammeln konnte. Vgl. dazu Peter Bescherer/Silke Röbenack/Karen Schierhorn, Nach Hartz IV: Erwerbsorientierung von Arbeitslosen, in: APuZ, (2008) 33 - 34, S. 19-24.
19.
Burkart Lutz, "Sozialismus, warum denn nicht?", in: Mitbestimmung, 55 (2009) 1 - 2, S. 48 - 51.

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