APUZ Dossier Bild

25.9.2009 | Von:
Dieter Otten
Nina Melsheimer

Lebensentwürfe "50plus"

Verschiebung des Alters-Limes

Dass das Alter kaum noch Element eines Lebensentwurfs 50+ ist, liegt vor allem an der Verschiebung des "Alters-Limes". Dieser bezeichnet die Grenze zwischen "Alt-Sein" und "Nicht-Alt-Sein" und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten um etwa 15 Jahre nach oben verschoben. Auslöser dafür ist die sogenannte "Wertewandelkoalition", die den viel beschriebenen Wertewandel der vergangenen 40 Jahre durchgesetzt hat. Die Rebellen der Studentenrevolte, die "68er" und die "Babyboomer"[3] wurden durch das Aufwachsen in der Nachkriegszeit gleichartig geprägt und schufen zum Teil grundlegend gewandelte Werte und Normen, die zwar nur von einer radikalen Minderheit intoniert, von den anderen jedoch mit der Zeit als Generationsstil übernommen wurden - und zwar weltweit. Dem stehen hierzulande nur wenige traditionelle, konservative und nicht zuletzt auch DDR-nostalgische Milieus gegenüber, die sich dem allgemeinen Veränderungssog aber nicht entziehen konnten und wesentliche Werteänderungen mit übernommen haben.

Diese unmittelbare Nachkriegsgeneration macht derzeit etwa 25 Prozent der deutschen Bevölkerung aus und ist damit ebenso groß wie die Gruppe der 20- bis 40-Jährigen. Rechnen wir die heute 45- bis 50-Jährigen dazu, also alle Babyboomer, verändert sich das Verhältnis deutlich: Schon in fünf Jahren wird die Gruppe der dann 50- bis 75-Jährigen knapp 27 Millionen Menschen bzw. 33 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Doch weshalb verschiebt sich der Alter-Limes? Alter ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Das Land und die Kultur in der man lebt, Bildung und wirtschaftlicher Wohlstand entscheiden darüber, wie alt die Menschen werden oder wie früh sie sterben. Die durchschnittliche Lebenserwartung variiert stark von Land zu Land bzw. von Lebensstil zu Lebensstil. Wer etwa einen "interventionistischen" Lebensstil pflegt, auf große Risiken (Rauchen, Drogen, harte Arbeit, Stress, Gefahren) verzichtet und sich trainiert, kann ziemlich alt und lange jung bleiben; wer es nicht tut, wer "nihilistisch" lebt, altert in der Regel früher und stirbt auch eher. Die Angehörigen der "Wertewandler-Generation" haben Zeit ihres Lebens den Übergang von nihilistischen zu interventionistischen Lebensformen betrieben bzw. vollzogen. Heute haben sie das Gefühl, bis zum 70. Lebensjahr nicht alt zu sein, auch weil sie mehrheitlich fit sind. Das betrifft in erster Linie die sportliche Verfassung, denn nie zuvor waren Menschen in diesem Alter so aktiv: Beachtliche 46 Prozent treiben regelmäßig Sport. Weil sie den Lebensentwurf der "Alten Leutchen" ablehnen, unternehmen viele (fast) alles, um nicht alt zu werden und werden es auch nicht - was ein geradezu frappierendes Beispiel für soziale Konstruktion von biologisch-gesellschaftlicher Wirklichkeit ist.

Fußnoten

3.
Der Begriff Babyboomer bezeichnet hier die in Deutschland geborenen, geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge bis 1964.

Die soziale Situation in Deutschland

Lebensformen und Haushalte

Immer weniger Meschen leben gemeinsam mit Kindern unter einem Dach. Gleichzeitig ist die Zahl der Einpersonenhaushalte so hoch wie nie zuvor. Und auch für die Zukunft wird eine Fortsetzung dieser Entwicklungen angenommen.

Mehr lesen