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25.9.2009 | Von:
Dieter Otten
Nina Melsheimer

Lebensentwürfe "50plus"

Machtvolle Mittelschicht?

Wenn die Menschen zwischen 50 und 70 Jahren heute nicht mehr alt sind, was bedeutet das für die Gesellschaft, die Politik oder für nachfolgende Generationen? Welche Konsequenzen ziehen die historisch einzigartigen Lebensentwürfe der Generation 50+ mit sich?

Durch die demographischen Prozesse der vergangenen 50 Jahre ist die Generation 50+ in eine Mehrheitsposition gelangt, die ihr die Macht gibt, die gesellschaftlichen und politischen Prozesse in diesem Land grundlegend zu beeinflussen. Die ökonomischen Daten über die 50- bis 70-Jährigen deuten darauf hin, dass sich hier die Mittelschicht verbirgt, deren Ende schon so oft prognostiziert wurde.[10] Offensichtlich hat sich nur ihr Gesicht gewandelt: Es ist faltiger, linker und liberaler geworden. Die Ober- und Mittelschicht des beginnenden 21. Jahrhunderts setzt sich insbesondere aus den sozialen Milieus der Postmaterialisten und modernen Leistungsträger zusammen. Dies sind mehrheitlich soziale Aufsteiger und Gewinner der Bildungsexpansion, aber auch etliche aus der bürgerlichen Elite. Sie haben einen anderen Lebensstil in die Oberschichten mitgebracht, als er in der Vergangenheit üblich war. Sie verstehen sich nicht als konservative Bourgeois sondern vielmehr als Citoyen.[11] Sie denken nicht konservativ, nicht in militaristischen und patriotischen Traditionen; sie sind linksliberal und ökologisch, stehen für Emanzipation, Geschlechtergleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit. Kurz: Sie ähneln Jean-Jacques Rousseaus Idee vom aufgeklärten Citoyen mehr als es je eine Ober- und Mittelschicht in Deutschland zuvor getan hat. Diese neue Ober- und Mittelschicht wird trotz ihres fortgeschrittenen Alters die nächsten 20 bis 25 Jahre politisch und gesellschaftlich prägen, bevor auch sie abtreten und eine völlig veränderte Moderne hinterlassen wird. Unter diesen Umständen kann die Verbindung zwischen bürgerlichen Schichten und christlich-konservativer Politik in Deutschland bzw. das Modell der bürgerlichen Volkspartei und ihres Typs konservativer Politik zukünftig keinesfalls als gesichert gelten.

Fußnoten

10.
Vgl. z.B. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Schrumpfende Mittelschicht - Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkommen?, DIW Berlin Wochenbericht, (2008) 10, in: www.diw.de/documents/publikationen/73/79586/08 - 10 - 1.pdf (17. 8. 2008).
11.
Bourgeois (franz.): Wohlhabendes Bürgertum; Citoyen (franz.): (Staats)Bürger, der politische Teilhabe beansprucht und dafür die ihm von der Verfassung gewährten politischen Freiheitsrechte ausschöpft. Vgl. Karl-Heinz Hillmann, Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1994; Götz Frank, Die zögerliche Annäherung des Bürgers an den Citoyen, in: Einblicke, (2004) 39, in: www.presse.uni-oldenburg.de/einblicke/39/3frank.pdf (12. 8. 2009).

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