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25.9.2009 | Von:
Dieter Otten
Nina Melsheimer

Lebensentwürfe "50plus"

Wohnverwandtschaften?

Jenseits des 80. Lebensjahrs nimmt das Pflegerisiko dramatisch zu. Selbst wenn wir dieses zukünftig durch medizinische Fortschritte halbieren, müssen wir davon ausgehen, dass fast jeder Dritte aus der Generation 50+ zu einem Pflegefall wird. Das wären in 20 Jahren um die 5 Millionen Pflegefälle. Sollen diese in Heimen untergebracht werden, müssten schätzungsweise 50.000 Heime gebaut werden.[12] Derzeit werden 80 Prozent der Pflegefälle zu Hause betreut. Will man die drohende Betreuungskatastrophe verhindern, wird das auch in Zukunft so bleiben müssen. Nur führen die veränderten Lebensumstände schrumpfender Familien dazu, dass wir uns immer weniger auf die Familienpflege verlassen können. Single-Haushalte werden deutlich zunehmen: Von den über 70-Jährigen leben schon 56 Prozent allein, von den über 80-Jährigen 72 Prozent.

Die "Bohnenstangenfamilie"[13] der wenigen, aber intensiven Verwandtschaftsbeziehungen kann das Problem weder lösen noch abfedern, weil ihre Mitglieder zu weit voneinander entfernt siedeln. Lösungen sind möglich, wenn die Themen "Pflege im Alter" und "Wohnen im Alter" in nicht-familiären Verbünden zusammengedacht werden. Doch ob Alten-WG oder Mehrgenerationenhaus, die Frage der pflegenden Solidarität muss gelöst werden. Hier könnte Eigenarbeit in der Tat ein funktionierendes Modell darstellen. Vielleicht ist es eine List der Vernunft, dass der Städtebau im Zusammenhang mit der ökologischen Erneuerung ganz neue Perspektiven eröffnet. Diese bieten Platz für neue Modelle des Wohnens, der Eigenarbeit und der Solidarität unter Menschen, die nicht blutsverwandt sind, aber vielleicht "wohnverwandt" genannt werden können.

Es könnte sich als Glücksfall der Geschichte erweisen, dass mit der beschriebenen "Wertewandelkoalition" gerade jetzt eine Generation in jenes Alter kommt, in dem sie die Kraft, die Einstellung und die gesellschaftliche Macht besitzt, durch ihre weitere Lebensplanung die gesellschaftlichen Herausforderungen zu stemmen und so zeitgemäße Lebensentwürfe 50+ zu etablieren.

Fußnoten

12.
Zum Vergleich: Im Jahr 2003 existierten bundesweit 9743 zugelassene Pflegeheime sowie 713 195 Pflegeplätze. Vgl. Kap. 3.1.1 in: Erster Bericht des BMFSFJ über die Situation der Heime und die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner, Berlin 2006, in: www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Publikationen/heim bericht/root.html (17. 8. 2009).
13.
Bohnenstangenfamilie: Die Anzahl der gleichzeitig lebenden Generationen steigt an, während die Zahl der Familienmitglieder pro Generation durch den Geburtenrückgang abnimmt. Vgl. Karl Otto Hondrich, Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, Frankfurt/M. 2007.

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