APUZ Dossier Bild

24.8.2009 | Von:
Jerzy Kochanowski

Der Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung

1956-1989

Mitte der 1950er Jahre kam es auch auf dem Gebiet des nationalen Erinnerns zu Anzeichen von Tauwetter. 1955 erschien der (1940 bis 1949 verfasste) Roman "Polska jesien" [Der polnische Herbst; dt. 1983] von Jan Józef Szczepanski, der fern aller Schemata des Sozialistischen Realismus auf außerordentlich tiefe und subtile Weise sowohl das Tragische wie auch das Prosaische, ja das geradezu Triviale der ersten Kriegswochen darstellt. Doch die dem Erinnern gesetzten Grenzen wurden erst ein Jahr später - im Zuge der politischen Umwälzungen und der Machtübernahme durch Wladyslaw Gomulka - durchlässig, als man sowohl den Angehörigen der Heimatarmee[16] als auch den Soldaten des Septemberfeldzugs Gerechtigkeit widerfahren ließ. Die Niederlage von 1939 wurde nicht mehr ausschließlich als Folge der verhängnisvollen Politik der "faschistischen" Machthaber im Vorkriegspolen betrachtet, man nahm nicht mehr nur Schwarz-, sondern auch Grautöne wahr.

1956 ließen sich diese sogar in der Zeitschrift "Zolnierz Polski" [Der Polnische Soldat] beobachten, die einer strengen ideologischen Kontrolle unterworfen war. In der September-Nummer wurde hervorgehoben, dass die vergangenen Monate "gewissermaßen unser Gedächtnis geschärft haben. In der Tragödie des Septemberfeldzugs nehmen wir heute - neben der Unfähigkeit und dem Verrat der Sanacja-Machthaber des damaligen Polens - das gewaltige Ausmaß an Heldentum und Patriotismus des polnischen Volkes, der polnischen Soldaten wahr. (...) Unser Gedenken ist nicht mehr der Namen beraubt. Wir ehren nicht mehr nur die gefallenen Soldaten, sondern auch die Tausenden, die bis heute am Leben sind."[17] In den folgenden drei Nummern wurde - wohl zum ersten Mal seit 1946 - die bereits erwähnte Erzählung "Lotna" abgedruckt.

Unter der Voraussetzung, dass man den Anteil der Sowjetunion vergaß, wurde der September 1939 für die Obrigkeit zu einem bequemen Teil der Erinnerungspolitik, der eine wichtige Integrationsfunktion erfüllte. Er enthielt eine entsprechende Dosis Patriotismus sowie Deutschenfeindlichkeit und kam den Erwartungen der Bevölkerung entgegen. Am schnellsten wurde der Wandel auf den Bücherregalen sichtbar: Es erschienen Romane (sowohl neue als auch seit langem nicht mehr aufgelegte), Tagebücher und historische Abhandlungen. Das Ausmaß dieser "Erinnerungsrevolution" nach 1956 machten die Veranstaltungen zum 20. Jahrestag des Kriegsausbruchs deutlich: Vom katholischen "Tygodnik Powszechny" bis zur linksgerichteten "Polityka" war die Presse voll von den Ereignissen des Septembers. Heute mag einen die Zurückhaltung, ja Furchtsamkeit dieser Texte unangenehm berühren, doch damals waren sie mutig und boten neue Einsichten. Der "polnische September" wurde auch in der öffentlichen Wahrnehmung immer präsenter, etwa im Film, der bis dahin das Thema des Kriegsbeginns vermieden hatte (obwohl die Leser der Wochenzeitschrift "Film" bereits im Jahr 1946 Filme etwa über die Verteidigung der Westerplatte gefordert hatten). Jetzt fanden sich sowohl Geld als auch Drehbücher, vor allem aber gab es die Erlaubnis von oben. Bereits 1958 entstand der Film "Wolne miasto" [Freie Stadt] über die Verteidiger der Polnischen Post in Danzig. Im nächsten Jahr folgte "Orzel": die (wahre) Geschichte eines in der Ostsee stationierten polnischen Unterseeboots, das sich bis nach Großbritannien durchschlug.

Beide Filme waren (gemessen am damaligen Wissen) treue Rekonstruktionen der Ereignisse des Septembers 1939. Dies lässt sich von dem Film kaum behaupten, der vor einem halben Jahrhundert die heftigsten Kontroversen erregte: Andrzej Wajdas (recht freie) Verfilmung der bereits erwähnten Novelle "Lotna" von Zukrowski (die das Schicksal einer Kavallerie-Abteilung erzählt). Der Film stellte zugleich eine Verneigung vor den Helden und ein Abschied an die von Ritterromantik geprägte Legende des Septembers 1939 dar. "Ich möchte", so der Regisseur im Jahre 1959, "mit diesem Film eine schöne nationale Tradition verabschieden." Es erwies sich jedoch, dass die Polen keineswegs dieselbe Absicht hatten, so dass Wajdas Werk mehr Kritik als Lob zuteil wurde.[18] Daher nimmt es nicht Wunder, dass andere Künstler sich bemühten, nicht denselben Weg wie Wajda zu gehen - was nicht bedeutet, dass sie es sich leicht gemacht hätten. Dies zeigt der wohl herausragende polnische Kriegsfilm der 1960er Jahre: "Westerplatte" von 1967 (Regie: Stanislaw Rózewicz), nach einem Drehbuch von Jan Józef Szczepanski. Obwohl dieses Werk im Zuge der (stark antideutsch geprägten) Feiern zum tausendjährigen Bestehen des polnischen Staates entstand, in deren Rahmen auch das Denkmal auf der Westerplatte (1966) enthüllt wurde, bemühten sich seine Schöpfer darum, nicht nur den Mut der Soldaten zu zeigen, sondern auch die Entscheidungsnöte ihrer Führer, den Konflikt zwischen Heroismus und Vernunft sowie die Tatsache, dass Krieg unlösbar mit moralischen Dilemmata verbunden ist.

Auch dieser Ansatz jedoch stieß nicht auf allgemeine Zustimmung, denn die späten 1960er Jahre waren von Nationalismus und einer steigenden Bedeutung der Veteranenorganisationen geprägt, in der "Erinnerungskultur" war allmählich kein Platz mehr für Entscheidungsnöte, für Unschlüssigkeit oder die Erinnerung an Niederlagen. Der Jahrestag des Kriegsausbruchs begann die Bedeutung eines Festes anzunehmen, das den Zusammenhalt der Nation förderte, das für alle symbolische Bedeutung hatte, ohne Rücksicht auf die politischen Ansichten oder den exakten Schnitt der im Krieg (oder danach) getragenen Uniform. 1967 nahmen die wichtigsten Personen des Staates an den Feierlichkeiten teil. Vor dem Grab des Unbekannten Soldaten versammelten sich beinahe 200000 Menschen, beim "Zählappell der Gefallenen" wurde sowohl an die Soldaten des Septemberfeldzugs erinnert wie auch an diejenigen der kommunistischen Volksarmee (AL), der londontreuen Heimatarmee (AK), der Bauernbataillone (BCh) sowie der sozialistischen und jüdischen Kampfeinheiten. In Kattowitz wurde der Tag zum Anlass genommen, um ein Denkmal für die Teilnehmer der schlesischen Aufstände von 1919 bis 1921 zu enthüllen.[19]

Obwohl die von Dezember 1970 bis Sommer 1980 herrschende Gruppe um den neuen Ersten Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Edward Gierek, sich an zeitgemäßeren Vorbildern orientierte und ihr daran gelegen war, dem Ausland gegenüber als der Modernisierung verpflichtet und weltoffen zu erscheinen, setzte sie gerade in bestimmten Bereichen der Geschichtspolitik den Kurs ihrer Vorgänger fort. In der mit Nachdruck betriebenen Erfolgspropaganda durfte auch ein "historischer Erfolg" nicht fehlen. Im Jahre 1972 veröffentlichte ein offizieller Posener Verlag das Buch "Wojna polska 1939" [Der polnische Krieg 1939] des Journalisten und Historikers Leszek Moczulski. Bereits der Titel, der sich von den bisherigen Formulierungen unterschied (gewöhnlich sprach man von "Verteidigungskrieg"), kündigte eine neue Sichtweise an. Und tatsächlich war Moczulski der erste Historiker "im Lande", der mit solcher Offenheit die Entscheidungen (und die Ehre) der polnischen Führung verteidigte. Das Buch wurde bald aus den Buchhandlungen entfernt, jedoch nicht in erster Linie aufgrund einer Rehabilitierung des Sanacja-Regimes, sondern wegen der allzu deutlichen Erwähnung der sowjetischen Aggression vom 17. September 1939. Kritik von Seiten der Machthaber bedeutete aber automatisch Anerkennung durch das oppositionelle Veteranenmilieu. So wurde Moczulski schon bald zu einer der prominentesten Figuren der antikommunistischen Opposition. Es ist bemerkenswert, dass er die erste (selbstverständlich illegale) politische Oppositionspartei seit Ende der 1940er Jahre, die Konfederacja Polski Niepodleglej [Konföderation des Unabhängigen Polens], am Jahrestag des Kriegsausbruchs ins Leben rief: am 1. September 1979.

Ein Jahr nach dem Erscheinen von Moczulskis Buch kam ein Film über das Schicksal der Abteilung von Major Henryk Dobrzanski ("Hubal") in die Kinos. "Hubal" hatte nach der Niederlage nicht die Waffen gestreckt, sondern setzte den Kampf bis zu seinem Tod im Frühling 1940 fort. Der Regisseur Bohdan Por?ba, ein bekennender Nationalist, zwang die Zuschauer nicht zum Grübeln über moralische Dilemmata. Sein Film sollte dazu dienen, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken, indem er den "Ruhm der polnischen Waffen" beschwor und auf die für die polnische Kultur spezifischen Motive des Opfers und Heldenmutes zurückgriff.[20] In den Worten eines Rezensenten sei dieses Werk, im Gegensatz zu anderen Kriegsfilmen, nicht "kalt", sondern "heiß" gewesen und habe "den Zuschauer emotional restlos in Beschlag genommen, während er gleichzeitig das in den Hintergrund rückte, was man als intellektuelle Rezeption bezeichnen könnte".[21] Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass bereits in den ersten zwei Wochen eine halbe Million Kinobesucher den Film sahen. Der Titelheld "Hubal" nahm die Phantasie der Massen gefangen - und mit ihm der Septemberfeldzug samt seinen Soldaten, der nun nicht mehr in erster Linie tragisch, sondern heroisch erschien.

Wenngleich die Regierenden in den 1970er Jahren andere als militärische Legitimationsquellen suchten und auf den Tribünen der Feierlichkeiten zu den Jahrestagen des Kriegsausbruchs meist zweitrangige Politiker erschienen, wurde doch die Schaffung neuer Gedenkstätten (Denkmäler, Friedhöfe, Museen), die unter Wladyslaw Gomulka begonnen hatte, nicht aufgegeben. Diese Richtung setzte in den 1980er Jahren Wojciech Jaruzelski fort, in dessen Regierungszeit sich die Erinnerungspolitik wieder deutlich dem Zweiten Weltkrieg zuwandte. Jahrestage - insbesondere der 1. September und der 12. Oktober (an dem im Jahre 1943 die Schlacht bei Lenino stattgefunden hatte) - dienten als Anlass für Veranstaltungen, die für die historische Identität der Gesamtgesellschaft von Bedeutung waren. Im Jahre 1984 etwa stellte es ein zentrales Element der Feiern zum 45. Jahrestag des Kriegsbeginns dar, dass die rekonstruierten Innenräume des 1939 zerstörten Königsschlosses allgemein zugänglich gemacht wurden und die Urne mit dem Herzen des Nationalhelden Tadeusz Kosciuszko wieder dorthin zurückkehrte. Obwohl Marian Buczek im Heldenpantheon weiterhin eine wichtige Stellung einnahm, hob man zugleich hervor, dass auf demselben Friedhof wie er auch der - ebenfalls im September 1939 gefallene - Fürst Artur Radziwill begraben sei.[22]

Fußnoten

16.
Poln.: Armia Krajowa (AK) - der Londoner Exilregierung gegenüber loyale, im Untergrund agierende Militärorganisation (Anm. d. Übers.).
17.
W rocznic? Wrzesnia [Zum Jahrestag des Septembers], in: Zolnierz Polski, 17 (1956) 9, S. 4.
18.
Siehe www.wajda.pl/pl/filmy/film04.html (11.5. 2009).
19.
Vgl. Trybuna Ludu vom 1.9. 1967.
20.
Vgl. Por?ba chce zmartwychwstac. Z rezyserem Bohdanem Por?b? rozmawia Grzegorz Sroczynski [Por?ba will die Auferstehung. Mit dem Regisseur Bohdan Por?ba spricht Grzegorz Sroczynski], in: Duzy Format, Nr. 9, Beilage zur Gazeta Wyborcza vom 3.3. 2008.
21.
Henryk Weber, "Hubal", in: Polityka vom 22.9. 1973.
22.
Vgl. Trybuna Ludu vom 1./2.9. 1984.

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen