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24.8.2009 | Von:
Rolf-Dieter Müller

Kriegsbeginn 1939: Anfang vom Ende des Deutschen Reichs

Vom europäischen zum globalen Krieg

Mit der Inszenierung immer neuer außenpolitischer Konflikte hatte Hitler die Friedenssehnsucht der europäischen Großmächte und Nachbarn strapaziert und sich Erfolge verschafft, die in seinem eigenen Volk, das auf die Erhaltung des Friedens hoffte, die Zuversicht förderten, der "Führer" werde auch dieses Mal die Krise meistern. Als diese Hoffnung am 3. September 1939 scheiterte, entstand alles andere als Kriegsbegeisterung. Hitler musste freilich nicht nur die deutsche Bevölkerung durch eine geschickte Propaganda und Täuschungsmanöver an den Krieg gewöhnen, sondern auch seine Generalität davon überzeugen, dass er die Risiken zu beherrschen vermochte. In mehreren internen Ansprachen legte er sein Kalkül dar; die Behauptung, man habe einen Rüstungsvorsprung erreicht, der nun genutzt werden müsse, überzeugte nicht jeden. Tatsächlich hätte ein entschlossener Gegenschlag der Westmächte mit gleichzeitiger Kriegserklärung der USA Hitlers Position ins Wanken bringen können. Zum Staatsstreich kam es nur deshalb nicht, weil Hitler sich dazu bewegen ließ, den Angriffsbefehl gegen Frankreich 29-Mal zu verschieben.

Der Generalstab hatte - anders als 1914 - keinen ausgearbeiteten Operationsplan in seinen Schubladen. Das deutsche Heer bezog hinter dem seit 1937 eiligst errichteten "Westwall" Stellung und lieferte sich mit den Franzosen, die ihre Maginotlinie bezogen hatten, in einem "Sitzkrieg" lediglich Scharmützel. So herrschten im Westen noch Wochen nach Kriegsbeginn fast friedensähnliche Verhältnisse. Die geplante totale Mobilmachung wurde im Reich bereits Mitte Oktober 1939 abgebrochen, um die Bevölkerung nicht weiter zu beunruhigen.

Im Rückblick zeigt sich, dass angesichts der personellen und materiellen Unterlegenheit Deutschlands gegenüber der künftigen Anti-Hitler-Koalition bereits am 3. September 1939 das Ende des Deutsche Reiches eingeläutet wurde.[4] Dafür sprechen der maßlose Expansionsdrang, der die alten Grenzen des Kaiserreichs bereits überschritten hatte, und das wahnwitzige Kriegszielprogramm des Diktators, vor allem aber der veränderte Charakter des Krieges, der bereits in Polen mit einer völkerrechtswidrigen Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik erkennbar wurde.

Wenn es nach dem 3. September 1939 überhaupt zu einer zumindest zeitweilig offenen Entscheidungssituation[5] des Zweiten Weltkriegs gekommen ist, dann lag dies in einer militärisch-operativen Entwicklung begründet, die niemanden mehr überrascht hat als die Wehrmacht und Hitler selbst. Großbritannien rechnete mit einem langen Blockadekrieg, im Vertrauen darauf, wie im Ersten Weltkrieg zusammen mit der französischen Armee den zu erwartenden deutschen Ansturm aufhalten zu können. Auch wenn die USA vorerst neutral blieben, sicherte Präsident Franklin D. Roosevelt insgeheim Unterstützung zu und machte sein Land zum "Arsenal der Demokratie". Im Sommer 1941 würde man zum Angriff gegen Deutschland ausreichend gerüstet sein.

Als sein Verbündeter Stalin die Initiative ergriff und Finnland überfiel, geriet Hitler in die politische Defensive und musste die pro-deutsch gesinnte finnische Armee im Stich lassen. Dafür dachten die Westmächte daran, einen Schlag gegen die Ölquellen des Kaukasus zu führen, um eine wichtige "Tankstelle" der Wehrmacht zu schließen. Gleichzeitig bereitete man sich darauf vor, die für Deutschland lebenswichtige Zufuhr schwedischer Eisenerze über den norwegischen Hafen Narvik zu blockieren. Ein schlecht vorbereiteter, übereilter deutscher Angriff im Westen hätte den Verlauf des Zweiten Weltkriegs ebenso in eine andere Richtung lenken können wie ein Erfolg dieser alliierten Gegenzüge. Nicht zuletzt bewirkte der Zufall, dass die von Johann Georg Elser am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller gezündete Bombe ihr Ziel verfehlte und Hitler den Krieg fortsetzen konnte. Welchen Kurs sein designierter Nachfolger Hermann Göring eingeschlagen hätte, bleibt offen.

Ein für die Alliierten zweites "Wunder an der Marne" verhinderte General Erich von Manstein, der im Herbst 1939 einen Feldzugsplan entwickelt hatte, mit dem die Wehrmacht - anders als 1914 - den Sieg im Westen erkämpfte und den "Blitzkrieg" zu einem Erfolgsrezept werden ließ, das die deutschen Soldaten später bis vor die Tore Moskaus führen sollte. Als am 10. Mai 1940 der Angriff begann, konnten die Deutschen ihren Operationsplan umsetzen, weil die zahlenmäßig überlegene französische Luftwaffe ihre Kräfte in Erwartung einer längeren Auseinandersetzung zurückhielt. Dagegen warf Göring alle Geschwader in die Schlacht, sicherte die Luftüberlegenheit im Kampfraum und bombte den deutschen Angriffskräften den Weg frei. Der unkonventionellen Führung von zusammengefassten Panzerverbänden durch General Heinz Guderian kam ebenfalls große Bedeutung zu. Auf französischer Seite hatte Oberst Charles de Gaulle mit ähnlichen Vorstellungen zum Panzerkrieg keine ausreichende Unterstützung gefunden. Seine Vorgesetzten blieben in Vorstellungen des Ersten Weltkriegs verfangen und erwiesen sich angesichts der beschleunigten Führungsentscheidungen eines schnellen Bewegungskriegs als überfordert. Dennoch blieb der deutsche Feldzug im Westen ein hoch riskantes Unternehmen, dessen Erfolg bis zur letzten Minute fragwürdig war.[6]

Mit Blitzfeldzügen, die zur Besetzung Dänemarks und zur Unterwerfung Norwegens führten, zahlte sich Hitlers Bereitschaft zum höchsten Risiko ebenfalls aus, obwohl die Marine vor Narvik erhebliche Verluste erlitt. Als sich bei Dünkirchen die Chance bot, das britische Expeditionskorps gefangen zu nehmen, fehlte ihm die Entschlossenheit, Großbritannien eine Niederlage beizubringen. Es hätte das siegreiche Ende des europäischen Krieges bedeuten können. Auf der Gegenseite war mit dem neuen Premierminister Winston Churchill ein robuster Gegner ins Spiel gekommen. Diesem gelang es, die Kräfte Großbritanniens bis zur Erschöpfung zu mobilisieren. Fast ein Jahr lang leisteten die Briten, auf sich allein gestellt, den Deutschen erbitterten Widerstand. Trotz einzelner Vorstöße 1941/42 in Nordafrika sowie im U-Bootkrieg gelang es der Wehrmacht nicht, die britische Umklammerung zu zerbrechen und deren überseeische Basen zu zerstören.

Was deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg in vier Jahren nicht gelungen war, wurde im Juni 1940 innerhalb von vier Wochen erreicht: eine Siegesparade in Paris. Nichts wäre Hitler in diesem Augenblick lieber gewesen, als sich seinem "Programm" gemäß mit Großbritannien über die Aufteilung der Welt zu verständigen und sich dann nach Osten wenden zu können. Doch Churchill war nicht Stalin: Der sowjetische Diktator zögerte nicht, seinen versprochenen Anteil an der Beute in Ostmitteleuropa einzutreiben, was ihm zugleich den Vorteil verschaffte, sein strategisches Vorfeld zu erweitern. Solange die Wehrmacht am Kanal gebunden war, würde Hitler keinen Zweifrontenkrieg wagen, wie Stalin in Kenntnis von "Mein Kampf" annehmen konnte. Den Verlockungen des "Führers", der die UdSSR gegen Großbritannien in Stellung zu bringen versuchte, widerstand er weitsichtig.

Das zweite Kriegsjahr stand im Zeichen gegenseitigen Belauerns. Inzwischen hatte Hitler längst die Weichen für seinen eigentlichen Krieg, die Eroberung von "Lebensraum im Osten" gestellt. Aufgrund erster Überlegungen der Heeresführung zur Sicherung der Ostgrenze ordnete Hitler am 31. Juli 1940 an, dass die Wehrmacht bereit sein solle, ab 1. Mai 1941 jederzeit einen größeren Feldzug zur Eroberung des europäischen Teils Russlands, der Ukraine und des Kaukasus führen zu können. Damit würde das Großdeutsche Reich zur unangreifbaren Weltmacht werden. Dann könnten auch die rassenideologischen "Neuordnungs-" und Siedlungspläne umgesetzt werden, für die das besetzte Polen bereits zum Experimentierfeld geworden war.

Im Rückblick ist es erstaunlich, wie gering man in Berlin das militärische Risiko des Unternehmens einschätzte. Die deutsche Rüstung war nach dem Frankreich-Feldzug gebremst worden, um die Bevölkerung an den Früchten des Sieges teilhaben zu lassen. In den ersten zwei Jahren des Krieges stagnierte die Rüstungsproduktion. Mit dem Zustrom aus der laufenden Rüstungsproduktion und dem erbeuteten Kriegsmaterial wurde eine Operationsarmee bereitgestellt, die nicht stärker war als die Heeresgruppen, mit denen man Frankreich besiegt hatte. Dabei verfügte Stalin über das größte Militärpotential der Welt, das sich nach der Beseitigung der alten Führungselite rasch personell regenerierte und die Kriegserfahrungen des deutschen Verbündeten zu adaptieren versuchte.

Dennoch waren sich Hitler und sein Generalstab darin einig, dass der Überfall auf die UdSSR ein "Sandkastenspiel" sein würde. Die deutschen Panzerkorps würden die Masse der sowjetischen Armee einkesseln, vernichten und so schnell nach Osten vorstoßen, dass sich keine neue durchgehende Front mehr bilden konnte. Den Rest würden Vorstöße in Richtung Kaukasus und Ural erledigen, um dann eine Militärgrenze ostwärts von Moskau vorzuschieben, die sich mit geringen Kräften halten ließ. Die Masse des Ostheeres würde nach wenigen Wochen in die Heimat zurückkehren, um die Waffen zu schmieden, mit denen man die angelsächsischen Mächte im globalen Maßstab angreifen könnte.

Der Plan war ebenso kühn wie vermessen. Um den Zusammenbruch des Sowjetregimes zu beschleunigen, sollte jeglicher Anschein von Widerstand in der Bevölkerung mit brutalsten Methoden unterdrückt, die kommunistische Führungselite liquidiert und die jüdische Bevölkerung ermordet werden. Der Feldzug sollte als rücksichtsloser Vernichtungs- und Ausbeutungskrieg geführt werden, was eine weitere Radikalisierung der bisherigen Kriegführung bedeutete und von der militärischen Führung trotz einiger Bedenken schließlich mitgetragen wurde.

Fußnoten

4.
Vgl. Rolf-Dieter Müller, Der letzte deutsche Krieg 1939 - 1945, Stuttgart 2005.
5.
Vgl. Ian Kershaw, Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 2008.
6.
Vgl. Karl-Heinz Frieser, Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940, München 1995.

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