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24.8.2009 | Von:
Rolf-Dieter Müller

Kriegsbeginn 1939: Anfang vom Ende des Deutschen Reichs

Kriegswende

So vollzog sich im Mai/Juni 1941 der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Hitlers Armeen marschierten unter größter Geheimhaltung auf, und Stalin ließ trotz vielfältiger Warnungen seines Geheimdienstes bis zur letzten Minute kriegswichtige Lieferungen über die deutsche Grenze rollen. Umso größer war sein Schock, als ihm bewusst wurde, dass die am Morgen des 22. Juni gemeldeten deutschen Kriegshandlungen der Beginn eines Überfalls waren. In den ersten Wochen zeigte sich die Rote Armee nicht in der Lage, die deutschen Armeen zu stoppen. Beide Seiten erlitten in Kesselschlachten schwere Verluste. Stalin, dem wider Erwarten die Mobilisierung der Kräfte seines Riesenreiches gelang, konnte immer neue Divisionen zusammenstellen, während das deutsche Ostheer aus der Substanz lebte, weil Hitler Reserven für die Feldzüge gegen die angelsächsischen Mächte zurückhielt.

So überschritt die Wehrmacht bereits im August 1941 den Kulminationspunkt ihres Angriffs, ohne daraus die Konsequenzen zu ziehen. Zur gleichen Zeit radikalisierte die SS den Völkermord an den europäischen Juden, was in der antisemitischen Wahnwelt des Diktators auch als Drohgebärde gegen Roosevelt galt. Mit der am 14. August verkündeten Atlantik-Charta über die britisch-amerikanischen Nachkriegsziele zeichnete sich ab, dass Washington die Expansion der faschistischen Mächte nicht länger hinnehmen wollte. Deshalb verband sich die deutsche Kriegserklärung am 11. Dezember 1941 an die USA mit der Entscheidung zur systematischen Ermordung der europäischen Juden, die am 20. Januar 1942 während der Wannseekonferenz detailliert besprochen wurde.

Nach zwei Jahren Krieg in Europa hatte der Zweite Weltkrieg globale Ausdehnung erreicht. Roosevelt hatte nach seiner Wiederwahl (1940) eine deutliche Eindämmungspolitik gegenüber dem aggressiven Japan betrieben und zusammen mit Großbritannien - nach dem deutschen Überfall - auch die UdSSR mit Wirtschafts- und Rüstungslieferungen unterstützt. Noch immer gab es eine starke isolationistische Grundströmung in der Bevölkerung, die sich gegen eine Einmischung in den europäischen und den asiatischen Krieg wehrte. Roosevelt setzte das rohstoffarme Japan unter den Druck von Wirtschaftssanktionen. Tokio entschied sich für den Angriff, um die Ressourcen Südostasiens zu erobern und durch eine weiträumige Verteidigungszone im Pazifik gegen die USA abzusichern. Mit dem Luftangriff auf den Heimathafen der amerikanischen Pazifikflotte in Pearl Harbor auf Hawaii am 7. Dezember 1941 sollten günstige militärische Voraussetzungen geschaffen werden. Dieser heimtückische Schlag veränderte die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung grundlegend, weshalb bis heute spekuliert wird, dass Roosevelt vom Anmarsch der japanischen Flotte gewusst und die Verluste von Pearl Harbor riskiert haben könnte.[7]

Dass sich Hitler mit seiner Kriegserklärung dem japanischen Angriff anschloss, obwohl zur gleichen Zeit die Ostfront unter den Druck der sowjetischen Gegenoffensive bei Moskau geriet, markierte seinen Willen, den Krieg unter allen Umständen bis zum "Endsieg" fortzusetzen. So entschied er sich für eine strategische Defensive und setzte 1942/43 auf die Verteidigung der "Festung Europa". Um das kurze Zeitfenster vor einem Eingreifen der USA auf den Kontinent auszunutzen, wollte er mit einer zweiten Sommeroffensive im Osten endlich die reichen Ölquellen im Kaukasus in die Hand bekommen, damit die Kriegswirtschaft der UdSSR lahm legen und deren wichtigen Versorgungsstrang über den Iran für angelsächsische Hilfslieferungen kappen. Das angeschlagene deutsche Ostheer konnte mit Hilfe einer neuen Rüstungspolitik, zu deren Verantwortlichen Albert Speer ernannt wurde, wieder soweit ausgestattet werden, dass die Heeresgruppe Süd erneut zum Angriff anzutreten vermochte.

Doch der Vormarsch in den Kaukasus wurde durch Hitlers fatale Entscheidung geschwächt, die Heeresgruppe aufzuspalten und mit größeren mobilen Kräften Stalingrad anzugreifen. Aus dem Prestigeduell der beiden Diktatoren entwickelte sich am Jahresende 1942/43 die bis dahin größte Katastrophe der deutschen Militärgeschichte, der Untergang einer kompletten Armee auf dem Schlachtfeld. Hitler hatte, um Kräfte für den gleichzeitigen Angriff auf Baku und Stalingrad freizumachen, die Flanke am Don mit weniger kampfkräftigen Armeen der Verbündeten besetzt. Stalins Gegenoffensive am 19. November gefährdete mit der Vernichtung der 6. Armee die gesamte deutsche Südfront. Nur mit Mühe gelang es, im Frühjahr 1943 die Front vorübergehend zu stabilisieren, obwohl starke Kräfte bereitgestellt werden mussten, um auch der Landung von US-Streitkräften in Algerien zu begegnen, die zusammen mit den von El Alamein vorrückenden Briten die deutsch-italienische Heeresgruppe unter der Führung von General Erwin Rommel im Brückenkopf Tunis einschlossen. In Berlin hatte Propagandaminister Joseph Goebbels mit einer demagogischen Rede am 18. Februar 1943 das deutsche Volk zum "Totalen Krieg" aufgerufen. Hitlers Durchhaltestrategie setzte im Westen auf eine Ausweitung des U-Bootkrieges, den Bau des Atlantikwalls und die Vorbereitung des Einsatzes von modernen Flugkörpern ("Wunderwaffen"), im Osten auf einen Abnutzungskrieg.

Das "Unternehmen Zitadelle" war Anfang Juli 1943 ein Frontalangriff auf den stark befestigten Frontbogen von Kursk, mit dem deutsche Verbände gegen einen zahlenmäßig weit überlegenen Gegner antraten. Nach Anfangserfolgen brach Hitler den Angriff ab, weil die Alliierten inzwischen auf Sizilien gelandet waren und Kräfte zu ihrer Abwehr verlagert werden mussten. Daraufhin trat die Rote Armee zu Großoffensiven an, die für die Deutschen zum Verlust der Ukraine führten, deren Ausbeutung nach Hitlers Willen das wirtschaftliche Rückgrat der Ostfront bilden sollte. Die Alliierten hatten sich nach unerwarteten Verzögerungen in Nordafrika dazu entschlossen, die Invasion auf dem Kontinent um ein Jahr zu verschieben. Bei der Konferenz von Casablanca entschieden sie sich im Januar 1943 dafür, einerseits durch die Ausweitung des strategischen Bombenkrieges das noch immer wachsende deutsche Rüstungspotential zu schwächen und durch Angriffe auf Großstädte die deutsche Kriegsmoral zu zerstören, andererseits im Pazifik offensiv zu werden, um eine Entscheidung gegen Japan zu erzwingen.

Im Rüstungswettlauf lagen die Briten und Amerikaner schon weit vor den Deutschen und den Japanern. Auch die Sowjetunion hatte den Rückschlag von 1941 überwunden und produzierte mittlerweile mehr Panzer als das "Dritte Reich". Stalin profitierte nicht nur von den Hilfslieferungen seiner Verbündeten, sondern auch von der bequemen strategischen Lage, nur an einer Front seine Kräfte einsetzen zu müssen, denn Japan hielt an der Neutralitätspolitik gegenüber der UdSSR fest, um seine schwache Position auf dem chinesischen Festland nicht zu riskieren.

Mit "Operation Overlord" starteten die Alliierten am 6. Juni 1944 das größte Landungsunternehmen der Weltgeschichte, ein bis zur letzten Minute höchst riskanter Einsatz. Es gelang ihnen, die zwischen Nordkap und spanischer Grenze verteilte deutsche Abwehr zu überlisten und überraschend in der Normandie einen Brückenkopf zu bilden, den sie dank ihrer Luftüberlegenheit schrittweise ausweiteten. Die Befreiung Frankreichs warf für die Alliierten keine großen Schwierigkeiten auf, doch zögerten sie im Herbst 1944, den Vorstoß ins Reich zu wagen. Der Oberkommandierende General Dwight D. Eisenhower wollte kein Risiko eingehen, weil in den USA die Wiederwahl Roosevelts anstand und das "Dritte Reich" nicht so geschwächt erschien wie das Kaiserreich im Herbst 1918.

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, mit dem die Militäropposition einen Ausweg aus dem Krieg versuchte, war gescheitert, und die Nazis organisierten eine letzte verzweifelte Mobilmachung. Am 16. Dezember 1944 gelang den Deutschen ein Überraschungsangriff in den Ardennen. Ähnlich wie 1940 durchbrachen sie die unvorbereiteten Verteidigungslinien des Gegners, konnten aber dieses Mal den Durchbruch nicht in die Tiefe ausweiten. Es fehlte der Wehrmacht nicht nur die Luftherrschaft über dem Gefechtsfeld, sondern auch ausreichend Treibstoff.

Der Schlussakt wurde Mitte Januar 1945 von der Roten Armee eröffnet, die in kürzester Zeit von der Weichsel bis zur Oder vorstieß und eine Fluchtwelle unter der ostdeutschen Bevölkerung auslöste. Durch die nachfolgenden Vertreibungen wurden historische Siedlungsgebiete der Polen und Deutschen in Ostmitteleuropa nachhaltig zerstört und Grenzen verändert. Als die Westalliierten Anfang März den Rhein überschritten, war Hitlers Kriegführung am Ende. Der Selbstmord des Diktators löste die letzten Bande innerhalb der Wehrmacht, deren Führung am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation akzeptierte. Die Kämpfe im Pazifik dauerten noch bis August; zur gleichen Zeit besiegelte die Konferenz in Potsdam das Ende des Deutschen Reiches. Der Überfall auf Polen vor 70 Jahren, im Sommer 1939, hatte den Anfang vom Ende markiert.

Fußnoten

7.
Vgl. z.B. Robert B. Stinnett, Pearl Harbor. Wie die amerikanische Regierung den Angriff provozierte und 2476 ihrer Bürger sterben ließ, Frankfurt/M. 2003.

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