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24.8.2009 | Von:
Svenja Goltermann

Kriegsheimkehrer in der west-deutschen Gesellschaft

Entnazifizierung

Vieles an diesem Bild über die unmittelbare Nachkriegszeit hat sich bis heute nicht geändert. Auch die Zeitgeschichtsforschung hat in ähnlicher Weise über viele Jahre ein Übermaß des Schweigens der Deutschen über den Massenmord an den Verfolgten des Nationalsozialismus und die Gräuel des Krieges beklagt und daraus auf weitgehende Unberührtheit, auf Amnesie oder Verdrängung, gerade auch unter den heimkehrenden Soldaten, geschlossen.[4] Allerdings haben jüngere Studien das Bild insofern modifiziert, als sie zeigen, dass die Deutschen über ihre eigenen Leiden während und im Gefolge des Krieges durchaus sprachen, weshalb eher von "selektiver Erinnerung" und einer "Rhetorik der Viktimisierung" die Rede sein müsse - und nicht von Verdrängung.[5] Tatsächlich lassen sich dafür in der öffentlichen Erinnerungskultur viele Beispiele finden. Dennoch haben insbesondere die Studien über die Entnazifizierungsverfahren wiederholt eindrücklich gezeigt, dass sich im Nachkriegsdeutschland ein regelrechter "Wettbewerb des Opportunismus, des Abstreitens und Nichtwahrhabenwollens" ausbreitete.[6]

Die in den Entnazifizierungsverfahren eingeräumte Möglichkeit zur eigenen Verteidigung zog fieberhafte Bemühungen von Millionen von Menschen nach sich, eine möglichst große Zahl von Entlastungszeugnissen beizubringen. Ende 1948, als die Verfahren in den Westzonen abgebrochen wurden, waren lediglich 1670 Personen als Hauptschuldige und etwa 23000 Personen als Belastete eingestuft worden. Die Entnazifizierungsverfahren waren, so ist jüngst noch einmal bekräftigt worden, zur "Farce einer Reinwaschanstalt" geworden.[7] Im Übergang der deutschen Gesellschaft von der Nazi-Diktatur zur Demokratie gilt die Entnazifizierung deshalb oft als absoluter Fehlschlag, der nicht nur eine politische "Säuberung" verhindert, sondern einer bizarren Wahrnehmung von der Verantwortlichkeit für die Verbrechen an Millionen von Menschen Vorschub geleistet habe.

Auch das aber ist, wie es scheint, nur die halbe Wahrheit. Denn tatsächlich war das "normale" Leben in vielen Fällen prekärer, als es der gängige Eindruck über die Nachkriegsgesellschaft vermuten lässt.[8] Aufgrund der Verdichtung und der Eskalation der extremen Gewalt in den 1940er Jahren ist zwar von einem "Schock der Ereignisse" gesprochen worden, der die Menschen außer Stande gesetzt habe, "sich ernsthaft mit Krieg und Tod zu beschäftigen".[9] Doch die "Normalität" dieser Gesellschaft zeichnete sich gerade nicht dadurch aus, dass sich die Apokalypse von Krieg und Völkermord "verdrängen" ließ. Vielmehr waren der Tod und die Toten in der persönlichen Erinnerungs- und Vorstellungswelt immer gegenwärtig.

Das gilt jedenfalls für eine große Anzahl ehemaliger Soldaten, die zurückgekehrt waren. Sie hatten den Krieg keineswegs einheitlich erfahren, auch die Dauer und die Härte der Kriegsgefangenschaft waren ausgesprochen unterschiedlich.[10] Während sich zum Jahreswechsel 1944/45 die Zahl der Kriegsgefangenen noch auf zwei Millionen belief, schnellte sie mit der Kapitulation auf etwa elf Millionen hoch. Mehr als zwei Drittel von ihnen befanden sich im Gewahrsam der Westmächte, der andere Teil im Osten, überwiegend bei den Sowjets. Bis zu Beginn des Jahres 1947 waren die deutschen Kriegsgefangenen von den Alliierten mehrheitlich wieder entlassen worden. Auch die etwa zwei Millionen deutschen Soldaten, die in den Gefangenenlagern verblieben, kehrten nahezu vollständig bis Ende 1949 wieder ins zivile Leben zurück. Nur die Sowjetunion hielt noch etwa 30000 Gefangene fest. Erst 1956 wurden die letzten von ihnen nach Deutschland entlassen.[11]

Gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigt sich jedoch mit Blick auf diese Kriegsheimkehrer: Das Streben der westdeutschen Gesellschaft nach Wiederaufbau und sozialer Sicherheit war durchsetzt von Schrecken und quälenden Alpträumen, die von der ansonsten zu beobachtenden Nüchternheit nichts mehr erkennen ließen. Die Konfrontation mit den Besatzern, insbesondere die Entnazifizierungsverfahren, trugen in einer Vielzahl von Fällen erheblich dazu bei. Denn ebenso wie die Angst vor Vergeltung bei den Gewaltexzessen gegen Ende des Krieges eine Rolle spielte, war es nach der totalen Niederlage, bei dem Versuch, sich mit der neuen Demokratie zu arrangieren, die Angst vor Entdeckung. Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft zeigt aus dieser Perspektive ein verändertes Gesicht: Es trägt die Züge einer ausgesprochenen Angstgesellschaft.[12]

Fußnoten

4.
Vgl. etwa Wolfgang Benz, Postwar Society and National Socialism: Remembrance, Amnesia, Rejection, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 19 (1990), S. 1 - 12. Kritisch gegenüber dieser Annahme einer Verdrängung deutscher Schuld Anthony D. Kauders, "Repression" and "Philo-Semitism" in Postwar Germany, in: History and Memory, 15 (2003), S. 97 - 122.
5.
Vgl. vor allem Robert G. Moeller, War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, Berkeley 2001.
6.
Vgl. Ulrich Herbert, Rückkehr in die Bürgerlichkeit? NS-Eliten in der Bundesrepublik, in: Bernd Weisbrod (Hrsg.), Rechtsradikalismus in Niedersachsen nach 1945, Hildesheim 1995.
7.
Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, München 2003, S. 959.
8.
Vgl. K. Naumann, Einleitung, in: ders. (Anm. 3), S. 9-27.
9.
Richard Bessel, Leben nach dem Tod. Vom Zweiten Weltkrieg zur Zweiten Nachkriegszeit, in: Bernd Wegner (Hrsg.), Wie Kriege enden, Paderborn 2002, S. 240f.
10.
Vgl. Andreas Hilger, Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion 1941 - 1956, Essen 2000; Stefan Karner, Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941 - 1956, München 1995; Matthias Reiß, "Die Schwarzen waren unsere Freunde". Deutsche Kriegsgefangene in der amerikanischen Gesellschaft 1942 - 1946, Paderborn 2002.
11.
Vgl. Rüdiger Overmans, The Repatriation of Prisoners of War once Hostilities are Over: A Matter of Course?, in: Bob Moore/Barbara Hately-Broad (eds.), Prisoners of War, Prisoners of Peace. Captivity, Homecoming and Memory in World War II, Oxford 2005, S. 17f.; Arthur L. Smith, Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen, Stuttgart 1985, S. 11.
12.
Dazu ausführlicher Svenja Goltermann, Die Gesellschaft der Überlebenden. Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, München 2009.

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